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Danewerk: Der Schutzwall der Wikinger

Foto: Ben Behnke

Danewerk Archäologen finden das Tor zum Wikingerreich

Es ist eine archäologische Sensation in Deutschlands Norden: Nahe Schleswig haben Forscher die 1200 Jahre alte Pforte ins Wikingerreich entdeckt - sie war die einzige Öffnung im Danewerk, dem 30 Kilometer langen Grenzwall der gefürchteten Nordmänner.

die Wikinger

Mit ihren Überfällen in schnellen Drachenbooten gelten als Erfinder des Blitzkrieges. "Wilden Hornissen" gleich, heißt es in den Annalen, hätten sie Klöster und ganze Städte von Irland bis nach Spanien geplündert. Dass die parasitären Räuber, im Comic zu drolligen Hägars und Wickis verniedlicht, auch gern Steine schleppten, weiß kaum jemand.

Der Beweis erstreckt sich unweit des Nord-Ostsee-Kanals. Dort verläuft ein riesiger Wall 30 Kilometer weit quer durch Schleswig-Holstein: Das mächtige Danewerk gilt als größtes Bodendenkmal Nordeuropas.

Einen Teil der Anlage haben Archäologen jetzt näher untersucht. Nahe Haithabu bei Schleswig legten sie eine drei Meter dicke Mauer aus dem 8. Jahrhundert frei, erbaut aus Feldsteinen. Manche sind nur faustgroß, andere wiegen Zentner. "Die Wikinger haben Millionen Steine aufgelesen", erklärt die Archäologin Astrid Tummuscheit.

Forscher sprechen von einer "Sensation"

Auf einer für diesen Freitag anberaumten Pressekonferenz wollen die Ausgräber noch einen weiteren Fund vermelden, sie sprechen von einer "Sensation": Die Forscher haben das einzige Tor der Sperranlage entdeckt. Der Durchlass ist fünf Meter breit. Chroniken zufolge strömten durch das "Wiglesdor" einst "Reiter und Wagen". Daneben befanden sich eine Zollstation sowie eine Schänke samt Bordell.

Seit hundert Jahren schon träumt die Zunft davon, diese Weltenpforte zwischen Dänemark und dem Reich Karls des Großen aufzuspüren. Seine Lage kannte man in etwa. Doch der Zugang war den Spaten der Ausgräber verwehrt: An der Stelle befand sich ein altes Gasthaus. "Das Café Truberg hat alles blockiert", so der leitende Landesarchäologe Claus von Carnap-Bornheim.

Erst als der Laden pleite ging, griff der patriotisch gesinnte Großindustrielle und Besitzer der weltgrößten Containerschiff-Reederei, Arnold Mærsk, 97, zu. Der Däne erwarb die marode Immobilie. E.on Hanse zahlte den Abriss. Dann rückten die Ausgräber an und stießen prompt auf das legendäre Tor. Auch bei den nordischen Nachbarn dürfte der Fund für Schlagzeilen sorgen. Ihnen gilt das Danewerk als Nationalheiligtum. Königin Margrethe II. besuchte die Befestigungsanlage, ebenso Prinz Frederik.

Neue Altersbestimmungen an Baumstämmen zeigen allerdings, dass die frühesten Teile des Walls vielleicht von Friesen stammen. Bereits im 7. Jahrhundert legten sie den Grundstein.

"Kosovo des Frühmittelalters"

Die findigen Seefahrer von den Nordseeinseln kabbelten sich damals mit gleich drei anderen Völkern - Dänen, Slawen und Sachsen - um die Vormacht in der Region. Carnap-Bornheim: "Hier war das Kosovo des Frühmittelalters." Am Ende gewannen die Dänen die Oberhand. Die Reichsannalen berichten fürs Jahr 808, dass ein König Göttrik beschloss, "die Grenze seines Reichs nach Sachsen zu mit einem Wall zu schirmen".

Nur warum dieser gigantische Aufwand? Weshalb türmten die Wikinger Millionen Tonnen Geröll zu einer Grenze auf? Vergleichbare Bauwerke wie der Limes und die Chinesische Mauer sollten Barbaren abhalten. In diesem Fall aber waren die Erbauer selber welche. Im 8. Jahrhundert besaß Dänemark weder gepflasterte Wege noch Steinhäuser. Seine heidnischen Könige ließen sich von Tiermasken-Kriegern ("Berserker") bewachen, die sich durch ekstatische Kampfeswut auszeichneten.

Einzig die Drachenboote lagen technologisch an der Weltspitze. Sie waren schnell, leicht und trotzdem kursstabil. Für das Rahsegel mussten 200 Schafe ihre Wolle lassen. Mit diesen Schiffen erschufen die gefürchteten Nordmänner bald ein gewaltiges Handelsnetz. Durch die russischen Flüsse segelten sie bis nach Byzanz. Über die Nordsee erreichten sie Island und Grönland.

Kostbarkeiten kamen durch die Hintertür Europas

Der einzige Schwachpunkt in diesem verzweigten Warensystem befand sich bei Haithabu. Hier war ein gefährliches Nadelöhr. Der Grund: Händler, die von der Ostsee kamen, fuhren erst durch die Schlei tief ins Landesinnere bis nach Haithabu. Dort luden sie ihre Güter ab und zogen sie auf Ochsenkarren 18 Kilometer weit bis zu dem schiffbaren Fluss Treene. Erst dort ging es mit Booten weiter Richtung Nordsee.

Ungeheure Kostbarkeiten glitten so gleichsam durch die Hintertür Europas: Gold aus Byzanz, Bärenfelle aus Nowgorod, sogar Buddhas aus Indien. Um diese Schlagader zu bewachen, so die neuen Erkenntnisse, wurde das mächtige Bollwerk aus Stein, Erde und Ziegeln erbaut. Das Danewerk war ein Schutzschild für den Warenverkehr.

In den nächsten Wochen wollen die Ausgräber das Erdreich am Zentraltor bis hinunter zum alten Straßenniveau abtragen. Dort hoffen sie, auf altes Pflaster, eiserne Türangeln oder Pfostenlöcher zu stoßen.

Es wären Reste der Pforte ins Wikingerreich.

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