"Operation Warp Speed" Experten kritisieren Trumps Impfstoff-Projekt

Hunderte Millionen Impfdosen gegen das neue Coronavirus - das verspricht ein Mega-Projekt, das US-Präsident Trump angekündigt hat. Und zwar bis zum Jahresende. Fachleute zeigen sich skeptisch.
Donald Trump (li.) mit Programm-Manager Monecef Slaoui (re.): "Rekord-Rekord-Rekord-Geschwindigkeit"

Donald Trump (li.) mit Programm-Manager Monecef Slaoui (re.): "Rekord-Rekord-Rekord-Geschwindigkeit"

Foto: MANDEL NGAN/ AFP

Der US-Präsident liebt bekanntermaßen den großen Auftritt. Im Rosengarten des Weißen Hauses verkündete Donald Trump am Freitag einen überaus ambitionierten Zeitplan für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes. "Es hat in der Geschichte noch nie so ein Impfstoffprojekt gegeben wie dieses", so Trump zur Vorstellung der "Operation Warp Speed".

Trump verglich den Aufwand mit dem Manhattan-Projekt, mit dem die USA im Zweiten Weltkrieg die Atombomben entwickelt hatten, die auf Japan abgeworfen wurden. Die Arbeit an einem Impfstoff laufe in "Rekord-Rekord-Rekord-Geschwindigkeit", so der US-Präsident. Daher wohl auch der Name des Projekts. Der geht auf den - fiktiven - Warp-Antrieb zurück, der dem – ebenfalls fiktiven - Raumschiff Enterprise zu Reisen verhilft, die schneller als das Licht stattfinden.

Trump erklärte bei der Projektvorstellung sein Ziel sei es, ungefähr bis zum Jahresende einen zugelassenen Impfstoff auf den Markt zu bringen. Verantwortlich dafür soll unter anderem der frühere Pharmamanager Moncef Slaoui sein, der für das Unternehmen GlaxoSmithKline gearbeitet hat, aber auch für den Hersteller Moderna, der gerade an einem Corona-Impfstoff forscht.

Trump erklärte, sein Land wolle bei der Impfstoffentwicklung eng mit anderen Ländern zusammenarbeiten. Es sei egal, wer zuerst einen Impfstoff finde. Allerdings hatte das Fachmagazin "Science"  zuvor berichtet, dass chinesische Unternehmen nicht Partner bei der "Operation Warp Speed" sein dürften.

Seth Berkley, der Chef der globalen Impfallianz Gavi, kritisierte: "Es ist ein globales Problem. Und es braucht eine globale Lösung." China außen vor zu lassen, sei kurzsichtig, so Berkley. Schließlich hätten die Experten dort mehrere Monate Vorsprung.

"Ich habe hinter den Vorhang geschaut und etwas Gutes gesehen"

Trumps Projekt sieht vor, das US-Militär in Impfstoffentwicklung und -verteilung einzubeziehen. Auch Verteidigungsminister Mark Esper erklärte, der Impfstoff solle bis zum Jahresende fertig sein. Nach Angaben des Weißen Hauses gibt es derzeit 14 Impfstoffkandidaten, die in der engeren Wahl seien.

Programmchef Slaoui erklärte, er habe Hoffnung machende Zwischenergebnisse bei einem der Tests gesehen. Allerdings sagte er nicht, um welche Substanz es dabei ging. Er sei aber "zuversichtlich", dass bis Ende 2020 "einige Hundert Millionen Impfstoffdosen" geliefert werden könnten, so Slaoui.

Experten zweifelten den Zeitplan nach der Vorstellung massiv an und kritisierten auch Slaoui für seine Äußerungen: "Es ist unfair gegenüber der amerikanischen Öffentlichkeit, wenn man Wissenschaft per Pressemitteilung veröffentlicht - oder in diesem Fall sagt: 'Ich habe hinter den Vorhang geschaut und etwas Gutes gesehen, und Sie müssen mir vertrauen'", klagte der Impfstoffexperte Paul Offit vom Kinderkrankenhaus Philadelphia in der "Washington Post" . "Wenn es Daten gibt, lassen Sie sie uns sehen." Außerdem sei es zu früh, um einen Zeitplan für die Impfstoffentwicklung vorzulegen.

Peter Jay Hotez vom Baylor College of Medicine in Houston (US-Bundessaat Texas) sagte, angesichts einiger großer Studien, die wahrscheinlich in diesem Sommer starteten, sei es vernünftig anzunehmen, dass sich Sicherheit und Wirksamkeit eines Impfstoffs erst in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres nachweisen lassen - und selbst das wäre "ein absoluter Rekord", so Hotez.

Selbst minimale Nebenwirkungen wären ein großes Problem

Rick Bright, ein früherer Impfstoffverantwortlicher der US-Regierung bei der Arzneimittelbehörde Barda, der seinen Job nach eigenem Bekunden durch politischen Druck aus dem Weißen Haus verloren hat, erklärte in dieser Woche im Senat, die Entwicklung eines Impfstoffes dauere oft ein Jahrzehnt. Der Fall Ebola hat gezeigt, dass es unter Umständen auch schneller gehen kann. Allerdings dauerte es auch nach den Ebola-Ausbrüchen ab 2014 noch fünf Jahre, bis die US-Aufsichtsbehörden einen Impfstoff zuließen.

Klar ist bisher außerdem noch nicht einmal, ob es überhaupt einen Corona-Impfstoff geben wird. Und wenn ein oder mehrere interessante Kandidaten vorliegen, müssen sie umfassend getestet werden, einerseits auf ihre Wirksamkeit, andererseits auch auf ihre Verträglichkeit. Bei einer Impfung, die potenziell Milliarden von gesunden Menschen erhalten sollen, wären selbst minimale Nebenwirkungen ein großes Problem.

Auch das britische Wissenschaftsmagazin "The Lancet" hat unterdessen das Vorgehen von Präsident Trump in der Coronakrise in einem Kommentar scharf kritisiert. Die Regierung sei "besessen von Allheilmitteln - Impfstoffen, neuen Medikamenten oder einer Hoffnung, dass das Virus einfach verschwinden wird", hieß es in einem Kommentar , der indirekt auch zur Abwahl Trumps aufrief.

Und der US-Präsident? Der lieferte am Freitag weitere Belege für seine Kritiker. "Ich möchte nicht, dass die Leute denken, alles sei von einem Impfstoff abhängig", sagte er  zur Vorstellung der "Operation Warp Speed". In vielen Fällen gebe es keinen Impfstoff, "und es kommt ein Virus oder eine Grippe und man kämpft sich durch", so Trump. "Für andere Dinge gab es noch nie einen Impfstoff, und sie verschwinden."

chs
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