Studie zu Corona-Maßnahmen So effektiv ist die deutsche Pandemie-Politik

Brauchte es den Lockdown wirklich? Oder hätte Deutschland die Corona-Pandemie auch anders in den Griff bekommen können? Neueste Simulationen liefern erste Antworten.
Kommt die zweite Welle?

Kommt die zweite Welle?

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Viola Priesemann sah die Welle kommen. Nachdem Anfang März klar war, dass das damals vollkommen neuartige Coronavirus den Sprung nach Europa geschafft hatte, entschied sich die Göttinger Physikerin ihre sozialen Kontakte radikal zu reduzieren: keine Besuche mehr, Arbeit im Homeoffice, keine Kita-Nutzung.

"Nach den Berichten über die Infektionen in Italien war klar, dass der Erreger bald überall sein würde. Also habe ich meinen privaten Lockdown gestartet, zwei Wochen vor der offiziellen Kontaktsperre", sagt die Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation dem SPIEGEL. Die Politik folgte später:

  • Um den 8. März wurden große öffentliche Veranstaltungen abgesagt,

  • eine weitere Woche später mussten Bildungseinrichtungen und viele Geschäfte schließen.

  • Weitere sieben Tage später, am 22. März, einigten sich Bund und Länder auf strenge Regeln zur Kontaktbeschränkung.

Das Sars-CoV-2-Virus breitete sich zu dieser Zeit massiv in der Bevölkerung aus. Ende März wurden den Gesundheitsbehörden an manchen Tagen fast 7000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet. Inzwischen liegt die Zahl stabil bei deutlich unter 1000. Verantwortlich dafür sind neben individuellen Verhaltensänderungen vor allem die gesetzlichen Regelungen.

Doch auch wenn die Beschränkungen im Vergleich zu anderen europäischen Staaten wie Frankreich oder Spanien in Deutschland noch vergleichsweise moderat ausfielen: Waren sie in ihrer Strenge überhaupt nötig? Hätte sich die Pandemie nicht womöglich auch mit weniger rigiden Maßnahmen in den Griff bekommen lassen? Und ist die Zahl gesunder Menschen, die ein Kranker mit dem Virus ansteckt, die sogenannte Reproduktionszahl, nicht bereits vor der offiziellen Verkündung der Maßnahmen gesunken? Diese Fragen werden derzeit zum Teil hochemotional diskutiert. Es gibt zwei Arten, von dieser Debatte - wenn man sie so nennen will - zu erzählen:

  • Einerseits wollten sich am Samstag in Stuttgart, München, Berlin, Dortmund und vielen anderen Städten wieder Gegner der Corona-Maßnahmen zu Demonstrationen treffen. Bei früheren Zusammenkünften dieser Art war eine wirre Mischung aus Verschwörungstheoretikern, Impfgegnern und Rechtspopulisten zusammengekommen, Abstandsregeln wurden missachtet, Schutzmasken nicht getragen.

  • Andererseits finden sich bei Meinungsumfragen solide Mehrheiten für den bisherigen Corona-Kurs der Politik: Im "ZDF Poltibarometer"  etwa erklärten zuletzt 66 Prozent, sie fänden die Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern richtig. Das Wissenschaftsbarometer hatte zuvor auch ein großes Vertrauen in die Rolle von Forschenden in der Krise zum Ausdruck gebracht.

Doch was sagt die Wissenschaft zur Krisenpolitik? Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen des Göttingen Campus hat Viola Priesemann gerade im Wissenschaftsmagazin "Science"  vorgerechnet, was die deutschen Corona-Regeln gebracht haben. Sie beziehen sich dabei auf Computersimulationen zur Ausbreitung des Infektionsgeschehens. "Wir können zeigen, dass alle drei Maßnahmenpakete die Zunahme der Infektionen klar bremsen konnten. Aber erst durch das weitreichende Kontaktverbot gingen die Fälle dann deutlich zurück."

Strenge Regeln zur Kontaktbeschränkung brachten den Durchbruch

Die Forscher legen nachvollziehbar dar, wie sich das Ergebnis der Beschränkungen jeweils etwa zwei Wochen nach ihrer Verkündung in den Fallzahlen zeigte. Die Verzögerung ergibt sich durch die sogenannte Inkubationszeit, also die Zeit bis eine Erkrankung erkennbar war, den Zeitraum bis dann ein Covid-19-Test gemacht wurde und das Ergebnis vorliegt sowie die Übermittlung dieses Resultats an das Robert Koch-Institut (RKI).

Im Detail beziffern die Forscher den Erfolg der verschiedenen Maßnahmen wie folgt:

  • Die Absage von Großveranstaltungen hat die Wachstumsrate der Virusverbreitung von etwa 30 Prozent auf rund 12 Prozent sinken lassen. Eine Wachstumsrate von null Prozent entspricht übrigens einer Reproduktionszahl von 1.

  • Die Schließung von Schulen, Unis und den meisten Geschäften drückte den Wert weiter auf rund zwei Prozent. Die Epidemie wäre damit noch nicht gestoppt gewesen.

  • Erst die strengen Regeln zur Kontaktbeschränkung ließen die Wachstumsrate schließlich auf etwa -3 Prozent sinken. Das ist ein vergleichsweise geringer Effekt, aber womöglich auch nur, weil die Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt bereits sensibilisiert war.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass tatsächlich das volle Ausmaß der Interventionen zur sozialen Distanzierung notwendig war, um die Welle so schnell abflachen zu lassen", sagt Priesemann. Die Schließung von Bildungseinrichtungen und vielen Geschäften hätte die Reproduktionszahl zwar nahe an den Wert von eins gebracht, aber eben wohl nicht ganz. Einen weniger einschneidenden Weg für Deutschland durch die Coronakrise hätte es demnach nicht ohne Weiteres gegeben.

Das Timing ist entscheidend

Einen Widerspruch zu Berechnungen des RKI, wonach die Reproduktionszahl bereits am 21.3., also einen Tag vor der Verkündung der Kontaktbeschränkungen, unter 1 gegangen ist, sieht die Forscherin nicht. "Unsere Resultate sind innerhalb der Unsicherheiten konsistent mit denen vom RKI." Zum Teil hätten Menschen auch die politischen Entscheidungen in ihrem Verhalten bereits vorweggenommen - so wie Priesemann es für sich selbst am Anfang der Krise beschrieben hat.

Wenn die Politik aber doch eingreift, ist auch das Timing wichtig – und auch das hat in Deutschland offenbar ganz gut geklappt, im Gegensatz zu den USA zum Beispiel. Die Forscher zeigen in ihrer Arbeit, dass eine Verzögerung der Maßnahmen um nur fünf Tage den Verlauf der Infektion maßgeblich zum schlechteren beeinflusst hätte: Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen wäre dann laut Simulation auf weit mehr als 30.000 Fälle pro Tag geklettert.

Inzwischen hat Deutschland einen Großteil der Corona-Regelungen wieder gelockert. Priesemann gehört zu den Verfasserinnen eines Statements im Namen der vier großen deutschen Wissenschaftsorganisationen - Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft –, die sich für eine langsamere Lockerung stark gemacht hatten. Das darin erklärte Ziel war es, die Zahl der neuen Ansteckungen soweit zu senken, dass die zuständigen Gesundheitsämter die Infektionsketten tatsächlich nachverfolgen können.

"Ich bin immer noch sehr, sehr vorsichtig."

Viola Priesemann, Forscherin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen

Findet die Forscherin nun, dass die Lockerungen zu früh gekommen sind? Aus ihren Modellen ließe sich das nicht ohne Weiteres ablesen, sagt Priesemann. Das Team präsentiert deswegen drei Szenarien:

  • In einem verdoppelt sich durch die Lockerungen vom 11. Mai die Ansteckungsrate. In diesem Fall wäre auf jeden Fall mit dem Start einer zweiten Welle zu rechnen.

  • Im nächsten Szenario bleibt die Anzahl täglicher Neuinfektionen etwa konstant, hier ist eine neue Welle immer noch möglich.

  • Das dritte Szenario schließlich wäre das wünschenswerte, hier würden die Neuinfektionen nachhaltig zurückgehen.

"In zwei Wochen werden wir sehen, was die letzten Lockerungen für Folgen haben", sagt Priesemann. In der aktuellen Cosmo-Befragung  von Forschenden um die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt haben sieben von zehn Befragten angegeben, dass sie mit einer zweiten Corona-Welle rechnen.

Und wie sieht die Forscherin die Sache? Priesemann sagt, sie habe sich bisher nur eine einzige Lockerung erlaubt: "Bei der Kinderbetreuung wechseln wir uns mit einer anderen Familie ab. Wir haben ein festes Team gebildet. Ich bin ansonsten aber immer noch sehr, sehr vorsichtig."

Anmerkung der Redaktion: Frau Priesemann hat uns nach Veröffentlichung des Artikels gebeten, ihr erstes Zitat zu präzisieren. Diesem Wunsch haben wir entsprochen.