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Jörg Römer

SPIEGEL-Klimabericht Wärme auf Pump

Jörg Römer
Von Jörg Römer, Redakteur Wissenschaft

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor einiger Zeit, lange vor Beginn des Krieges in der Ukraine, ging bei einer Verwandten die Heizung kaputt. Eine neue musste her und beim Einbau wollte die alte Dame statt der fossilen Gastherme gerne auf klimafreundliche Technik setzen. In Beratungsgesprächen mit dem Heizungsbauer war auch eine Wärmepumpe für das Einfamilienhaus aus den Siebzigerjahren Thema.

Diese elektrischen Heizungen ziehen Wärme aus dem Erdreich, dem Grundwasser oder der Luft ab und speisen diese in ein Heizsystem ein. Im Fall der Verwandten ist das eine Fußbodenheizung statt alter Heizkörper – im Grunde eine günstige Voraussetzung. Letztlich fiel die Entscheidung am Ende aber doch auf eine moderne Gasheizung.

Dann kam der Krieg in der Ukraine und infolge des russischen Angriffs schossen die Gaspreise in die Höhe. Aus Sorge vor einer exorbitant hohen Rechnung wird im Siebzigerjahrebau nun gefroren, dabei hat der Winter noch nicht einmal begonnen.

Zu allem Überfluss erschien diese Woche  eine Datenauswertung der Denkfabrik Agora Energiewende , nach der Wärmepumpen auch in vielen bestehenden Gebäuden effizient Wärme erzeugen könnten. In dem Papier soll mit dem Argument aufgeräumt werden, dass für eine Wärmepumpe ein bestimmtes Sanierungsniveau oder eine Fußbodenheizung notwendig ist. Die Autoren sind damit ganz auf Kurs der Bundesregierung, die vor allem mit Wärmepumpen im Gebäudesektor ihre Klimaziele erreichen will.

Doch in der Praxis ist die Sache komplizierter als auf dem Papier. Ein wichtiger Punkt: Die Kosten einer Wärmepumpe, die sich schnell auf mehrere Zehntausend Euro belaufen. Besonders Bohrungen, um an die Erdwärme zu kommen, treiben den Preis in die Höhe. Da hilft es nur bedingt, dass die Bundesregierung pro Wärmepumpenprojekt rund 25 Prozent der Kosten gewissermaßen hinzupumpt.

Der Versuch der Regierung, während dieses Winters unabhängig von russischem Heizgas zu werden, lässt viele Häuslebesitzer verunsichert zurück. Wärmepumpen können Gas sparen, sie gelten als effiziente und klimafreundliche Heizmöglichkeit – zumindest wenn der Strom für den Betrieb CO₂-neutral erzeugt wird. Aber bisher, so die Faustregel, galt das vor allem für Neubauten und nicht für den Bestand. In älteren Gebäuden reichen die Temperaturen, die eine solche Wärmepumpe in den Heizkörpern erzeugen kann, meist nicht aus, hieß es. In der Folge muss mit elektrischen Heizstäben nachgeholfen werden. Das erhöht die Stromrechnung.

Ein ausreichendes Temperaturniveau für eine Wärmepumpe in Bestandsgebäuden ließe sich mit kurzfristigen Sanierungsmaßnahmen wie neuen Fenstern oder neuen Heizkörpern erreichen, argumentiert Agora Energiewende nun. »Es gibt somit kaum technische Gründe, die gegen den Einsatz von Wärmepumpen in Bestandsgebäuden sprechen«, heißt es.

Verunsicherung, Lieferschwierigkeiten und hohe Kosten

Wenn alle technischen Voraussetzungen zu hundert Prozent erfüllt sind, mag das stimmen. Doch guter praktischer Rat ist bei dem Thema schwer zu bekommen. Immer wieder kommt es zu Fehlplanungen beim Einbau solcher Heizungen. Zudem geht ein Teil der CO2-Einsparungen kurzfristig verloren, weil der zusätzliche Strombedarf der Geräte zum Teil aus Gas gedeckt werden muss, hat eine Studie vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) festgestellt. 

Noch dazu sind die Geräte schwer zu bekommen, weil es Lieferschwierigkeiten gibt. Ganz zu schweigen von dem technischen Verständnis, das man aufbringen muss, um die Heizungen wirklich zu verstehen.

Aber schon die hohen Investitionskosten lassen gerade ältere Eigentümer zögern. Unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten stellt sich bei vielen die Frage, warum sie noch viel Geld in ein Haus investieren sollten, das ihre Erben in ein paar Jahren möglicherweise ohnehin verkaufen oder abreißen lassen?

Mit Blick auf Deutschlands Klimaziele ist es langfristig sicher richtig, den Ausbau von Wärmepumpen voran zutreiben, wie es die Bundesregierung plant. Bis 2030 soll die Zahl der Wärmepumpen massiv steigen. Aber noch immer werden mehr Gasheizungen als Wärmepumpen verkauft.

In der Summe der Argumente bleiben deshalb wohl gerade vorsichtige Verbraucher lieber bei Bewährtem – auch wenn es dem Klima schadet. Und sie in diesen Winter frieren werden.

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Bleiben Sie zuversichtlich,

Ihr Jörg Römer

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