Das Ende der "Mir" Rücksturz auf Raten

Vier genau abgestimmte Bremsmanöver braucht es, bis die marode "Mir" ihr Absturzgebiet im Südpazifik ansteuern kann. Doch der 135-Tonnen-Koloss wäre nicht die erste Raumstation, die ihr Ziel verfehlt.

Von Alexander Stirn


Der Abstieg hat schon lange begonnen: Nicht nur, dass am 16. Juni 2000 die letzten Bewohner das Licht ausgemacht und die Heizung heruntergedreht hatten. Seit Januar korrigieren die Russen auch nicht mehr die Höhe ihrer maroden Weltraumkonserve - mit schleichenden Folgen.

Sinkflug: Die Tage der "Mir" sind gezählt
NASA

Sinkflug: Die Tage der "Mir" sind gezählt

Denn die Atmosphäre ist 300 Kilometer über der Erdoberfläche zwar extrem dünn, doch noch immer existieren einige Moleküle, die an der Außenhaut der Station reiben. Der einstige Stolz der russischen Raumfahrt wird langsamer, der Radius der Umlaufbahn kleiner, die "Mir" kommt der Erde unaufhaltsam näher.

Wie kräftig die Atmosphäre an der Station zerrt, lässt sich nicht genau vorhersagen. In derart Schwindel erregenden Höhen hängt die Dichte der Luft stark von den Aktivitäten der Sonne und der Stärke des Sonnenwinds ab. Derzeit verliert die Mir nach Auskunft ihrer Betreiber zwischen einem und eineinhalb Kilometern pro Tag an Höhe.

Bis die kritische Höhe erreicht sein wird, bei der die letzten Manövrierversuche starten, vergeht jedenfalls noch etwas Zeit. Wie viel genau? "Mitte März", konkreter will sich die Weltraumbehörde nicht festlegen.

Fest steht dagegen, bei welcher Höhe die Russen eingreifen wollen. Nach den neuesten Plänen wird die Mir durch die natürliche Bremswirkung bis auf 220 Kilometern sinken. Dann schlägt die Stunde der Bodenkontrolle, dann gibt es kein Zurück mehr.

Mit Hilfe der Steuerdüsen eines Ende Januar angekoppelten "Progress"-Transporters wird der rostige Koloss in Position gebracht - für die letzte Kurskorrekturen. In den kommenden 20 bis 30 Stunden zünden die "Progress"-Triebwerke insgesamt vier Mal. Da die Düsen so ausgerichtet sind, dass sie der Bewegungsrichtung der Station entgegenwirken, wird die Mir immer weiter abgebremst.

Die ersten drei Zündungen haben noch einen anderen Zweck: Durch sie wird die alternde Station auf eine stark elliptische Umlaufbahn gebracht, die 150 bis 220 Kilometer über der Erdoberfläche liegt. Ihren niedrigsten Punkt erreicht die Mir dabei in der Nähe der geplanten Absturzstelle.

Segeln in Flammen

Die Atmosphäre wird immer dichter, die Reibung größer. Zunächst gehen - ab einer Höhe von etwa 100 Kilometern - die riesigen Sonnensegel in Flammen auf. Dann fangen andere Teile Feuer. Während der drei letzten Runden um die Erde verglühen zwei Drittel der Station.

Auf dem Höhepunkt ihres finalen Orbits bekommt die Mir schließlich den Todesstoß: Irgendwo über Afrika wird das "Progress"-Triebwerk ein letztes Mal gezündet. 800 Sekunden lang. Am Ende des Manövers, die Mir befindet sich bereits über Russland, liegt ihre Flughöhe bei 82 Kilometern. Bis zum Aufschlag sind es dann noch 45 Minuten.

Die werden, so viel ist sicher, ziemlich heiß. Der Höllenritt endet schließlich rund 4000 Kilometer südöstlich von Neuseeland. Bis zu 1500 Bruchstücke mit einem Gesamtgewicht von 27,5 Tonnen krachen dort ins Meer. Die größten Überreste, immerhin 700 Kilogramm schwer, schlagen mit einer Geschwindigkeit von 400 Stundenkilometern im Pazifik ein - vorausgesetzt, der Rücksturz zur Erde geht so kontrolliert vor sich, wie es sich die russischen Raumfahrt-Manager vorstellen.

Prominente Vorbilder

Falls doch etwas schiefgeht, ist der Mir-Absturz nicht nur mit 200 Millionen Dollar versichert, er würde auch eine unrühmliche Geschichte fortsetzen: Unkontrollierte Abstürze plagen Raumfahrt-Experten seit mehreren Jahrzehnten.

Bereits 1978 krachte ein russischer Militärsatellit in die kanadische Arktis. Radioaktive Bruchstücke kontaminierten eine ganze Region. Die Aufräumarbeiten dauerten Monate. Auch in den Anden liegen noch immer 200 Gramm Plutonium-Überreste der russischen Mars-96-Sonde. Im Fall der Mir sind derartig verheerende Folgen jedoch nicht zu befürchten, denn die ausgediente Raumstation hat, so Walter Kröll, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, "definitiv" keine radioaktiven Teile an Bord.

Vielleicht ist es ein böses Omen, aber sogar die direkte Mir-Vorgängerin hat bei ihrem Absturz den Ozean nicht getroffen. 1991 ging der russischen Station Saljut 7 beim kontrollierten Eintritt in die Atmosphäre einfach der Treibstoff aus. Sie landete in Argentinien. Einziges Opfer, so wird berichtet, war eine Kuh.



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