Ministerpräsidentenkonferenz wegen Corona Was derzeit über Omikron bekannt ist

Die Omikron-Welle rollt durch Deutschland, während die Ministerpräsidentenkonferenz über weitere Maßnahmen berät. Ein Überblick zu der Variante – von der offenbar schon ein weiterer, infektiöserer Untertyp grassiert.
Omikron-Modell des Coronavirus

Omikron-Modell des Coronavirus

Foto: Naeblys / iStockphoto / Getty Images

Lockerungen wird es wohl nicht geben, wenn an diesem Montag in Berlin Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die Regierungschefinnen und -chefs der Länder beraten. Corona hat Deutschland in bisher ungekannten Ausmaßen im Griff: Gerade an diesem Montag wurde bei der Sieben-Tage-Inzidenz ein neuer Höchstwert erreicht, er kletterte auf mehr als 840. Manche Regionen verzeichnen Werte, die schon länger weit über 1000 liegen.

Das könne zu sehr vielen Krankenhausaufnahmen führen, heißt es in einem Entwurf einer Beschlussvorlage vom Sonntagabend. Zudem wird die Lage zunehmend schlechter erfasst: Weil Labore überlastet sind und Tests knapp, sollen PCR-Tests künftig wohl nur noch nach Priorität durchgeführt werden. Zuerst werden vulnerable Gruppen sowie Beschäftigte, die diese betreuen und behandeln, getestet.

Das alles verdankt Deutschland einer immensen Omikron-Welle, die durchs Land rollt. Längst ist die Virusvariante, die erstmals im November in Afrika erkannt wurde, hierzulande vorherrschend. Laut dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) wird sie das im restlichen Europa spätestens im Februar sein. Was ist über Omikron bekannt?

DER SPIEGEL

Sicher zu sein scheint, dass sich Omikron schneller verbreitet als die Delta-Varianten, schwere Verläufe aber seltener sind. Dabei begünstigt wohl vor allem eine Eigenschaft Omikron: Die Variante kann bereits infizierte oder geimpfte Menschen leichter erneut anstecken – anders als zunächst gedacht ist Omikron grundsätzlich aber kaum ansteckender als Delta, deuten Studien aus den USA an (mehr dazu lesen Sie hier ). Die Viruslast war bei Untersuchungen in Nase und Rachen bei Omikron nicht höher als bei Delta. Aber dem Virus spielt in die Karten, dass es trotz Immunität leichter Menschen erneut infizieren kann.

Im Podcast des NDR fasst die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek zusammen: Nie sei das Risiko, sich zu infizieren, größer gewesen – zugleich sei das Risiko für eine schwere Erkrankung, wenn man geimpft oder geboostert sei, niedrig wie nie. Ciesek beruft sich im Podcast auf eine noch im Preprint – also ohne Überprüfung von Fachkollegen – veröffentlichte Studie aus Südkalifornien, die klinische Verläufe bei Omikron-Patienten mit denen von Patienten mit Delta vergleicht.

Mit breiter Datenbasis zeige sich, dass Patienten mit Omikron seltener beatmet werden müssen oder auf der Intensivstation liegen. Im Schnitt lägen sie bei Hospitalisierung zudem drei oder vier Tage kürzer im Krankenhaus. Der Hamburger Intensivmediziner Stefan Kluge verweist auf Daten aus mehreren Ländern, die zeigen, dass das Risiko, mit Omikron ins Krankenhaus zu müssen, im Vergleich zu Delta in allen Altersgruppen wohl um mehr als die Hälfte reduziert ist. »Das ist eine gute Nachricht«, so der Lungenfacharzt.

Dennoch könnte das Gesundheitssystem vor schweren Aufgaben stehen. Denn auch wenn weniger schwere Verläufe drohen, könnte allein die Menge an Infektionen entscheidend sein: Derzeit müssen in Deutschland etwa 0,7 Prozent der mit Delta Infizierten intensivmedizinisch betreut werden. Auch wenn diese Rate bei Omikron-Patienten niedriger ist, könnte eine Überlastung der Intensivstationen drohen.

Nach allgemeiner Einschätzung gelten Coronainfektionen, bei denen man ins Krankenhaus muss, als schwere Verläufe. Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters und Mitglied des Corona-Expertenrats , sagt: »Wir wissen noch nicht so viel darüber, wie schwer bei Omikron das Lungenversagen ist, wenn die Erkrankten auf die Intensivstation müssen.« Er gehe nach ersten vorsichtigen Berichten aus dem Ausland aber nicht davon aus, dass der Einsatz von Herz-Lungen-Maschinen (Ecmo) bei Omikron so häufig nötig sei wie bei Delta. Auch Ciesek verweist darauf, dass Infizierte, auch wenn sie laut Definition nicht schwer erkrankt seien, viel betroffener von einer Omikron-Infektion sein können als von einem banalen Schnupfen. Sie mahnt, niemand wisse, wie der individuelle Verlauf sei, wenn man erkranke. Omikron auf die leichte Schulter zu nehmen oder sich gar vorsätzlich zu infizieren, sei der falsche Weg.

Geringeres Risiko bei Impfschutz

Neben den Ungeimpften ist es die Gruppe der Menschen höheren Alters, die den Experten auch in der Omikron-Welle besondere Sorgen macht. Bei den über 60-Jährigen sei die Inzidenz derzeit noch vergleichsweise niedrig, so Karagiannidis. »Da müssen wir unglaublich gut hingucken in den nächsten Wochen.« Bei vollständig geimpften hochaltrigen Menschen gebe es immer wieder Impfdurchbrüche – mit welcher Krankheitsschwere sich diese entwickeln, bleibe abzuwarten. »Es wird sich noch viel stärker dahin verschieben, dass Ungeimpfte und Ältere von Infektionen betroffen sein werden.«

Bei gesunden, jungen Erwachsenen sei das Risiko eines schweren Verlaufs vor allem mit Impfschutz sehr gering, bei Omikron noch reduzierter, so Kluge. Doch er betont, dass dies sich mit zunehmendem Alter ändere: Man wisse, dass der stärkste Risikofaktor, schwer zu erkranken, das Alter ist. Mit jeder Dekade steige das Sterberisiko.

Für Menschen mit schweren Vorerkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen könne eine Infektion, besonders wenn sie ungeimpft seien, ebenfalls extrem gefährlich sein. »Alter und Vorerkrankungen scheinen bei Omikron genau die gleiche Rolle als Risikofaktoren zu spielen wie bei Delta und vorherigen Varianten«, stellt Kluge klar.

Entwarnung bei Kindern? Experten nehmen an, dass Coronainfektionen für Kinder und Jugendliche allgemein weniger kritisch sind als für Erwachsene. Das liege daran, dass ihr Immunsystem anpassungsfähiger sei und das Virus stärker schon in den Atemwegen abgefangen werde, erklärt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Jörg Dötsch. Mit Blick auf Omikron verweist er auf US-Studiendaten, nach denen für unter Fünfjährige das Risiko, ins Krankenhaus zu müssen, ein Drittel so groß sei wie bei Delta.

Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, schildert aus seinem Berufsalltag in einer Berliner Kinderarztpraxis, die meisten derzeit positiv getesteten Kinder seien völlig gesund und symptomfrei. Sie kämen wegen positiver Schnelltests in den Schulen zum PCR-Test in die Praxis und nicht wegen Beschwerden. Einige Kinder hätten Schnupfen, teils Husten und Fieber oder Magen-Darm-Probleme.

Dötsch erklärt, gerade bei Jüngeren könne die Infektion auch Fieberkrämpfe bewirken. Bei Omikron fielen die Symptome aber in der Regel leichter aus als etwa bei Delta. Bei den seltenen schweren Verläufen bei Kindern könnten allerdings schwere Atemprobleme bis hin zur Beatmung auftreten. Auch Komplikationen an den Blutgefäßen wie Blutgerinnsel seien denkbar, sagt Dötsch. Weil diese Dinge bei Kindern so viel unwahrscheinlicher seien als bei Erwachsenen, könne man aber sagen: »Bei Kindern in der Gesamtheit ist der Verlauf milder.«

Auch neue Varianten könnten Deutschland in Zukunft vor weitere Probleme stellen. Derzeit grassiert in Großbritannien oder Dänemark beispielsweise die Subvariante BA.2 von Omikron, über die noch sehr wenig bekannt ist. Die britische Gesundheitsbehörde stufte sie als »Variante unter Beobachtung« ein. Üblicherweise werden Varianten, die gegebenenfalls irgendwann »besorgniserregende Varianten« genannt werden, zunächst beobachtet.

Bislang seien in Großbritannien 426 Fälle von BA.2 bekannt, hieß es am Freitagabend von der Behörde. Erste Analysen legten die Vermutung nahe, dass die Untervariante noch leichter übertragbar sein könnte als BA.1. Zudem ist sie mit den bisherigen PCR-Tests schwerer zu erkennen, da das Virus nicht als Omikron identifiziert wird. Deshalb wird sie auch Tarnkappen-Variante genannt. Eine Unterscheidung ist aber nach wie vor über Genomsequenzierungen möglich. Solche Verfahren sind aber aufwendiger. Deshalb könnte diese Variante häufiger unerkannt bleiben.

joe/dpa