Spekulation über Aerosol-Viruswolken Ob zwei Meter Abstand reichen, ist ungewiss

Kleine Partikel tragen das Coronavirus von Mensch zu Mensch. Wie gefährlich diese Aerosolwolken wirklich sind, wollen deutsche Forscher nun erstmals messen.
Die Zwei-Meter-Regel sind Richtwerte, aber keine Garantien: Das wird in der Aerosol-Forschung immer klarer.

Die Zwei-Meter-Regel sind Richtwerte, aber keine Garantien: Das wird in der Aerosol-Forschung immer klarer.

Foto: Christian Charisius/ DPA

Seit einem Monat lernen wir Social Distancing. Ob in Schlangen vor dem Bäcker oder dem Supermarkt an der Kasse: Mindestens 1,5 bis zwei Meter sind ein absolutes Muss. Dafür gibt es in manchen Läden mittlerweile sogar Markierungen mit rotem Gaffaband.

Aber auch Wissenschaftler wissen nicht, ob diese Faustregel wirklich vor einer Infektion schützt. Die große Unbekannte ist, unter welchen Umständen sich Menschen anstecken: "Das ist derzeit die Billionen-Dollar-Frage", erklärt Michael Osterholm, Spezialist für Infektionskrankheiten und Direktor des US-Instituts Center for Infectious Disease Research and Policy  in der "New York Times". Unklar sei, ob nicht schon kleine Mengen winziger Partikel genügen, um einen Menschen mit Sars-CoV-2 zu infizieren.

Diese Teilchen, um die sich die Forscher sorgen, sind sogenannte Aerosole. Sie sind ständig in unserer Luft. In größeren Ansammlungen nimmt sie der Mensch auch als Rauch oder Nebel wahr. Sie entstehen in Massen bei Waldbränden oder Vulkanausbrüchen oder auch durch menschliche Aktivitäten wie das Verfeuern von Kohle. Aber auch beim Ausatmen, Niesen und Husten befördern wir sie in unsere Umwelt - dann nennen Umweltmediziner sie "menschliche Partikel". Die Schwebeteilchen sind nur einen tausendstel Millimeter groß und damit unsichtbar. Haften sich Bakterien oder Viren an die Partikel, heißen sie Bioaerosole. Derzeit nutzt das Coronavirus diesen Weg, um sich zu verbreiten.

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Corona-Aerosole aus der Luft "sieben"

Forscher des Instituts für Umweltmedizin (IEM) am Helmholtz-Zentrum München wollen nun erstmals die angedockten Coronaviren auf Bioaerosolen in geschlossenen Räumen messen. Dazu nutzen sie einen Kaskadenimpaktor - ein Gerät mit hintereinander geschalteten Sieben unterschiedlicher Porengröße, das die Gruppe in der Vergangenheit für die Untersuchung von Pollen-Allergenen in der Luft genutzt hat. "Wir wollen herausfinden, in welcher Fraktion der Luft wir das Virus finden und so verstehen, ob es sich eher an den größeren oder kleineren Partikeln anheftet", erklärt Institutsdirektorin Claudia Traidl-Hoffmann.

Je kleiner die Partikel, desto tiefer können sie in die Lunge vordringen. "Wenn wir wissen, welche Partikel das Virus bevorzugt, können wir auch Aussagen darüber treffen, wie lange es in der Luft bleibt", so Traidl-Hoffmann. "Kleinere Teilchen bleiben weitaus länger in der Luft, größere sinken schneller zu Boden und sind dann für eine Übertragung weniger von Bedeutung."

In manchen Eigenschaften lasse sich das Bioaerosol mit dem Coronavirus tatsächlich mit herkömmlichen Umweltverschmutzungen wie Feinstaub oder Pollen vergleichen. "Wir wissen aus diesen Erfahrungen, dass die kleineren Partikel besonders gefährlich sind." Beispielsweise werden im Verkehr durch die verbesserten Abgastechniken in Autos fast nur noch kleine Feinstaubpartikel freigesetzt. Diese dringen jedoch besonders weit in die Blutgefäße der Lunge ein und können zu Atemwegserkrankungen führen. 

Schnaufende Jogger: zehn Meter oder dreißig Meter?

Doch was heißt das für den Alltag im Supermarkt oder im Park? Aus Angst vor den Bioaerosolwolken kursieren immer neue Abstandsregeln im Netz: Beim Joggen sollen es möglichst zehn, in einer Schlange nur zwei Meter sein. Doch wie so oft in diesen Tagen können auch Forscher darauf nur mit einem "Ja, aber" antworten.

"Es kommt darauf an, ob der Jogger gerade niest oder hustet, dann würde ich sogar zu 30 Meter Abstand raten", meint so Umweltmedizinerin Traidl-Hoffman. Welche Konzentration mit Corona belasteten Aerosolen wirklich zu einer Infektion führe, könne im Moment noch niemand sagen. "Wir wissen noch viel zu wenig über das Virus, um verbindliche Aussagen zu machen."

Auch die meisten führenden Virologen in Deutschland raten zum Sport, da die Vorteile für die Gesundheit der Menschen überwiegen würden. Das Risiko halten die meisten für händelbar.

Eines sei jedoch klar: "Die Dosis macht das Gift", so Traidl-Hoffmann, "Je geballter die Virenlast in einer Partikelwolke, desto höher das Infektionsrisiko."

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