Erster Nachweis in Deutschland Was wir über die Corona-Mutation aus Südafrika wissen

Auch die Corona-Mutation aus Südafrika ist in Deutschland angekommen. Sie bereitet Forschern noch mehr Sorgen als die Variante aus Großbritannien.
Passagier am Flughafen in Johannesburg (Archivfoto)

Passagier am Flughafen in Johannesburg (Archivfoto)

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Siphiwe Sibeko / REUTERS

Ende Dezember hatte die Bundesregierung Einreisesperren für Menschen verhängt, die aus Großbritannien, Irland und Südafrika nach Deutschland wollten. So erhofften sich die Verantwortlichen einen Schutz vor den neuartigen Mutationen. Doch seit Dienstag wissen wir: Die Maßnahme kam wohl zu spät.

Die sogenannte Südafrika-Mutation des Coronavirus ist in Deutschland angekommen. Der hochansteckende Erreger ist bei einer Familie entdeckt worden, die bereits am 13. Dezember 2020 aus Südafrika nach Baden-Württemberg eingereist ist. Inzwischen sind sechs Personen aus drei Haushalten im Zollernalbkreis südlich von Tübingen betroffen. Auch bei einem Mann in Bottrop in Nordrhein-Westfalen wurde die Variante nachgewiesen, hatten Tests eines Labors an der Charité Berlin ergeben. Er hatte ebenfalls Südafrika besucht.

Mutationen des Virus bereiteten den Experten zuletzt Sorgen, allerdings schien 501.V2 – so heißt das veränderte Coronavirus, das zum ersten Mal in Afrika nachgewiesen wurde – dabei keine große Rolle zu spielen. Im Fokus stand zuallererst die Mutation B.1.1.7. Sie wurde erstmals in Großbritannien und Irland entdeckt und sorgt dort derzeit wohl für höhere Infektionsraten. B.1.1.7 hatte sich in zahlreichen Ländern verbreitet, in Deutschland wurde sie bereits Ende Dezember nachgewiesen.

Nach den bisherigen Erkenntnissen erhöht sich bei den Mutationen der R-Wert, der angibt, wie viel weitere Menschen ein Infizierter ansteckt. Doch seit Dienstag droht auch die in Südafrika entdeckte Variante hierzulande das Infektionsgeschehen zu verändern. Was ist über diese Mutation bekannt?

Die Regierung Südafrikas hatte am 18. Dezember von einer neuen Virusvariante berichtet, die sich rasch in dem Land ausbreitet. Die Mutation wurde von einem Forschungsteam unter Leitung des südafrikanischen Kwazulu-Natal Research Innovation and Sequencing Platform (KRISP) entdeckt, das seit den ersten Fällen im März in dem Land viele Proben genetisch untersucht hat.

Britische und südafrikanische Variante sind verwandt

Offenbar breitete sich die Variante bereits Anfang November schnell aus und verdrängte in drei Provinzen andere Virusvarianten, berichtet die Weltgesundheitsorganisation WHO . Ob die Mutation wirklich zuerst am Kap aufgetreten ist, ist aber unklar. Doch die Nation ist in Afrika am stärksten von der Pandemie betroffen, fast 35.000 Menschen sind gestorben. Derzeit hat die Regierung im Lockdown eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Die Einhaltung der Maßnahmen ist aber gerade in den Townships schwierig, wo die Menschen teils sehr beengt leben.

Ärzten aus Südafrika zufolge haben sich während der zweiten Welle mehr jüngere Menschen mit Sars-CoV-2 als zuvor infiziert. Tatsächlich hatten Untersuchungen ergeben, dass sowohl die britische Variante als auch die aus Südafrika ansteckender sind. Der Grund dafür liegt in einer Veränderung des Spike-Proteins durch die Mutation. Dieses Protein an der Virusoberfläche dockt an die Wirtszelle an und dringt so in menschliche Zellen ein.

»Die epidemiologischen Daten, die man zu den neuen Varianten hat, geben durchaus einen Grund zur Sorge. Einfach, weil es ein eventuell ansteckenderes Virus ist«, sagte die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf in der Schweiz kürzlich dem Science Media Center. Sie betonte zwar, dass die Daten nur vorläufig seien, aber dass man aufgrund der Pandemie-Lage handeln müsse.

Nach bisherigen Erkenntnissen führen die Mutationen weder zu schwereren Covid-19-Erkrankungen noch verursachen sie höhere Todesraten. Dennoch könnten langfristig mehr Menschen umkommen. Denn weil sie sich schneller verbreiten und mehr Menschen erkranken, erhöht sich statistisch auch die Wahrscheinlichkeit für schlimmere Verläufe. Die Gesundheitssysteme könnten durch diese Varianten also stärker unter Druck geraten, fürchten Epidemiologen.

Beide Virusvarianten sind verwandt und tragen gemeinsame Mutationen in ihrem Erbgut. 501.V2 scheint ein Abkömmling von B.1.1.7 zu sein. Die Südafrika-Variante verfügt über acht verschiedene Mutationen im Erbgut. Allerdings gibt es hier eine Mutation, die Wissenschaftlern Sorgen bereitet: E484K.

Möglicherweise sorgt sie dafür, dass durch das Immunsystem gebildete Antikörper von Genesenen weniger gut auf das Virus passen und sie es nicht mehr im gleichen Umfang neutralisieren können. Das bedeutet, dass sich Menschen, die eine Infektion durchgemacht haben, möglicherweise leichter wieder anstecken könnten. Das legt auch eine Studie nahe, bei der Forscher untersucht hatten, warum sich in Brasilien zwei Frauen erneut mit dem Virus infizierten.

Eine weitere Befürchtung ist, dass Impfstoffe gegen 501.V2 vielleicht nicht so gut wirken wie gegen andere Virusvarianten. Impfstoffentwickler wie Biontech sehen aber bisher wenig Probleme . Ob es zu einer Beeinträchtigung des Impfschutzes kommt, wird derzeit untersucht. Selbst wenn Mutationen entstünden, die zu einer geringeren Wirksamkeit führten, könnte der Impfstoff schnell angepasst werden. Unklar ist aber, ob eine solche Anpassung erneut einen Zulassungsprozess durch die Behörden durchlaufen muss (mehr dazu lesen Sie hier ).

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Die meisten Mutationen sind harmlos

Mutationen sind zufällige Veränderungen im Genom des Virus. Sie entstehen bei der Vervielfältigung in den Wirtszellen. Dieser Prozess findet ständig statt und ist Teil der natürlichen Evolution des Virus. Forscher hatten schon zu Beginn der Pandemie erklärt, dass mit solchen Veränderungen des Virus zu rechnen ist. Inzwischen sind Tausende Mutationen bekannt, oft treten mehrere in einem Virusgenom auf. Die meisten sind unproblematisch. Aber manche verschaffen dem Erreger einen Vorteil – etwa indem sie ihn leichter übertragbar machen. Und das kann dazu führen, dass sich solche Varianten stärker verbreiten und sie sich gegenüber schwächeren durchsetzen.

Coronaviren besitzen mit rund 30.000 Basen in Einzelstrangform das größte Genom aller RNA-Viren. Die Mutationsrate von Sars-CoV-2 ist im Vergleich mit anderen Viren dieser Art eher niedrig – pro Replikationszyklus kommt es zu relativ wenigen Mutationsereignissen. Ein besonderer Mechanismus korrigiert Fehler und hält ihre Anzahl bei der Vervielfältigung niedrig. Allerdings hat das Virus bei hohem Infektionsgeschehen viel mehr Möglichkeiten, sich zu verändern – und das ist derzeit der Fall.

Allein deshalb fordern Forscher, die Entwicklung von Sars-CoV-2 sehr genau zu beobachten. »Es ist wichtig, nicht nur diese beiden Varianten zu überwachen, sondern alle. Da muss man wirklich in langfristige Systeme investieren und eben auch an die Zeit denken, wenn die Pandemie mal vorbei ist«, so Eckerle.

joe
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