Hygieneprüfung bei Tönnies Das Viruskarussell im Zerlegeraum

Zirkulierende Luft in unterkühlten Räumen hat beim Fleischproduzenten Tönnies zur massenhaften Ansteckung mit dem Coronavirus geführt. Nun suchen Experten nach technischen Lösungen für Filteranlagen.
Mitarbeiter des Fleischunternehmens Tönnies arbeiten im Werk in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) an einem Fließband: harte körperliche Arbeit bei kühlen acht bis zehn Grad

Mitarbeiter des Fleischunternehmens Tönnies arbeiten im Werk in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) an einem Fließband: harte körperliche Arbeit bei kühlen acht bis zehn Grad

Foto: Bernd Thissen/ dpa

7000 Menschen sind bereits isoliert, Kitas und Schulen geschlossen: Nach dem Corona-Ausbruch im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück suchen die Behörden nach den Ursachen. Der Virusausbruch beim Fleischkonzern Tönnies könnte sich vor allem im Zerlegebereich abgespielt haben, vermutet nun der Hygiene-Experte Martin Exner von der Universität Bonn nach einer Besichtigung im Werk.

"Dort stehen die Menschen an Fließbändern und müssen mit Messern schwere körperliche Arbeiten verrichten", erklärte Exner am Mittwochnachmittag im Kreishaus Gütersloh. "Außerdem muss die Raumluft ständig auf acht bis zehn Grad heruntergekühlt werden, um die Keimanzahl zu verringern."

Das Problem: Die Raumluft im Zerlegeraum werde ständig durch die Kühlanlage gejagt, um die Temperaturen niedrig zu halten. Infektiöse Aerosole und Schwebeteilchen zirkulierten so ständig in der Luft, anstatt zu Boden zu fallen. "Die Aerosole werden auch in der Kühlanlage nicht gefiltert und so beständig neu durch den Raum gewirbelt", erklärte Exner.

Sobald es einen kranken Mitarbeiter gebe, sei die Wahrscheinlichkeit einer Infektion deshalb besonders groß. Normalerweise sinken die Mikroteilchen innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zu Boden oder werden von Atemmasken abgehalten. "Doch bei dieser schweren Arbeit sind Masken extrem anstrengend für die Mitarbeiter und können zu Atemnot führen", sagt Exner.

UV-Licht und Hochleistungsfilter

Zirkulierende Umluft gibt es allerdings nicht nur bei Tönnies. Laut dem Hygiene-Experten müsste auch für alle anderen Betriebe mit Kühlanlagen oder veralteten Klimaanlagen eine Lösung gefunden werden. "Bisher gibt es dazu keine Regulierungen, weil wir bei diesem neuen Erreger jeden Tag dazulernen müssen", erklärte Exner. Deshalb trage Tönnies zumindest in den Zerlegeräumen nur bedingt Schuld. Über die Zustände in Wohnanlagen der Arbeiter bei Tönnies wollte er sich nicht äußern, die habe man nicht untersucht.

Um das Umluftproblem zu lösen, müssten dringend mobile Geräte mit Hochleistungsfiltern angeschafft werden. "In OP-Räumen nutzen Chirurgen bereits solche Keimfilter, um die Infektionsgefahr niedrig zu halten", so Exner. Allerdings müssten nun neue Filteranlagen speziell für das Coronavirus gefunden werden.

Zudem verwies der Hygiene-Experte darauf, dass die Arbeiter in Betrieben wie Tönnies spezielle Masken bräuchten, die eine körperliche Arbeit zuließen. "Die Masken müssten sicher sein, aber dennoch eine leichtere Luftzufuhr ermöglichen."

Laut dem Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer machten die ersten Corona-Tests in der Bevölkerung Hoffnung: Von den 600 aktuellen Abstrichen lägen derzeit 230 Befunde vor, 229 davon seien negativ, ein Resultat sei noch offen. "Das ist ein ganz kleiner Hoffnungsschimmer", sagt Adenauer.

sug