Crowd Science Mitmachforschung ist Hunderttausende Dollar wert

Jeder ist ein Wissenschaftler - das ist das Prinzip von Mitmachforschung im Internet. Hobbyforscher können Wissenschaftlern viel Arbeit abnehmen, etwa beim Zählen von Mondkratern. Doch nicht für alles sind Freiwillige zu begeistern.

Stern mit Exoplaneten (Zeichnung): Astronomen lassen Bürger mitsuchen
DPA / Esa

Stern mit Exoplaneten (Zeichnung): Astronomen lassen Bürger mitsuchen


Auch Laien können spektakuläre Forschungsergebnisse liefern. Sie benötigen dazu lediglich einen schnellen Computer mit Internetzugang und Glück. Ruhm winkt ihnen zum Beispiel, wenn sie gigantisch große Primzahlzwillinge entdecken oder Pulsare im All aufspüren. In beiden Fällen übernimmt ein kleines Programm die komplizierte wissenschaftliche Recherche und nutzt dafür freie Kapazitäten des Privatrechners.

Die Tätigkeit des Hobbyforschers beschränkt sich dabei allerdings auf die einmalige Installation einer Software. Spannender erscheinen da Bürgerwissenschaftsprojekte, bei denen jedermann etwa Pinguine zählt, Mücken klassifiziert oder alte Texte digitalisiert - sämtlich via Internetbrowser.

Wie solche auch als Citizen Science oder Crowd Science bezeichneten Projekte funktionieren, haben nun Henry Sauermann vom Georgia Institute of Technology in Atlanta und Chiara Franzoni vom Politecnico di Milano untersucht. Im Fokus stand dabei die Mitarbeit der Hobbywissenschaftler: Wie viel Zeit investieren diese? Variiert der Aufwand von Projekt zu Projekt? Welchen Wert hat ihre Arbeit?

Die Erkenntnisse der Forscher ähneln dem, was man über die Mitarbeit beim Online-Lexikon Wikipedia bereits weiß: Zwar machen viele Menschen mit, doch der größte Teil der Arbeit wird von einer relativ kleinen Anwendergruppe geleistet. Viele Hobbyforscher beteiligten sich nur ein einziges Mal und meldeten sich danach nicht wieder, schreiben Sauermann und Franzoni im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences". Die aktivsten 10 Prozent der Teilnehmer leisteten rund 80 Prozent der Arbeit.

Sauermann und Franzoni nutzten Daten von sieben Bürgerwissenschaftsprojekten, die im Jahr 2010 auf der Plattform Zooniverse.org gestartet worden waren. Bei Moon Zoo beispielsweise zählen Freiwillige Mondkrater auf Fotos der Sonde "Lunar Reconnaissance Orbiter". Beim Projekt Old Weather werteten User Logbücher von Schiffen aus, um möglichst präzise Wetterdaten vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu gewinnen.

Spitzenwert bei 650.000 Dollar

An den sieben Projekten beteiligten sich insgesamt 100.386 User, wobei die Forscher nur Daten aus den ersten 180 Tagen nach Start des jeweiligen Projekts berücksichtigten. Planet Hunters, die Suche nach Exoplaneten anhand von Lichtspektren, hatte mit 29.000 Personen die meisten Teilnehmer. Galaxy Zoo Supernovae, die Fahndung nach Sternenexplosionen auf astronomischen Aufnahmen, erreichte als kleinstes Projekt knapp 3200 Leute.

Zusammengenommen arbeiteten die Freiwilligen an allen sieben Projekten fast 130.000 Stunden. Dies entspricht bei einem Stundenlohn von 12 US-Dollar für studentische Hilfskräfte immerhin 1,5 Millionen Dollar. Allerdings war auch die Arbeitsleistung ungleich verteilt: Planet Hunters kam auf 54.000 Stunden (650.000 Dollar), Galaxy Zoo Supernovae nur auf 1900 Stunden (23.000 Dollar).

In den Diagrammen der geleisteten Stunden pro Tag entdeckten die Forscher auffällige Spitzen. Diese seien mit Medienberichten zu erklären, die zu einem kurzzeitigen Anstieg der Teilnehmerzahlen führten, berichten Sauermann und Franzoni.

"Unsere Analyse zeigt, dass Projekte eine beachtliche Zahl Freiwilliger anziehen können", schreiben die Forscher. So viele Hilfskräfte zu bezahlen, würde das Budget vieler Forschungsprojekte überschreiten. Im Mittel hätten die Hobbyforscher pro Projekt Arbeit im Wert von 200.000 Dollar geleistet.

Nicht klären konnten die Forscher, warum Menschen in ihrer Freizeit freiwillig Mondkrater zählen und wie man Unentschlossene für solche Projekte motivieren könnte. Immerhin scheint klar zu sein: Nicht alle Themen sind fürs Publikum gleich interessant - und zugleich eignen sich nicht alle Fachgebiete für Citizen Science. Die Aufgaben müssen in kleine, gut lösbare Teile zerlegt werden können.

Beim Crowdsourcing gehen Wissenschaftler längst verschiedene Wege. Die einen präsentieren die Aufgaben ganz direkt, andere verpacken sie in Computerspiele und belohnen eifrige Spieler mit Punkten und Ranglisten. Und man kann auch auf lokales Engagement setzen, etwa indem man Interessierte Insekten nur in einem Bundesland zählen lässt.

hda

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