U-Boot im US-Bürgerkrieg Das Rätsel der "CSS Hunley"

Ein U-Boot mit Handantrieb - das sollte die geheimste Waffe der Südstaaten im US-Bürgerkrieg sein. Doch der Preis für den Erfolg der "CSS Hunley" war hoch. Forscher haben nun geklärt, warum das Schiff im Einsatz sank.

Getty Images/ Friends of the Hunley

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Ein Mann namens Robert Francis Flemming Junior sah die Angreifer als Erster kommen. Und zunächst begriff er nicht so recht, was er da in der zunehmenden Dunkelheit entdeckt hatte. Ein eilig herbeigerufener Kollege vom Vorschiff hielt es für ein großes Stück Holz, das in der Hafeneinfahrt von Charleston trieb. Doch Flemming glaubte das nicht. Dieses angebliche Stück Holz schwamm nicht mit der abendlichen Flut, stattdessen schien es über einen eigenen Antrieb zu verfügen.

War das womöglich jene geheimnisvolle Waffe der Südstaatenarmee, von der Überläufer immer wieder einmal berichteten? War es eines dieser Boote, die komplett unter Wasser fahren und zum Angriff übergehen konnten, vor denen Konteradmiral John A. Dahlgren seine unionistischen Truppen erst kurz zuvor gewarnt hatte?

Kurze Zeit später hatten Flemming und die etwa 160 anderen Männer an Bord der "USS Housatonic" fürchterliche Gewissheit. Eine Explosion erschütterte ihren 62 Meter langen dampfbetriebenen Dreimaster. Lange Zeit hatte er bei der Seeblockade des Südstaaten-Handelszentrums Charleston kaum eine praktische Rolle gespielt. Nun war die "Housatonic" unversehens im Mittelpunkt des Kriegsgeschehens. Es war der Abend des 17. Februar 1864 - und zum ersten Mal in der Geschichte hatte ein U-Boot ein feindliches Schiff im Einsatz versenkt.

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"CSS Hunley": Gesunken vor Charleston

Verantwortlich für den Angriff war die zwölf Meter lange "CSS Hunley", ein Kleinst-U-Boot der konföderierten Marine. Es sah bereits damals aus, wie man U-Boote auch heute baut: Man hatte eine zigarrenförmige Stahlhülle mit kleinen Luken und Bullaugen versehen. Doch nach dem erfolgreichen Angriff kehrte das Fahrzeug nicht wie geplant an Land zurück - sondern sank mit acht Mann an Bord. Im Fachmagazin "PLoS One" beschreiben Forscher um Rachel Lance von der Duke University in Durham (US-Bundesstaat North Carolina) nun, was damals aus ihrer Sicht passierte.

Die "Hunley" hatte ihr Opfer am Rumpf mit einem sogenannten Spierentorpedo getroffen. Das war eine Sprengladung aus mehr als 60 Kilogramm Schwarzpulver, die das Boot an einer knapp fünf Meter langen Holzstange gewissermaßen vor sich herschob. Und diese Sprengladung, so schreiben Biomechanikerin Lance und ihre Kollegen, dürfte auch der Crew des U-Bootes zum Verhängnis geworden sein: Die Freiwilligen seien wohl an inneren Verletzungen gestorben, verursacht von der Wucht der Detonation.

Denn auf der ersten Blick waren die acht Skelette der Seeleute verblüffend intakt, als das Wrack der "Hunley" im Jahr 2000 aus dem Meer vor Charleston geborgen worden war. Die Männer hatten bei Kerzenlicht an ihren Plätzen im Inneren der 1,2-Meter breiten Stahlröhre gesessen, an der langen durchgehenden Welle, über die sie mit der Kraft ihrer Arme das Boot leise vorangetrieben hatten.

Luken zu, Pumpen nicht benutzt

Als die "Hunley" 136 Jahre nach ihrem Untergang gehoben wurde, gab es keine augenscheinlichen Anzeichen einer Katastrophe - und auch keine Hinweise darauf, dass die Seeleute versucht hätten, das Boot zu verlassen. Alle Luken waren zu, Pumpen waren nicht benutzt. Zwei Löcher, die sich in der Hülle fanden, waren dort laut modernen Analysen erst nach dem Sinken entstanden.

Die Männer hatten einfach nur da gesessen - und waren irgendwie ertrunken.

Lance und die anderen Forscher hatten für ihre Versuche nun ein Modell der "Hunley" im Maßstab 1 zu 6 gebaut. Diese, wie sie sie nannten "CSS Tiny", traktierten sie mit ebenfalls maßstabgerechten Unterwassersprengladungen. Gleichzeitig maßen sie die im Inneren des U-Bootes auftretenden Drücke.

Das gesamte Experiment war so konzipiert, dass die Übertragung der Drücke auf das Mini-U-Boot möglichst realistisch erfolgte. Wenn überhaupt, dann seien die Belastungen beim Modellboot sogar noch zu klein ausgefallen, so die Forscher. Die Stärke der Explosion hätte aus ihrer Sicht aber auf jeden Fall ausgereicht, um bei den Leuten von U-Boot-Kapitän George E. Dixon innere Verletzungen an Lunge und Gehirn hervorzurufen.

Insgesamt 25 U-Bootfahrer starben

Die Schockwelle der Explosion sei also schuld am Tod der konföderierten Seeleute, so die Wissenschaftler. Man habe die individuelle Überlebenswahrscheinlichkeit der Seeleute an Bord nach der Detonation mit jeweils weniger als 16 Prozent berechnet. "Das Verschwinden der 'Hunley' war lange Zeit eines der großen Rätsel der US-Geschichte", so Forscherin Lance. "Den Grund für den Tod der Crew gefunden zu haben, erlaubt uns, dieses Rätsel für gelöst zu erklären." Allerdings hatte es auch zuvor schon entsprechende Bemühungen gegeben, ganze Bücher wurden verfasst.

Vor seinem endgültigen Ende war das U-Boot übrigens bereits zwei weitere Male untergegangen. Havarien auf Übungsfahrten hatten bereits 17 Menschen das Leben gekostet, darunter Namenspatron und Financier Horace Lawson Hunley. Rechnet man die acht Opfer vom 17. Februar 1864 noch dazu, starben in dem Boot also 25 Soldaten. Und entscheidend beeinflussen konnte der Einsatz des Schiffes den Krieg auch nicht, das schwer verwüstete Charleston wurde im Jahr 1865 von den Unionstruppen eingenommen.

Die Besatzung der versenkten "Housatonic" kam vergleichsweise glimpflich weg. Zwei Offiziere und drei Matrosen starben, um die 155 Seeleute konnten in zwei Rettungsboote klettern oder harrten in den Masten aus. Die schauten im vergleichsweise flachen Wasser noch aus den Wellen. Auch Robert Francis Flemming junior überlebte den Angriff und heuerte anschließend auf dem Kanonenboot "USS E. B. Hale" an. Nach dem Bürgerkrieg wurde er Gitarrenerfinder und Musiklehrer - und starb erst im Februar 1919, im Alter von fast 80 Jahren.



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