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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL Klimabericht Konflikte, extra heiß

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Weil die Erderwärmung auch globale Konflikte anheizen könnte, ist das Thema jetzt im Weltsicherheitsrat angekommen. Dort tun sich neue Spaltungen zwischen den Staaten auf. Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ob Boris Johnson bei seinem Eingangsstatement jemand Bestimmtes im Sinn hatte, wissen wir natürlich nicht, aber der ein oder andere Diplomat könnte sich angesprochen gefühlt haben: »Ich weiß, dass es Menschen auf der ganzen Welt gibt, die sagen werden, dass dies alles grünes Zeug von einem Haufen baumumarmender Tofu-Fans ist und in der internationalen Diplomatie nichts zu suchen hat«, sagte  der britische Premierminister bei der Eröffnung einer Versammlung des Uno-Sicherheitsrats zur Klimakrise. Er selbst, setzte Johnson nach, könne so einer Haltung »nicht entschiedener widersprechen«. Dass sie im wichtigsten Uno-Gremium aber Anhänger zu haben scheint, das sollte im Verlauf der Sitzung deutlich werden.

Vertreter von 15 Staaten berieten am Dienstag über die möglichen Auswirkungen der Erderwärmung auf die internationale Sicherheit. Doch schon bei der Frage, ob das Gremium zuständig ist und was die Auswirkungen der Klimakrise sein könnten, war man sich uneins.

So stellte Prakash Javdekar, der Umweltminister Indiens, klar, es gebe »keine akzeptierte Methodologie«, die belegen würde, dass der Klimawandel Konflikte verursache, Chinas Abgesandter Xie Zhenhua erkannte immerhin an, dass die Klimakrise zu einer »dringenden und ernsthaften Bedrohung für das Überleben, die Entwicklung und die Sicherheit der Menschheit« geworden sei, stellte aber infrage, ob und inwiefern sich der Rat mit der Frage beschäftigen solle. Vielmehr sei »nachhaltige Entwicklung der Schlüssel zur Lösung aller Probleme und zur Beseitigung der Hauptursachen von Konflikten«, sagte er.

Am kritischsten positionierte  sich der russische Uno-Botschafter Vassily A. Nebenzia, der erhebliche Zweifel an der Idee geltend machte, dass steigende globale Temperaturen überhaupt Auseinandersetzungen hervorrufen könnten, mit denen sich der Weltsicherheitsrat dann beschäftigen müsste. »Wir sind uns einig, dass Klimawandel und Umweltprobleme Konflikte verschärfen können. Aber sind sie wirklich die Hauptursache für diese Konflikte? Es gibt ernsthafte Zweifel daran«, so Nebenzia.

»Gegenseitiger Selbstmordpakt«

John Kerry, US-Sondergesandter

Die Statements der drei Länder – im weltweiten Vergleich allesamt Schwergewichte bei der Emission von Klimagasen – standen in deutlichem Gegensatz zu den Einlassungen westlicher Staaten, wie Großbritanniens oder der USA. Es sei vollkommen klar, »dass der Klimawandel eine Bedrohung für unsere kollektive Sicherheit und die Sicherheit unserer Nationen darstellt«, sagte  Boris Johnson.

Nehme man die Bedrohungen des Klimawandels nicht ernst, »marschiert man auf etwas zu, das fast einem gegenseitigen Selbstmordpakt gleichkommt«, sagte John Kerry, der neue von US-Präsident Joe Biden ernannte Klima-Sondergesandte, am Dienstag. »Es ist dringend erforderlich, die Klimakrise als die Sicherheitsbedrohung zu behandeln, die sie darstellt.«

Wie aus einer Untersuchung des Friedensforschungsinstituts Sipri , hervorgeht, könnten die konkreten Folgen der Klimakrise den Sicherheitsrat schneller beschäftigen, als manchen Mitgliedern lieb ist. Mit Stand Dezember 2020 waren demnach zehn von 21 aktiven Uno-Friedensmissionen in Staaten im Einsatz, die als von der Klimakrise besonders betroffen gelten. Sechs der zehn personell größten Uno-Operationen liegen ebenfalls in solchen Ländern. Jüngste Untersuchungen zeigten, dass die Folgen der Erderwärmung in diesen Ländern erhebliche Auswirkungen auf Uno-Friedensmissionen haben könnten, so Sipri.

Klimakrise als »Bedrohungsmultiplikator«

Eine Studie  von Susanne Dröge von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin stellte im März letzten Jahres fest, dass direkte Kausalitäten zwischen Klimarisiken und Gewalt, die der Sicherheitsrat in den Fokus nehmen könnte, zwar kaum bekannt sind und der Klimawandel – verglichen mit anderen Konfliktrisiken – ein nach­geordneter Faktor für Gewaltausbrüche darstelle. Wohl aber »kann er mit diesen stark interagieren« und wirke daher als »Bedrohungsmultiplikator«.

So zeige eine Vielzahl an Studien, wel­che Zusammenhänge zwischen Klimawandelfolgen und gewalttätigen Konflikten bestünden oder wie diese sich künftig verstärken könnten. Dröge verweist in ihrer Untersuchung auf einen Bericht des damaligen Uno-Generalsekretärs Ban Ki-moon, der 2009 in einem Bericht zusammenfasste, wie der Klimawandel die Sicherheit betreffen könnte:

  • Die Nahrungsmittelversorgung wird gefährdet, auch durch mehr extreme Wetterlagen

  • Wenn der Klimawandel die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern behindert, kann das die Stabilität des Staates gefährden

  • Konkurrenz um immer knappere Ressourcen infolge der Erwärmung sowie Migration können zu Konflikten im Land und auch international führen

  • Weil etwa durch Dürre oder Überflutungen ganze Länder verschwinden könnten, sind die Souveränität von Staaten und die Rechte ihrer Bürger in Gefahr

Teile des Militärs – etwa die US-Streitkräfte  und die Nato – sind für das Thema längst sensibilisiert. »Ich denke, der Klimawandel ist ein schwerwiegender Krisenmultiplikator und wirkt sich wirklich auf unsere Sicherheit aus. Wir müssen dies in einem neuen strategischen Konzept angehen«, sagte  Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vergangene Woche.

Die Sitzung des Weltsicherheitsrats am Dienstag unterstrich erneut ein Grundproblem des Gremiums: gegenseitige Blockade. Ein konkretes Ergebnis brachte die Versammlung nämlich nicht. Dass der Rat überhaupt darüber diskutiert hat, ist immerhin ein gutes Zeichen.

Auffällig an der Uno-Sitzung war einmal mehr die Kehrtwende der USA in der Klimapolitik nach den Trump-Jahren. Noch im Juli hatten die Amerikaner einen deutschen Vorstoß zur Einrichtung eines bei der Uno angesiedelten Frühwarnsystems für klimawandelbedingte Konflikte blockiert . Auf einen Resolutionsentwurf im Sicherheitsrat waren die US-Vertreter nicht eingegangen und hatten klargemacht, den Vorschlag nicht zu unterstützen. Diese Woche nun sagte John Kerry: »Die Klimakrise ist unbestreitbar ein Thema des Sicherheitsrates« – größer könnte der Kontrast kaum sein.

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Kampfflugzeuge der amerikanischen Luftwaffe: »Es ist dringend erforderlich, die Klimakrise als die Sicherheitsbedrohung zu behandeln, die sie darstellt.«

Kampfflugzeuge der amerikanischen Luftwaffe: »Es ist dringend erforderlich, die Klimakrise als die Sicherheitsbedrohung zu behandeln, die sie darstellt.«

Foto: Senior Airman Keith Holcomb / 354th Fighter Wing Public Affair

Die Themen der Woche

Weltweiter CO₂-Handel: Das Klima geht an die Börse
Staaten und Unternehmen wollen bis 2050 klimaneutral werden. Um das zu schaffen, setzen sie auf CO₂-Gutschriften. Der so entstehende Milliardenmarkt ist aber extrem anfällig für Greenwashing, warnen Kritiker.

Dramatische Analyse: Der deutsche Wald stirbt
Monokulturen, Dürre, Borkenkäfer und dann auch noch Stürme: Den Wäldern in Deutschland geht es so schlecht wie nie. Ein neuer Zustandsbericht zeigt, dass nur ein Fünftel der Bäume eine intakte Krone hat.

Kurzstreckenflüge, Autos, beheizte Außenterrassen: Frankreichs Klimarat kritisiert geplantes Gesetzespaket zum Klimaschutz
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Stockende Energiewende: So will die GroKo die Ökostromlücke stopfen 
Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland stockt, Klimaziele und Stromversorgung sind gefährdet. In die Koalitionsverhandlungen zu dem Problem kommt nach SPIEGEL-Informationen nun Bewegung.

Publiziert

Eisschmelze schwächt Golfstrom ab

Wenn es um die Folgen des Klimawandels geht, kommt den sogenannten Kippelementen eine enorme Bedeutung zu. Noch immer ist unklar, ab wann ein oder mehrere Kipppunkte überschritten sind und ganze Umweltsysteme in einen völlig neuen Zustand wechseln, etwa das Abschmelzen des Grönlandeises oder die Freisetzung von Methan aus dem tauenden Permafrost. Ein bedeutendes Kippelement ist auch der Westeuropa wärmende Golf- oder Nordatlantikstrom, der durch den zunehmenden Süßwasserzufluss aus schmelzendem Eis abgeschwächt wird. Hierzu haben zwei dänische Forscher mögliche Zukunftsszenarien in einem Modell getestet und dabei festgestellt, dass es nicht nur auf den Umfang der Veränderungen ankommt. Es zeigte sich, dass auch die Rate, mit der das Süßwasser in den Nordatlantik gerät, eine wichtige Rolle spielt. Je schneller dies geschah, desto früher wurde der Kipppunkt überschritten.

"Risk of tipping the overturning circulation due to increasing rates of ice melt"
Lohmann & Ditlevsen, 2021
PNAS 

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Glossar

Begriff der Woche: IPCC – die Krise vermessen
Der IPCC sammelt die grundlegenden Informationen über die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels. Welche Bedeutung hat das Gremium für den Kampf gegen die Erderwärmung?

Bleiben Sie zuversichtlich

Ihr Kurt Stukenberg

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