Corona-Pandemie Zahl der Infektionen an Schulen nimmt stark zu

Das Coronavirus breitet sich an deutschen Schulen aus. Nun wird erneut über Schließungen diskutiert. Was die Wissenschaft weiß und was nicht.
Schüler betreten eine Gesamtschule in Niedersachsen

Schüler betreten eine Gesamtschule in Niedersachsen

Foto: Moritz Frankenberg / dpa

Deutschland steckt mitten im November-Shutdown. Ob die Maßnahmen bereits erste, winzige Wirkungen zeigen, ist unklar. Die Zahl der Neuinfektionen erreichte an diesem Freitag mit mehr als 21.500 Fällen innerhalb der letzten 24 Stunden einen neuen Höchstwert. Aber laut dem Robert Koch-Institut (RKI) ist die Reproduktionszahl für kurzfristige Schwankungen, der 4-Tage-R-Wert, ein wenig gesunken. Am Donnerstag lag dieser Wert bei 0,79 – am Montag hatte er noch 1,07 betragen. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab. Aber oft schwankt dieser Wert auch.

An Deutschlands Schulen dürfte man diese Nachricht verhalten aufnehmen. Denn dort scheint sich die Lage zu verschlechtern – immer mehr Lehrer und Schüler sind mit dem Coronavirus infiziert. Bereits am Wochenende waren laut einem Medienbericht bundesweit 165 Schulen komplett geschlossen. Anfragen der "Tagesschau" ergaben nun für viele Bundesländer steigende Fälle an Lehranstalten. In Rheinland-Pfalz hatte sich die Zahl infizierter Schülerinnen und Schüler bis zum 2. November innerhalb einer Woche mehr als verfünffacht.

Auch in Hamburg berichtete die Schulbehörde von steigenden Zahlen. Laut dem NDR  sind derzeit etwa 700 Fälle an 200 der insgesamt 470 staatlichen Schulen bekannt. Weil an der Ida-Ehre-Schule zuletzt täglich neue Fälle auftraten, mussten sich am Freitag sogar alle Schüler sowie das Lehrerkollegium einem Massentest unterziehen. Zudem sind in vielen Bundesländern Schüler und Lehrer in Quarantäne. In Hessen waren es zu Beginn der Woche fast 21.300 von 760.000 Schülern, berichtet die "Tagesschau" . In Bayern sollen es laut älteren Zahlen schon über 50.000 gewesen sein. Verlässliche Zahlen für alle deutschen Schulen gibt es nicht. Sie unterliegen den Kultusministerien der Länder. Und manche können selbst für ihr Bundesland keine zuverlässigen Daten liefern, da die Lage aufgrund des zuletzt stark gewachsenen Infektionsgeschehens unübersichtlich ist oder die Zahlen nur verzögert eintreffen.

Die Shutdown-Strategie der Bundesregierung zielte darauf ab, Schulen und Kindergärten unbedingt offen zu halten. Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die Ministerpräsidenten hatten die Entscheidung für Präsenzunterricht damit begründet, dass man die Familien durch die Betreuung der Kinder nicht wieder unter Stress setzen wolle wie im Frühjahr. Die Eltern sollen weiter arbeiten können. Offenbar wurde abgewogen, was den Bürgern zugemutet werden kann und was nicht. Doch mit Blick auf das Infektionsgeschehen wirft diese Entscheidung derzeit Fragen auf.

Welches Risiko der Schulbetrieb sowie Kinder und Jugendliche in der Pandemie darstellen, darüber diskutieren Forscher schon länger. Es ist nicht abschließend geklärt, ob sich Kinder seltener mit dem Virus anstecken. Einige Untersuchungen hatten aber darauf hingedeutet. Ein Grund könnte ein Rezeptor sein, über den das Virus in den Körper eindringt und der bei Kindern nicht so oft vorhanden ist.

Was die Wissenschaft weiß und was nicht

Eine Studie aus Baden-Württemberg hatte gezeigt, dass Kinder seltener Antikörper als Hinweis auf eine überstandene Corona-Erkrankung im Blut hatten als ihre Eltern. Allerdings spielt auch der Zeitpunkt eine Rolle, in der solche Untersuchungen durchgeführt werden. Ist das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung eher niedrig, wie es beispielsweise in Deutschland nach dem Shutdown im Frühjahr mit geschlossenen Schulen der Fall war, gibt es für Kinder und Jugendliche auch weniger Ansteckungsmöglichkeiten. Die Studie wurde an 2500 Eltern-Kind-Paaren im April und Mai durchgeführt.

Ein ähnliches Ergebnis hatte eine Untersuchung in Sachsen gezeigt. Hier hatten von rund 2000 Schülern und Lehrern, die auf Coronavirus-Antikörper getestet wurden, nur ein halbes Prozent die Infektion durchgemacht. Die Tests wurden vor allem in den Klassen acht bis elf durchgeführt. Eine Hamburger Studie aus dem Mai an 6000 Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre sah vor allem bei älteren Kindern ein erhöhtes Risiko. Je älter die untersuchten Schüler waren, umso höher war ihr Risiko für eine Infektion. Das könnte an größerer sozialer Interaktion in dieser Altersgruppe liegen, hatten die Forscher vermutet.

Eine wichtige Einschränkung gibt das RKI aber für solche Untersuchungen. "Da die Studien meist während oder im Anschluss an Kontaktbeschränkungen beziehungsweise Lockdown-Situationen durchgeführt wurden, ist die Übertragbarkeit auf den Alltag begrenzt", heißt es dort . Mit anderen Worten: Wenn das Infektionsgeschehen hoch ist, wie es derzeit in der gesamten deutschen Bevölkerung der Fall ist, dann zeigt sich das auch an den Schulen.

Infektionen mit dem Coronavirus verlaufen bei jungen Menschen in manchen Fällen mit einer etwas anderen Symptomatik und meist milder als bei Erwachsenen. Aber selbst wenn sie gar keine Symptome zeigen, können Kinder ansteckend sein. Eine Analyse von Infektionsketten im Fachblatt "Science" hatte zuletzt belegt, dass infizierte Kinder das Virus vor allem an Gleichaltrige weitergeben. So steckte sich knapp jedes fünfte Kind in der Altersstufe der 5- bis 17-Jährigen bei infizierten Altersgenossen an. "Kinder sind sehr effiziente Überträger, was sich in früheren Studien nicht so gezeigt hat", schrieb Studienautor Ramanan Laxminarayan von der Princeton University.

"Die allermeisten haben sich außerhalb der Schule angesteckt. Deshalb kommen wir in der Abwägung zu dem Ergebnis, die Schulen offen zu lassen."

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD)

Wenn die Pandemie auch an Schulen konsequent eingedämmt werden soll, besteht also womöglich Handlungsbedarf. Experten bemängeln schon länger Versäumnisse zur Sicherheit von Schülern und Lehrern an deutschen Schulen. Konzepte, um Klassenräume sinnvoll und regelmäßig zu lüften, fehlten – genauso wie Pläne, um Abstände einhalten zu können. Schulen dürften keinesfalls um jeden Preis offen gehalten werden, hatte der Deutsche Lehrerverband (DL) kürzlich gefordert. Man müsse den Schulbetrieb stattdessen an das aktuelle Infektionsgeschehen anpassen und auch entsprechendes Personal bereithalten, so DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bemängelte die aktuelle Situation an den Schulen und kritisiert Aktionismus, der zu nichts führe. Mancherorts würden Maßnahmen kaum umgesetzt, während an einigen Schulen gleich alle in Quarantäne geschickt würden.

In Hamburg sieht man derzeit zumindest keine Veranlassung zu Einschränkungen des Unterrichts. "Die allermeisten haben sich außerhalb der Schule angesteckt. Deshalb kommen wir in der Abwägung zu dem Ergebnis, die Schulen offen zu lassen", sagte Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD).

Immerhin scheint das Virus bei den ganz Kleinen derzeit kein Problem zu sein. Obwohl sich Infektionskrankheiten erfahrungsgemäß in Kindergärten schnell ausbreiten, trifft das auf das Coronavirus wohl nicht zu. Von mehr als 800 Kindern, die ein Team um die Virologin Sandra Ciesek über zwölf Wochen in Hessen immer wieder auf das Virus getestet hatte, konnte bei keinem einzigen eine Infektion nachgewiesen werden. Im Lauf der Studie wurden nur zwei Infektionen gefunden – beide bei Erzieherinnen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, in Bayern seien mehr als 500.000 Schüler in Quarantäne gewesen - in Wirklichkeit waren es mehr als 50.000. Wir haben die Stelle geändert.

joe
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