Coronadaten aus Israel Was die neuen Zahlen zur verminderten Impfwirksamkeit bedeuten

Die Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs könnte aufgrund der Ausbreitung der Delta-Variante reduziert sein, das legen neue Daten aus Israel nahe. Experten raten dennoch zur Gelassenheit.
Impfung gegen Sars-CoV-2 in Israel

Impfung gegen Sars-CoV-2 in Israel

Foto: Ammar Awad / REUTERS

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Wenn diesen Mittwoch wieder der neue Virusvariantenbericht des Robert Koch-Instituts erscheint, dann können sich viele sicher bereits vorstellen, was dort zu lesen sein wird: Die Ausbreitung der besorgniserregenden Delta-Variante hat auch in Deutschland weiter zugenommen. Zuletzt hatte sie bereits für mindestens die Hälfte aller Neuinfektionen gesorgt. Es bestehen wenig Zweifel, dass die zuerst in Indien entdeckte Mutante früher oder später alle anderen weitgehend verdrängen wird.

Mit der Ausbreitung von Delta fällt der Blick unweigerlich auf Regionen, in denen sie bereits die vorherrschende Variante von Sars-CoV-2 ist. Und von dort kommen Nachrichten, die das Potenzial haben, den Deutschen den Sommer mit den niedrigen Inzidenzen und täglich nur einigen Hundert neuen Coronafällen zu vermiesen.

Aus Israel heißt es, dass die Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs gegen Delta doch geringer sein könnte als bisher angenommen. Die Nation, die wegen ihrer schnellen Impfkampagne bewundert wurde, hat bereits den Großteil der Erwachsenen zweifach geimpft und entsprechend viel Erfahrung mit der Vakzine.

Zudem flossen viele Daten aus Israel in Studien ein. Von den etwa 9,3 Millionen Einwohnern haben 5,7 Millionen Menschen die erste Impfung erhalten, davon sind 5,2 Millionen vollständig geimpft. Dies entspricht 56 Prozent der Bevölkerung – von einer Herdenimmunität, die nach Schätzungen für die Delta-Variante bei rund 85 Prozent erreicht ist, ist das Land aber noch weit entfernt.

Laut dem israelischen Gesundheitsministerium  wurden in den vergangenen zwei Wochen wieder vermehrt Corona-Neuinfektionen im ganzen Land beobachtet. Ende der vergangenen Woche waren es 334 Fälle an einem Tag, so viele wurden seit April nicht mehr innerhalb von 24 Stunden positiv getestet. Zudem geht die vermehrte Zunahme mit der Ausbreitung der Delta-Variante in Israel einher. Ihr Anteil liegt bereits bei mehr als 90 Prozent.

Was bedeutet »nur noch 64 Prozent«?

Mit Blick auf die Wirksamkeit der Impfungen bedeutet das: Comirnaty, das Mittel von Biontech und seinem US-Partner Pfizer, verhindert eine Infektion und eine Erkrankung wohl nur noch zu 64 Prozent, Krankenhausaufenthalte sowie schwere Verläufe zu 93 Prozent.

Zum Vergleich: Im Februar hatte das Gesundheitsministerium in Israel noch mitgeteilt, der Impfstoff von Pfizer/Biontech verhindere eine Corona-Erkrankung zu 95,8 Prozent. Typische Symptome wie Fieber und Atembeschwerden würden demnach zu 98 Prozent verhindert, Krankenhausaufenthalte, schwere Erkrankungen und Todesfolgen zu rund 99 Prozent. Die entscheidenden Punkte für die Bewertung des Impfschutzes sind jene zur Verhinderung symptomatischer sowie schwerer Verläufe.

Noch sind die Daten aus Israel vorläufig und sollten mit entsprechender Vorsicht betrachtet werden. Doch was bedeutet ein Wert von 64 Prozent in Bezug auf die Wirksamkeit?

Zumindest nicht, dass von 100 Geimpften 64 gesund bleiben und die anderen 36 Prozent krank werden. Die Zahlen beziehen sich jeweils auf das individuelle Risiko – dies wird um 64 Prozent gemindert. Doch das individuelle Risiko ist höchst unterschiedlich, denn nicht jeder erkrankt an Covid-19, der sich mit dem Virus infiziert – auch Verläufe ohne Symptome sind bekannt.

Für Studien zur Wirksamkeit der Impfstoffe haben die Forscher die sogenannte relative Risikoreduktion ermittelt. Klarer wird die Bedeutung mit einem Blick in die Zulassungsstudien zu den Impfstoffen. Darin wurden die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt. Eine bekam zwei Dosen des Impfstoffs, die andere jeweils ein wirkungsloses Placebo. Dann wurde geschaut, wie viele Fälle von Covid-19 auftraten. Würde ein Impfstoff beispielsweise völlig ohne Wirkung bleiben, müssten in beiden Gruppen etwa gleich viele Fälle auftreten. Aber bisher haben die Studien deutliche Unterschiede gezeigt – in den Wirkstoffgruppen kam es zu viel weniger Covid-19-Fällen.

Statistiker berechnen den Wirksamkeitswert dann, indem sie den Anteil der Covid-19-Fälle in der Impfgruppe durch den Anteil der Covid-19-Fälle in der Kontrollgruppe dividieren. In Prozent gibt der Wert an, um viel die Impfung das Risiko senkt, an Covid-19 zu erkranken. Er bezieht sich nicht auf die Gruppe der Geimpften, sondern auf die der Infizierten (mehr dazu lesen Sie hier).

Relative statt absolute Risikoreduktion

Erreicht man beispielsweise eine Wirksamkeit von 90 Prozent, bedeutet das nicht, dass neun von zehn Menschen durch eine Impfung geschützt werden, oder dass bei einer Impfquote von 100 Prozent in einem Land 90 Prozent der Bevölkerung gesund bleiben und zehn Prozent krank werden.

Um diesen Wert, der das absolute Risiko für eine Infektion anzeigt, herauszufinden, müsste man Studien durchführen, bei denen man sicher sein kann, dass die Probanden auf jeden Fall krank werden würden, wenn sie keine Impfung erhalten hätten.

Solche Studien gibt es, sie werden Human-Challenge-Studien genannt. Zwar sind sie aufgrund ihrer Risiken umstritten, sie wurden aber auch bei der Erforschung von Sars-CoV-2 schon durchgeführt. In Großbritannien wollten Wissenschaftler beispielsweise junge Menschen, die das Coronavirus bereits hinter sich hatten, gezielt erneut anstecken, um herauszufinden, welche Viruslasten erforderlich sind und wie das Immunsystem reagiert.

Letztlich wäre also auch eine Wirksamkeit von 64 Prozent noch ein guter Wert. Zum Vergleich: Die Vakzine von Johnson & Johnson kommt auf ähnliche, etwas höhere Werte; trotz der Gefahr von sehr seltenen Fällen von Blutgerinnseln bewertet die EU-Arzneimittelbehörde Ema den Nutzen des US-Impfstoffs größer als die Risiken.

Auch viele Experten sehen noch keinen Grund zur Beunruhigung wegen der Forschungsergebnisse aus Israel. Selbst der Vorsitzende des israelischen Expertengremiums zu Covid-19, Ran Balicer, hält es noch für zu früh, um präzise Aussagen über die Impfstoffwirksamkeit gegen die Delta-Variante zu treffen.

Ähnlich sieht es Charité-Forscher Leif Erik Sander. »Diese Zahlen muss man noch etwas mit Vorsicht betrachten. Es ist methodisch schwierig, in einem solchen Setting wie in Israel mit niedrigen Inzidenzen und lokalen Ausbrüchen die genaue Effektivität der Impfung zu bestimmen«, sagt der Virologe.

Der Virologe Alexander Kekulé urteilt, man müsse nicht in Panik geraten. Denn es sei völlig klar, dass die Impfstoffe gegen neue Varianten nicht die gleiche Wirksamkeit erzielten wie gegen Ursprungsvarianten. Selbst bei einem geringeren Impfschutz sei das Immunsystem in einer besseren Ausgangslage als ohne Impfung.

Zudem gibt es durchaus Daten,  die denen aus Israel widersprechen. Ergebnisse aus Großbritannien legten nahe, dass der Impfschutz bei Delta kurz nach der zweiten Dosis nur geringfügig reduziert ist. Demnach erreichte der Impfstoff von Biontech noch eine Wirksamkeit von 88 Prozent und der von AstraZeneca 67 Prozent.

Sander befürchtet aber, dass es aufgrund der Delta-Variante grundsätzlich häufiger zu sogenannten Durchbruchsinfektionen kommen  kann. Davon sprechen Fachleute, wenn doppelt Geimpfte dennoch erkranken. Der Effekt wurde auch schon in Großbritannien beobachtet, wo auch Menschen starben, die bereits den vollen Immunschutz erhalten hatten.

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Solche Beobachtungen erklären sich zum Teil allerdings auch durch Statistik: Je mehr Menschen geimpft sind, desto häufiger wird man bemerken, dass die Impfstoffe nicht perfekt sind. Und dabei ist auch mit Todesfällen zu rechnen. Allerdings geben die vorläufigen Zahlen aus Israel in diesem Punkt Anlass zur Hoffnung, da die Impfung schwere Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte noch zu 93 Prozent abwehrt. Ähnliches hatte auch die Studie aus Großbritannien gezeigt. Der Datenexperte Eran Segal vom israelischen Weizmann Institute of Science in Rechovot rechnet wegen der Impfungen auch künftig nicht mehr mit so vielen schweren Verläufen und Krankenhausaufenthalten, wie es sie zur Hochphase der Pandemie gegeben hat.

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Möglicherweise zeigen die Daten aus Israel auch, dass der Impfschutz bei manchen Teilen der Bevölkerung bereits nachlässt, meint der US-Experte Andy Slavitt auf Twitter . Hier stehen vor allem ältere Menschen im Verdacht. Schließlich sind die Impfungen für die älteren Israelis im Vergleich zu anderen Ländern bereits länger her. Helfen könnte hier eine dritte Impfung im Herbst, die sogenannte Booster-Impfung. Sie wird vermutlich nicht für die gesamte Bevölkerung notwendig sein, könnte nach Ansicht der meisten Expertinnen und Experten aber gerade bei den vulnerablen Gruppen sinnvoll sein.

mit Material von dpa
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