Covid-19 Was bedeutet eine Corona-Infektion der Mutter für das Neugeborene?

Für Schwangere scheint das Coronavirus nicht gefährlicher zu sein als für die Allgemeinbevölkerung, das legt eine wachsende Zahl von Daten nahe. Wie schätzen Ärzte das Risiko für die Babys ein?
Mutter mit Neugeborenem in Wuhan

Mutter mit Neugeborenem in Wuhan

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Xiao Yijiu/ action press

Mehr als 860.000 bestätigte Infizierte in knapp 200 Ländern und über 40.000 Tote weltweit - trotz rasanter Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 sind noch immer viele Fragen offen. Etwa die, was eine Infektion für Schwangere bedeutet und für die Geburt des Kindes.

Bislang zeichnen die Erfahrungen aus China und anderen Ländern ein eher beruhigendes Bild: So gibt es bisher weder Hinweise darauf, dass sich Schwangere häufiger mit den Coronaviren anstecken, noch darauf, dass die Infektion für Schwangere gefährlicher ist als für die allgemeine Bevölkerung. "Es wird erwartet, dass die große Mehrheit der schwangeren Frauen nur leichte oder mittelschwere Symptome, ähnlich einer Erkältung beziehungsweise Grippe aufweist", schreibt etwa das German Board and College of Obstetrics and Gynecology . Auch gebe es bislang keine Anzeichen dafür, dass infizierte Schwangere häufiger eine Fehlgeburt erlitten, heißt es weiter.

Trotzdem versuchen die Kreißsäle hierzulande, die Schwangeren zu schützen - manche untersagen sogar die Anwesenheit des Vaters oder einer anderen Begleitperson bei der Geburt. Was die Paare dagegen unternehmen, lesen Sie hier.

Daten sammeln im Kreißsaal

Da die Pandemie trotz rasanter Ausbreitung noch immer relativ am Anfang steht, sind die Beobachtungen in den Kliniken international von großer Bedeutung. Nach und nach veröffentlichen Wissenschaftler und Krankenhäuser erste Zahlen und Erfahrungen. So gab es etwa einen WHO-Bericht über 147 schwangere Frauen  in China, von denen 64 eine bestätigte und 82 eine vermutete Infektion hatten, eine Frau war ganz ohne Symptome. Ein Team aus Wuhan beobachtete neun Frauen mit Covid-19 und veröffentlichte die Beobachtungen im "Lancet" . Bei keinem der Kinder konnte eine Sars-CoV-2-Infektion nachgewiesen werden.

Bisher gibt es keine Hinweise, dass Schwangere durch das neuartige Coronavirus gefährdeter sind als die allgemeine Bevölkerung. Wenn die Frauen nicht zu den bekannten Risikogruppen gehören (Menschen mit Vorerkrankungen), wird es bei ihnen im Falle einer Infektion vermutlich zu leichten bis mittelschweren Symptomen kommen.

Auch eine Gruppe von Ärzten um Lingkong Zeng vom Wuhan's Children Hospital in Wuhan bestätigt mit ihrer Arbeit die bisherigen Ergebnisse anderer Forschungsteams: Von 33 erkrankten Frauen, die in dem Krankenhaus entbunden hatten, überstanden alle die Infektion, wie die Mediziner im Fachblatt "Jama" berichten . 30 von ihnen hatten Zeichen einer Lungenentzündung, elf bei Aufnahme oder nach der Geburt Fieber und neun Husten. 23 Frauen brachten ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt.

In Deutschland gibt es derzeit keine Empfehlung, dass Schwangere mit Covid-19 ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen sollten. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) schreibt dazu : "Der Geburtsmodus und sämtliche geburtshilfliche Entscheidungen und Maßnahmen orientieren sich an den allgemeinen Behandlungsrichtlinien unter der Geburt." Frank Louwen, Vizepräsident der DGGG, sagte zum SPIEGEL: "Da die Frauen - wenn überhaupt - meist nur milde Symptome haben, ist aufgrund der Infektion normalerweise kein Kaiserschnitt erforderlich."

Keine Viren im Mutterkuchen

Ein weiterer Grund, warum Geburtshelfer auch bei Covid-19-Erkrankten eine natürliche Geburt durchführen: Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass die Frauen das Virus im Laufe einer unkomplizierten Schwangerschaft auf ihre ungeborenen Babys übertragen. Auch für die Kinder ist demnach das Risiko vermutlich nicht erhöht.

Die neun Frauen aus dem "Lancet"-Bericht etwa hatten sich im letzten Schwangerschaftsdrittel mit Sars-CoV-2 angesteckt, aber keine von ihnen hatte das Virus an ihr Baby weitergegeben. Um das zu überprüfen, hatten die Ärzte das Fruchtwasser, das Nabelschnurblut und einen Rachenabstrich des Neugeborenen direkt nach der Geburt auf die Viren untersucht - mit negativem Ergebnis.

"Zwar gibt es Erreger wie Rötelnviren oder Cytomegalieviren, die die Plazentaschranke überwinden und das ungeborene Kind schädigen können", sagt Frank Louwen. "Influenza- oder HI-Viren hingegen können das nicht. Und nach allem, was wir bislang wissen, Sars-CoV-2 auch nicht."

Daran ändert dem Gynäkologen zufolge auch die Tatsache nichts, dass in der aktuellen "Jama"-Untersuchung drei der geborenen Kinder eine Covid-19-Erkrankung entwickelten. Zwei Kinder hatten demnach Fieber und leichte Anzeichen einer Lungenentzündung. Das dritte Kind musste schon in der 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt geholt werden und hatte starke Atembeschwerden und eine zusätzliche bakterielle Infektion. Diese Probleme, so die behandelnden Ärzte, waren aber vermutlich Folge der Frühgeburt. Alle drei Kinder erholten sich wieder.

"Wenig hilfreiche Spekulationen"

Wie genau sich die Kinder infiziert hatten, ist anhand der Untersuchung nicht nachvollziehbar. Die chinesischen Ärzte hatten lediglich an den Tagen nach der Geburt im Rachenabstrich und im Stuhl der Kinder nach den Viren gesucht und nicht überprüft, ob Sars-CoV-2 auch im Mutterkuchen oder der Nabelschnur vorhanden war.

Zudem hatten die drei Mütter einen schweren Verlauf mit Lungenentzündung, was allen bisherigen Kenntnissen zufolge zum einen untypisch ist. Zum anderen verändert jede schwere Infektion die Geburtsvorgänge und -risiken: "Durch den Sauerstoffmangel kann es bei jeder Pneumonie dazu kommen, dass nicht nur die winzigen Viren, sondern auch Zellen durch die gestörte Plazentaschranke zwischen Mutter und Kind ausgetauscht werden", erklärt Louwen. "Die Spekulationen der Autoren über eine Übertragung während der Schwangerschaft sind daher wenig hilfreich."

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Um eine solide Datenbasis für zukünftige Entscheidungen aufzubauen, beginnt Anfang April eine Pilotstudie, die auf ganz Deutschland ausgeweitet werden soll, berichtet Louwen: "Wir erfassen darin alle Schwangeren mit einer Sars-CoV-2-Infektion, egal ob sie Symptome haben oder nicht. Wir wollen dann sowohl die mütterlichen und kindlichen Komplikationen als auch die Nabelschnur und Rachenabstriche der Neugeborenen auf Coronaviren untersuchen." Mit den Daten der Registerstudie werde man einen großen Schritt weiterkommen.

Eine weitere gute Nachricht für werdende Mütter: Auch in der Muttermilch entdeckten Wissenschaftler bislang keine Coronaviren. Aus diesem Grund empfiehlt auch die DGGG, dass Covid-19-Patientinnen ihre Kinder stillen . Dabei sollten sie allerdings einen Atemschutz tragen und besonders auf Händehygiene achten.

Fazit: Nach bisherigem Wissensstand ist eine Infektion der Schwangeren wenig gefährlich für das Ungeborene, da die Frauen meist nur milde Symptome entwickeln. Eine Übertragung der Viren auf das Baby findet unter diesen Umständen offenbar nicht statt. Um diese Annahme genauer zu untersuchen, starten Ärzte in Deutschland jetzt eine Studie, in der coronainfizierte Schwangere erfasst und neben dem Nabelschnurblut auch Rachenabstriche der Neugeborenen untersucht werden.

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