Kraftwerk Datteln 4 Laschets krumme Kohlerechnung

Ministerpräsident Armin Laschet will in NRW ein neues Steinkohlekraftwerk in Betrieb nehmen und begründet das ausgerechnet mit Klimaschutz. Wie passt das zusammen?
Uniper-Kohlekraftwerk Datteln 4 am Dortmund-Ems-Kanal: CO2-Reduktion oder das Gegenteil?

Uniper-Kohlekraftwerk Datteln 4 am Dortmund-Ems-Kanal: CO2-Reduktion oder das Gegenteil?

Foto: Hans Blossey/ imago

Experten haben den geplanten vierten Block des Steinkohlekraftwerks Datteln in Nordrhein-Westfalen schon mehrmals für tot erklärt. Doch immer wieder erlebte die vermeintliche Bauruine ein überraschendes Comeback - diesmal sorgt Armin Laschet für eine Wiederauferstehung der besonderen Art: Deutschlands neues Kohlekraftwerk schützt das Klima, behauptet der NRW-Ministerpräsident, deswegen sollte es trotz nationalen Kohleausstiegs ans Netz.

"Die Inbetriebnahme von Datteln 4 wird zur Reduktion der CO2-Emissionen führen, weil stattdessen andere, viel weniger effiziente alte Kraftwerke abgeschaltet werden können", argumentierte Laschet zuletzt in der "Rheinischen Post"  und fordert mehr "Verstand und Rationalität" in der "emotionalen Debatte" über den Kohleausstieg.

Allerdings geht seine vermeintlich einfache Rechnung nicht auf:

  • Noch existiert überhaupt kein Gesetz zum Kohleausstieg. Die Bundes- und Landesregierungen haben zwar versprochen, die Empfehlungen der Kohlekommission umzusetzen. Doch erste Entwürfe des Gesetzes zeigen, dass über wichtige Details zum Abschied von der Kohle noch immer verhandelt wird.
  • Welche Kraftwerke im Gegenzug für Datteln 4 abgeschaltet werden könnten und wie viel CO2 so eingespart werden würde, ist völlig offen.

Solange diese beiden Fragen nicht geklärt sind, lässt sich also nicht sicher sagen, ob Datteln 4 am Ende zu mehr oder weniger Emissionen führen wird. Zwei mögliche Szenarien - und es wären noch viele mehr denkbar - zeigen, wie viele Faktoren über die Rechnung entscheiden.

Variante eins: Datteln 4 spart Emissionen

Angenommen, die Bundesregierung folgt den Empfehlungen der Kohlekommission - und derzeit spricht vieles dafür - dürfen im Jahr 2022 alle Steinkohlekraftwerke zusammen nur noch 15 Gigawatt ins Netz einspeisen, 2030 nur noch acht, und ab 2038 soll es in Deutschland überhaupt keinen Kohlestrom mehr geben.

Datteln 4 müsste dann ältere Kraftwerke vom Markt drängen, die bei gleicher Leistung deutlich mehr CO2 ausstoßen. Laut Datteln-Befürwortern ließen sich so bis zu 1,2 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Eigentlich sollte deshalb sogar die Umweltbewegung ein Fan von Datteln 4 sein, sagt Laschet.

Variante zwei: Datteln führt zu mehr Emissionen

Wer bei Umweltaktivisten nachfragt, bekommt eine ganz andere Antwort: "Laschet betreibt hier eine offenbar bewusste Irreführung", sagt Dirk Jansen vom BUND. Es sei zwar richtig, dass auf dem Papier Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 1,1 Gigawatt zusätzlich abgeschaltet werden müssten.

In Wahrheit seien solche "alten Möhren" aber nicht voll ausgelastet. Das bedeutet, auf dem Papier könnte mehr Leistung - und damit mehr Emissionen - vom Netz genommen werden als in der Realität. Eine entsprechende Verringerung der Emissionen finde also gar nicht statt. Zudem drohten durch Datteln effizientere Gaskraftwerke vom Markt gedrängt zu werden. "Unterm Strich wären Mehremissionen von bis zu vier Millionen Tonnen CO2 die Folge, wenn Datteln 4 wie geplant ans Netz geht", so Jansen.

Braunkohlemeiler auf Sparflamme

Laut Laschet hat Uniper als Betreiber von Datteln 4 angeboten, andere Kraftwerke im Gegenzug abzuschalten. Der Energiekonzern will sich auf Anfrage nicht im Detail äußern, solange die Bundesregierung kein Gesetz zum Kohleausstieg vorgelegt hat. Welche Kraftwerke Uniper schließen könnte, ist deshalb offen.

Laschet selbst hat immer wieder gefordert, besonders umweltschädliche Braunkohlekraftwerke abzuschalten. Von denen hat Uniper jedoch nur eines: Schkopau.

Das Braunkohlekraftwerk in Sachsen-Anhalt soll eigentlich bis zum Jahr 2035 am Netz bleiben. Seine Leistung liegt bei 0,9 Gigawatt. Allerdings läuft das Kraftwerk derzeit auf Sparflamme, die Auslastung betrug in diesem Jahr bislang nur etwa 38 Prozent.

Datteln 4: Ein Kraftwerk mit Verfallsdatum

Datteln 4: Ein Kraftwerk mit Verfallsdatum

Foto: blickwinkel/ imago images

Das ist zum einen nicht genug, um Datteln 4 tatsächlich auszugleichen. Zum anderen stieß Schkopau im vergangenen Jahr durch die geringere Auslastung nur gut sechs Millionen Tonnen CO2 aus. Datteln 4 könnte laut Umweltorganisationen dagegen jedes Jahr bis zu 8,4 Millionen Tonnen CO2 in die Luft blasen, vorausgesetzt, es läuft unter Volllast. Deutschlands letztes neues Steinkohlekraftwerk würde dann nicht nur zu mehr Emissionen führen, sondern auch zu mehr Kohlestrom im Netz.

Das ist natürlich nur eine Möglichkeit. Uniper könnte auch anbieten, weitere Steinkohlekraftwerke abzuschalten, die der Energiekonzern betreibt. Denkbar ist auch, dass für Datteln 4 Braunkohlekraftwerke von anderen Betreibern stillgelegt werden.

"Es ist verboten, neue Steinkohleanlagen in Betrieb zu nehmen"

Die Klimabilanz einzelner Kraftwerke droht bei der Entscheidung über Stilllegungen ins Hintertreffen zu geraten. Am Ende könnten vor allem die aufgerufenen Entschädigungssummen entscheidend sein.

Die Idee für Steinkohlekraftwerke: Die Betreiber geben an, welche Kraftwerke sie gern stilllegen würden und wie viel Geld sie dafür bekommen wollen. Die, die am wenigsten fordern, bekommen den Zuschlag - ihre Kraftwerke gehen vom Netz, vorausgesetzt, diese sind nicht kritisch für die Versorgungssicherheit. Zur Abschaltung der Braunkohlekraftwerke soll es direkte Verhandlungen mit den Betreibern geben.

Uniper dürfte eine besonders hohe Entschädigung fordern, falls Datteln 4 nicht ans Netz gehen darf. Laschet selbst spricht von 1,5 Milliarden Euro.

Im Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Kohleausstieg heißt es: "Es ist verboten, neue Stein- und Braunkohleanlagen in Betrieb zu nehmen. Es sei denn, für die Kohleanlage wurde bereits zum Zeitpunkt des Inkrafttretens eine immissionsschutzrechtliche Genehmigung erteilt."

Kritiker des neuen Kraftwerks argwöhnen, der Passus sei extra eingebaut worden, um die Inbetriebnahme von Datteln 4 zu ermöglichen - eine "Lex Datteln" also. Denn auf Datteln 4 trifft das zu. Die Chancen für Deutschlands letztes neues Kohlekraftwerk stehen also derzeit gut.

Selbst wenn Datteln 4 wie geplant im kommenden Sommer ans Netz geht, bleibt es ein Kraftwerk mit Verfallsdatum. Wegen des geplanten Kohleausstiegs soll auch dort im Jahr 2038 Schluss sein. Die für den Betrieb nötige Steinkohle müsste derweil aus dem Ausland importiert werden. Aus der Steinkohleförderung ist Deutschland nämlich schon vor einem Jahr ausgestiegen.

Zusammengefasst: Ob das Steinkohlekraftwerk Datteln 4 am Ende für weniger oder mehr Emissionen sorgen wird, lässt sich derzeit kaum objektiv einschätzen. Entsprechende Untersuchungen fehlen. Außerdem ist nicht klar, welche Kohlekraftwerke im Gegenzug vom Netz gehen sollen.

Mitarbeit: Almut Cieschinger
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