"Power-to-X" Dänemark plant künstliche Energieinsel zur Herstellung von Wasserstoff

Bis 2050 will Dänemark klimaneutral werden, das hat das Land in einem wegweisenden Gesetz beschlossen. Nun treibt die Regierung mit einem großen Energieprojekt die Umsetzung voran.
Modell der geplanten Insel: "Wir werden 2028 in unserem Stromnetz 100 Prozent erneuerbare Energien haben"

Modell der geplanten Insel: "Wir werden 2028 in unserem Stromnetz 100 Prozent erneuerbare Energien haben"

Foto: Energinet

Dänemarks Regierung will eine künstliche Insel mit riesigen Hochsee-Windparks bauen. "Diese Insel wird es möglich machen, erneuerbaren Strom im großen Stil umzuwandeln und die Energie zu speichern", sagte Dänemarks Klima- und Energieminister Dan Jørgensen dem SPIEGEL am Rande der Weltklimakonferenz in Madrid. Er erwartet, dass das Megaprojekt zwischen 200 und 300 Milliarden dänische Kronen (rund 27 bis 40 Milliarden Euro) kosten wird. Noch vor 2030 soll es in Betrieb gehen.

Jørgensen zufolge sollen im Meer rund um die künstlich aufgeschüttete Insel Windfarmen mit einer Spitzenleistung von 10 Gigawatt hochgezogen werden. Das entspräche rund 1000 der heute leistungsfähigsten Hochseewindräder. Zum Vergleich: die bislang weltgrößte Offshore-Anlage hat 1,2 Gigawatt. Der so erzeugte Strom würde laut Regierung ausreichen, um zehn Millionen Haushalte zu versorgen - mehr als Dänemark Einwohner hat. Per Unterseekabel soll die Elektrizität zur Insel geleitet - und dort mit sogenannten "Power-to-X"-Technologien in speicherbare Energieträger wie Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe oder Gas umgewandelt werden.

Wie es heißt, sollen die Standortsuche und das Genehmigungsverfahren bis 2021 abgeschlossen sein und danach die Bauarbeiten beginnen. Ob alles so gelingt wie geplant, ist noch unklar. Schließlich sind die technischen Herausforderungen bei einem so großen Projekt auf offener See enorm. Und "Power-to-X" ist noch sehr teuer. Jørgensen erwartet wegen der Größe der geplanten Anlagen jedoch eine dramatische Kostenersparnis.

Die Energieinsel soll das Herzstück der neuen dänischen Klimastrategie werden. Am Freitag hatte ein Parteienbündnis unter Führung der sozialdemokratischen Regierung den sogenannten Klimaakt beschlossen. Er verpflichtet Dänemark, seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um 70 Prozent zu verringern. Ziel ist, das Land bis 2050 klimaneutral zu machen. "Wir werden 2028 in unserem Stromnetz 100 Prozent erneuerbare Energien haben", kündigte Jørgensen gegenüber dem SPIEGEL an.

Hinter dem Klimaakt steht eine breite gesellschaftliche Mehrheit. Acht der zehn im Parlament vertretenen Parteien unterstützen ihn; zusammen stellen sie 167 der 179 Abgeordneten. "Sowohl der dänische Wirtschaftsverband wie auch Greenpeace sind dafür", sagte Jørgensen.

Dieser übergreifende Konsens ist eine Trumpfkarte bei der Suche nach Kapitalgebern. Denn nichts hassen Investoren mehr als plötzliche politische Kehrtwenden. Doch selbst ein Regierungswechsel könnte die Beschlüsse vom Freitag nicht rückgängig machen, erklärte Jørgensen. "Alle Parteien, die eine künftige Regierung anführen könnten, unterstützen ihn. Und sie sind an den Deal gebunden." Zu etwa 90 Prozent soll das Inselprojekt von privaten Investoren finanziert werden, der Minister ist zuversichtlich, dass es gelingt.

Geld stünde jedenfalls bereit. Allein die dänischen Pensionsfonds verwalten laut der Nachrichtenagentur Bloomberg rund 450 Milliarden Euro. Und wegen der extrem niedrigen Zinsen dürsten sie nach Anlagemöglichkeiten, die ihnen ein bisschen Rendite bieten.

Offshore-Windparks gelten als interessante Investments, da sie ziemlich konstante Mengen Strom und damit berechenbare Erträge liefern. Dank enormer technischer Fortschritte in den vergangenen Jahren sind die Kosten stark gesunken. Manche neuen Hochseewindparks kommen ganz ohne Subventionen aus. Laut Jorgensens Ministerium erzeugen sie bereits billigeren Strom als Kohle- oder Atomkraftwerke.

Dänemark ist schon jetzt eine Offshore-Windmacht. Vor der Küste entstand 1991 die erste Anlage dieser Art. Heute betreibt der Energiekonzern Ørsted den weltgrößten Hochseewindpark. Und Vestas zählt zu den Weltmarktführern bei der Herstellung der Turbinen.

Ein rein nationales Projekt soll die Energieinsel aber nicht werden. Im Gegenteil: Die Dänen werben um ausländische Geldgeber und Partner, wie etwa den deutsch-spanischen Windanlagenbauer Siemens Gamesa. Der Standort steht noch nicht fest. Klar ist aber, dass der Park Dutzende Kilometer vor der Küste errichtet werden soll - wo mehr Wind weht und die teils mehr als 200 Meter hohen Türme niemanden stören. Die besten Bedingungen könnte die Nordsee bieten: Sie ist windverwöhnt und stellenweise recht flach.

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