Umstrittenes Crispr-Experiment in China Genmanipulation an Babys könnte auch Gehirn verändert haben

Umstrittene Genveränderungen an zwei Babys in China könnten auch deren kognitive Fähigkeiten beeinflusst haben. Ob das den Kindern nutzt oder schadet, wissen Forscher allerdings nicht.

Getty Images/iStockphoto

Bis heute ist die Forschergemeinde entsetzt: Ende November 2018 hat der chinesische Forscher He Jiankui behauptet, dass er zwei Embryonen gentechnisch verändert hat und inzwischen Zwillinge geboren worden seien. He will den Kindern einen HIV-Schutz ins Erbgut eingebaut haben.

Das Besondere an dem Eingriff: Im Embryo angepasste Gene sind später im Erwachsenen in allen Körperzellen zu finden und werden auch an kommende Generationen vererbt. Gleichzeitig sind die Risiken eines solchen Eingriffs für aktuelle und künftige Generationen schwer überschaubar. Das verdeutlicht auch eine neue Studie.

Laut der Untersuchung von Thomas Carmichael von der University of California in Los Angeles hilft die gleiche Genkonstellation, die die Zwillinge angeblich vor HIV schützen soll, Schlaganfallpatienten bei der Regeneration.

Menschen ohne CCR5-Gen sind nach einem Schlaganfall schneller wieder fit

Erste Hinweise darauf gab es bereits aus älteren Studien. 2016 hatten Forscher in Mäusen gezeigt, dass Verletzungen des Gehirns schneller heilten, wenn das Gen CCR5 blockiert war. Es bildeten sich dann leichter neue Verbindungen, die die Funktion abgestorbener Neurone teils ersetzten.

Narben und Entzündung im Hirn von Mäusen nach dem Schlaganfall (oben), Regeneration (unten)
UCLA/Carmichael lab

Narben und Entzündung im Hirn von Mäusen nach dem Schlaganfall (oben), Regeneration (unten)

Zudem zeigte sich, dass die Mäuse besser lernten und sich leichter erinnern konnten, wenn sie ein Medikament bekamen, das CCR5 unterdrückt. Eingesetzt wird der Stoff eigentlich bei HIV-Patienten, um zu verhindern, dass sich das Virus in ihrem Körper weiter ausbreitet.

Nun dokumentierten die Forscher, wie sich 446 Patienten nach einem leichten oder moderatem Schlaganfall erholten, wie sie wieder besser laufen oder sprechen lernten. Dabei fiel auf, dass diejenigen, denen das CCR5-Gen von Natur aus fehlte, besser abschnitten. Auch in Tests zum Erinnerungsvermögen, der Ausdrucksfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne schnitten sie besser ab, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Cell".

Ewiges Rauschen im Kopf

"Wir sind die ersten, die eine Funktion von CCR5 im Gehirn des Menschen nachgewiesen haben", sagte Carmichael laut "Technology Review". Welchen Einfluss der Ausfall des Gens in den mit der Genschere Crispr veränderten Babys in China hat, lässt sich allerdings nicht sagen. Aus diesem Grund seien die Experimente auch so verantwortungslos gewesen.

Es sei ein großer Unterschied, ob man eine kaputt gegangene Körperfunktion wiederherstelle oder eine Fähigkeit grundlegend verbessere, betonten die Forscher. Deshalb ist unklar, ob das fehlende Gen die Zwillinge besonders klug macht oder ihnen ein überdurchschnittlich hohes Erinnerungsvermögen ermöglicht.

Vielleicht sorgt es auch nur dafür, dass sie sich nach einem Schlaganfall schneller erholen würden - so wie Menschen, die das Gen natürlicherweise nicht tragen. Außerdem geben die Forscher auf der Seite der "Daily Mail" zu bedenken, dass ein extremes Erinnerungsvermögen nicht zwingend von Vorteil sei: Das Gehirn funktioniere nur deshalb so gut, weil es in der Lage ist, unwichtige Informationen auszusortieren.

jme

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sinusx 22.02.2019
1. Rechtschreibung
Tipp: Artikel vorher gegenlesen lassen. "[...] wenn sie ein Medikament bekamen, _dass_ CCR5 unterdrückt." "Dabei _viel_ auf, dass diejenigen, denen das CCR5-Gen von Natur aus fehlte[...]"
permissiveactionlink 22.02.2019
2. Ein Berliner Patient
wurde durch Knochenmarktransplantation eines Spenders, der homozygot, sprich auf beiden CCR5-Genen auf seinen beiden Chromosomen Nr. 3 jeweils eine 32 Nukleotid-Paare lange Deletion besitzt (und dessen CCR5 Genprodukte so niemals in die Zellmembran seiner T4-Lymphozyten gelangen), vollständig von HIV geheilt, bzw. lassen sich im Blut des Knochenmark-Empfängers keine HI-Viren mehr nachweisen. Grund : Die HIV Partikel können ohne Zusammenwirken von CD4- und CCR5- Rezeptoren in die T-Zellen nicht mehr eindringen. Es wäre doch ein leichtes, Patienten mit homozygotem CCR5-delta 32 Gen und deren Angehörige auf besondere kognitive Fähigkeiten und eine mögliche verkürzte Rekonvaleszenz nach erfolgten Schlaganfällen zu testen. Dass der pharmakologisch getestete Entry-Inhibitor "Maraviroc" bei Mäusen das Erinnerungsvermögen verbessert, ist doch keine Hiobsbotschaft, denn wer hätte nicht gerne ein photographisches Gedächtnis wie Lisbeth Salander ? Und wenn man bei über 400 Patienten mit (homozygot ?) fehlendem CCR5-Genprodukt eine schnellere Heilung nach Schlaganfällen festgestellt hat, aber keine sonstigen neurologischen Auffälligkeiten, wo liegt dann eigentlich das Problem ? Wahrscheinlich gibt es in Westeuropa (und in Asien sowieso) nur deshalb überhaupt noch Menschen, weil die Mutationen im CCR5-Gen offenbar auch eine Infektion mit Yersinia pestis sogar ohne den Einsatz von Antibiotika überlebbar macht. Dass Prostituierte in Ostafrika, bei denen diese Mutation zuerst entdeckt wurde, nicht an HIV erkranken, versteht sich heute von selbst.
cassi77 22.02.2019
3. @2permissiveactionlink
Zitat von permissiveactionlinkwurde durch Knochenmarktransplantation eines Spenders, der homozygot, sprich auf beiden CCR5-Genen auf seinen beiden Chromosomen Nr. 3 jeweils eine 32 Nukleotid-Paare lange Deletion besitzt (und dessen CCR5 Genprodukte so niemals in die Zellmembran seiner T4-Lymphozyten gelangen), vollständig von HIV geheilt, bzw. lassen sich im Blut des Knochenmark-Empfängers keine HI-Viren mehr nachweisen. Grund : Die HIV Partikel können ohne Zusammenwirken von CD4- und CCR5- Rezeptoren in die T-Zellen nicht mehr eindringen. Es wäre doch ein leichtes, Patienten mit homozygotem CCR5-delta 32 Gen und deren Angehörige auf besondere kognitive Fähigkeiten und eine mögliche verkürzte Rekonvaleszenz nach erfolgten Schlaganfällen zu testen. Dass der pharmakologisch getestete Entry-Inhibitor "Maraviroc" bei Mäusen das Erinnerungsvermögen verbessert, ist doch keine Hiobsbotschaft, denn wer hätte nicht gerne ein photographisches Gedächtnis wie Lisbeth Salander ? Und wenn man bei über 400 Patienten mit (homozygot ?) fehlendem CCR5-Genprodukt eine schnellere Heilung nach Schlaganfällen festgestellt hat, aber keine sonstigen neurologischen Auffälligkeiten, wo liegt dann eigentlich das Problem ? Wahrscheinlich gibt es in Westeuropa (und in Asien sowieso) nur deshalb überhaupt noch Menschen, weil die Mutationen im CCR5-Gen offenbar auch eine Infektion mit Yersinia pestis sogar ohne den Einsatz von Antibiotika überlebbar macht. Dass Prostituierte in Ostafrika, bei denen diese Mutation zuerst entdeckt wurde, nicht an HIV erkranken, versteht sich heute von selbst.
"Dass der pharmakologisch getestete Entry-Inhibitor "Maraviroc" bei Mäusen das Erinnerungsvermögen verbessert, ist doch keine Hiobsbotschaft, denn wer hätte nicht gerne ein photographisches Gedächtnis wie Lisbeth Salander ? " Sie haben ja keine Ahnung... "Außerdem geben die Forscher auf der Seite der "Daily Mail" zu bedenken, dass ein extremes Erinnerungsvermögen nicht zwingend von Vorteil sei: Das Gehirn funktioniere nur deshalb so gut, weil es in der Lage ist, unwichtige Informationen auszusortieren." Gaaanz wichtiger Satz des Artikels, gaaanz dolle wichtig! cassi
Duffy73 22.02.2019
4.
es wurde experiment und gab ein unerwartetes Ergebnis. Welchen Beweis braucht man noch, um zu zeigen, dass man es nicht im Griff hat?? Selbst wenn es zufällig "gut" ausgeht: unverantwortlich!
Kuala Lumpur 64 22.02.2019
5. Warnung an die Laien
Zitat von permissiveactionlinkwurde durch Knochenmarktransplantation eines Spenders, der homozygot, sprich auf beiden CCR5-Genen auf seinen beiden Chromosomen Nr. 3 jeweils eine 32 Nukleotid-Paare lange Deletion besitzt (und dessen CCR5 Genprodukte so niemals in die Zellmembran seiner T4-Lymphozyten gelangen), vollständig von HIV geheilt, bzw. lassen sich im Blut des Knochenmark-Empfängers keine HI-Viren mehr nachweisen. Grund : Die HIV Partikel können ohne Zusammenwirken von CD4- und CCR5- Rezeptoren in die T-Zellen nicht mehr eindringen. Es wäre doch ein leichtes, Patienten mit homozygotem CCR5-delta 32 Gen und deren Angehörige auf besondere kognitive Fähigkeiten und eine mögliche verkürzte Rekonvaleszenz nach erfolgten Schlaganfällen zu testen. Dass der pharmakologisch getestete Entry-Inhibitor "Maraviroc" bei Mäusen das Erinnerungsvermögen verbessert, ist doch keine Hiobsbotschaft, denn wer hätte nicht gerne ein photographisches Gedächtnis wie Lisbeth Salander ? Und wenn man bei über 400 Patienten mit (homozygot ?) fehlendem CCR5-Genprodukt eine schnellere Heilung nach Schlaganfällen festgestellt hat, aber keine sonstigen neurologischen Auffälligkeiten, wo liegt dann eigentlich das Problem ? Wahrscheinlich gibt es in Westeuropa (und in Asien sowieso) nur deshalb überhaupt noch Menschen, weil die Mutationen im CCR5-Gen offenbar auch eine Infektion mit Yersinia pestis sogar ohne den Einsatz von Antibiotika überlebbar macht. Dass Prostituierte in Ostafrika, bei denen diese Mutation zuerst entdeckt wurde, nicht an HIV erkranken, versteht sich heute von selbst.
Ich gehe jetzt mal davon aus, dass Sie Ihren Beitrag ernst gemeint haben, auch wenn er wie eine Satire wirken kann. Deswegen hier eine Warnung an alle Laien: glaubt nicht solchen Leuten, die euch erzählen, es gäbe in den milliardenstelligen Genomen des Menschen oder auch nur irgendeines sonstigen, wesentlich kleineren Organismus, irgendwelche eindeutig definierbaren "Gene". Tatsächlich ist jedes über die milliardenjährige Evolution sortierte Erbgut / Genom immer ein unüberschaubar und somit auch unbeherrschbar komplexes Geflecht aus Informationen. Das ist eine mathematisch beweisbare Tatsache (s. z.B. Pichler, Die verdrängten Gesetze der belebten Natur > Evolution). Schon Charles Darwin wies auf die "unendlichen Verwicklungen" der biologischen Organisationen (= Organismen) hin. Man kann unmöglich (!) alle Folgen eines noch so "gezielten" Eingriffes absehen, wenn er in die Keimbahn, also die kommende Generation, wirkt. Wie einem anderen Foristen auch sind mir übrigens die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler in der ersten Version des Spon-Artikels aufgefallen. Dieses Thema sollte besser sehr sorgfältig bearbeitet werden.
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