Neue Daten des Robert Koch-Instituts Omikron verdrängt Delta in Deutschland immer mehr

Die Corona-Variante Omikron breitet sich in Deutschland stark aus. Nach neuen Daten des Robert Koch-Instituts liegt ihr Anteil jetzt schon bei 44,3 Prozent.
Menschen stehen in Köln vor einem Testzentrum

Menschen stehen in Köln vor einem Testzentrum

Foto: Manngold / IMAGO

Die Feiertage haben in Deutschland für eine deutliche Verzerrung der Coronafallzahlen gesorgt. Mal wieder ist der Kampf gegen die Pandemie hierzulande in den Blindflug übergegangen, unter anderem verspätete Meldungen sorgen nach wie vor für ein unvollständiges Bild.

Von größtem Interesse ist derzeit vor allem eine Frage: Wie stark hat sich Omikron schon in Deutschland ausgebreitet? Die letzten Zahlen des Robert Koch-Instituts zum Anteil der Variante stammen aus einem Wochenbericht von Ende Dezember. Nun hat die Behörde die Angaben aktualisiert.

Demnach nimmt der Anteil der ansteckenderen Coronavariante Omikron am Infektionsgeschehen in Deutschland rasend schnell zu. So gingen in der Kalenderwoche 52 (bis 2.1.) laut Meldedaten aus den Bundesländern 44,3 Prozent der auf Varianten untersuchten Coronanachweise auf Omikron zurück, wie das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag in seinem Wochenbericht schreibt.

Eine Woche zuvor wurde der Wert noch mit 15,8 Prozent angegeben. Bei der Zählung werden sowohl Nachweise mittels Erbgutanalyse (Gesamtgenomsequenzierung) als auch Verdachtsfälle aufgrund sogenannter variantenspezifischer PCR-Tests einbezogen.

»Das aktuelle Geschehen in Deutschland wird zunehmend auch von der besorgniserregenden Variante Omikron bestimmt«, schreibt das RKI. Der Anteil der Delta-Variante, die bis vor wenigen Wochen fast ausschließlich das Infektionsgeschehen dominiert hatte, werde kontinuierlich geringer.

Aussagekräftiger, wenn auch weniger aktuell als die Meldedaten, sind die sogenannten Stichprobendaten. Hier fließen ausschließlich Gesamtgenomsequenzen von zufällig ausgewählten Proben ein. Der Omikron-Anteil in Kalenderwoche 51 (bis 26.12.) lag demnach laut RKI bei 20 Prozent im Vergleich zu neun Prozent in der Vorwoche.

Damit ist Omikron weiter auf dem Vormarsch. Die Variante wurde im November aus Südafrika gemeldet. Laut Robert Koch-Institut (RKI) hat sie eine ungewöhnlich hohe Zahl an Mutationen im sogenannten Spike-Protein, einem Baustein des Virus. Einige der Mutationen sind relevant etwa mit Blick auf die Übertragbarkeit, die bei Omikron besonders hoch ist. Gleichzeitig deuten bisherige Daten darauf hin, dass die Variante mildere Krankheitsverläufe verursacht. Zudem ist die Wirksamkeit der Impfstoffe Studien zufolge bei Omikron abgeschwächt.

Auch wenn erst wenige Studien zu Omikron vorliegen und die Lage in Deutschland nur bedingt mit der in anderen Ländern vergleichbar ist, mehren sich die Stimmen, die mittelfristig von etwas Entspannung durch Omikron ausgehen. Die Idee dahinter: Durch Omikron könnte – das ist aber bislang nur eine Hypothese – eine endemische Situation näherrücken. Die hohe Übertragbarkeit führt möglicherweise dazu, dass die Bevölkerung vergleichsweise schnell eine höhere Immunität erreicht. Im Idealfall würden die milderen Verläufe dabei Druck vom Gesundheitssystem nehmen – denn weniger Menschen müssen stationär behandelt werden.

Ein normaler Winter – ohne heftige, neue Mutationen

»Endemische Situation heißt, dieses Virus wird zu einem Erkältungsvirus wie viele andere auch«, sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité kurz vor dem Jahreswechsel im ZDF. »Wie übrigens vier weitere Coronaviren in der Vergangenheit schon.« Es sei eine gute Situation, wenn ein Virus nicht mehr so krank macht, aber gut übertragbar sei und Immunitätslücken in der Bevölkerung schließe. Wenn sich das Virus im Jahresverlauf nicht erheblich ändere, dürften wir einen relativ normalen Winter haben, so Drosten – wie in Zeiten schwerer Grippewellen.

Dabei ist Omikron deutlich ansteckender als alle anderen Varianten. Auf Grundlage von Daten etwa aus Dänemark, Südkorea und Großbritannien kann die Mutante laut Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen als etwa 2,5 bis 3,5 Mal infektiöser als die Delta-Variante eingestuft werden. Laut einer gerade im Preprint – also ohne Überprüfung von Fachkollegen – veröffentlichten Studie aus Dänemark  war Omikron in Haushalten, in denen nur doppelt Geimpfte oder nur Geboosterte lebten, deutlich übertragbarer, so Zeeb. Diese Studie zeige auch, dass Geboosterte das geringste Übertragungsrisiko aufwiesen, Ungeimpfte das höchste.

Erste Zahlen deuten darauf hin, dass die Inkubationszeit – also die Zeit zwischen der Infektion und dem Auftreten erster Symptome – bei Omikron kürzer sein könnte als bei anderen Coronavarianten, wie der Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, Jörg Timm, jüngst in einer Videokonferenz des Science Media Centers (SMC) sagte. Eine belastbare Aussage sei derzeit aber noch nicht möglich. Eine verkürzte Inkubationszeit kann aber auch zu einem explosionsartigen Anstieg der Fälle führen. Dann wären doch Probleme für Deutschlands Gesundheitssystem zu erwarten – genauso wie für andere Bereiche der sogenannten kritischen Infrastruktur, zu der beispielsweise Energie- und Wasserversorger oder Beschäftige im Transportwesen oder der Ernährungswirtschaft gehören.

Auch beim Verlauf einer Erkrankung durch Omikron zeigen sich Unterschiede: Lungenzellen lassen sich Timm zufolge nach bisherigen Erkenntnissen nicht so gut mit Omikron infizieren wie die Zellen der oberen Atemwege, also in Nase und Rachen. Entsprechende Ergebnisse aus Versuchen im Labor an Zellkulturen und im Tiermodell deckten sich mit ersten Informationen aus den Kliniken. »Das bedeutet, dass die Schwere der Erkrankungen mit Omikron abgenommen hat«, sagte Timm. Es bedeute aber nicht, dass eine Erkrankung keine Rolle mehr spiele. Das sei nicht Schwarz-Weiß, so müssten zum Beispiel nach wie vor Risikofaktoren jedes Einzelnen berücksichtigt werden.

Die Schwere der Erkrankung – gemessen am Anteil der Infizierten, die ins Krankenhaus müssen – ist nach Daten des Imperial College bei Omikron im Vergleich zu Delta um 20 bis 45 Prozent geringer, wie Zeeb deutlich machte. Interessant auch in Hinblick auf die Frage nach dem Übergang zur Endemie sei, dass das Hospitalisierungsrisiko nach einer durchgemachten Infektion oder nach der Impfung sogar noch deutlich geringer sei. Das spreche für eine abnehmende Schwere durch Immunisierung, erläuterte er.

Allerdings könnten bei Ansteckungsinzidenzen von über 1000 durchaus wieder ähnlich viele Covid-Erkrankte in Kliniken gebracht werden wie in der Delta-Welle, machte Andreas Schuppert vom Institute for Computational Biomedicine an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen bei der SMC-Konferenz deutlich und ergänzte: »Wir reden über Zahlen, die in Europa realistisch sind.«

Allerdings bedeutet ein vergleichsweise milder Verlauf nicht, dass eine Covid-19-Erkrankung ihren Schrecken ganz verloren hätte. »Mild heißt nicht harmlos«, betonte Clemens Wendtner, der Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing. Er hatte im Frühjahr 2020 die ersten Coronafälle in Deutschland behandelt. So gebe es noch keine Erkenntnisse über Long-Covid-Verläufe bei Omikron.

Laut Schuppert sind die Impfdurchbrüche bei Omikron recht hoch. Selbst Geboosterte sind wohl nur zwischen 76 bis 82 Prozent geschützt. Gegen Delta hat der Schutz um die 95 Prozent betragen. Der Impfschutz vor schweren Verläufen sei aber auch bei Omikron hoch.

Problematisch sehen die Experten vor allem die im Vergleich zu anderen Ländern hohe Zahl an Ungeimpften in Deutschland. Rund 30 Prozent der Bevölkerung seien nicht vollständig geimpft, machte Wendtner deutlich. Zudem wirkten manche der extra für Corona entwickelten Medikamente bei einer Omikron-Erkrankung nicht mehr. Wahrscheinlich sei man nach einer Omikron-Infektion auch nicht gegen Varianten wie Delta geschützt, sagte Drosten. Zudem heiße all das nicht, dass nie wieder andere Varianten kämen. Er gehe auch von einem Anstieg der Inzidenz zum nächsten Winter hin aus. »Das Virus ist weiter in Bewegung.«

joe/wal/dpa
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