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SPIEGEL

Janne Kieselbach

Demokratieforschung Wie schnelles Internet populistischen Parteien hilft

Liebe Leserin, lieber Leser,  

am Sonntag wird in meiner Heimatstadt Hamburg eine neue Bürgerschaft gewählt. Auch ich habe mich über das Internet darüber informiert, wofür die Parteien eintreten und welche Kandidaten zur Wahl stehen. Das Netz bietet die Möglichkeit, mit Politikern in direkten Austausch zu treten. Zugleich erlaubt es Parteien, ihre Botschaften ohne Umwege an die Wähler zu vermitteln.

Das alles hat positive Effekte auf die Beteiligung von Bürgern und den demokratischen Austausch. Es birgt aber auch Risiken: Kommunikationswissenschaftler beobachten schon lange eine radikale Veränderung der Informationskultur. Während es die Aufgabe traditioneller Medien sein sollte, Aussagen von Politikern zu prüfen oder gegeneinander abzuwägen, bieten soziale Medien Raum für ungeprüfte Informationen, Manipulationen und Verschwörungstheorien. In der scheinbar vorhandenen Netzanonymität verbreiten sich Lügen und Hass rasend schnell.

Eine deutsch-italienische Studie  kommt nun zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Demnach sind populistische Parteien dort besonders erfolgreich, wo es schnelles Internet gibt. Experten vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Turiner Collegio Carlo Alberto konnten nachweisen, dass der Zugang zu sozialen Medien und den geschlossenen Echokammern des Internets Parteien wie der AfD oder der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung zugutekommen. Den Wissenschaftlern zufolge ermöglicht das Netz die schnelle Verbreitung von migrationsfeindlichen Äußerungen oder Elitenhass - also von Positionen, die viele traditionelle Medien kritisch einordnen würden.

In den Echokammern des Internets, finden vor allem rechte Parteien Gehör

In den Echokammern des Internets, finden vor allem rechte Parteien Gehör

Foto: Janine Schmitz/ Photothek via Getty Images

Für ihre Studie verglichen die Forscher unter anderem vom TÜV Rheinland bereitgestellte Daten über die Internetversorgung in Deutschland mit den Ergebnissen der mehrjährigen Wahlstudie "German Longitudinal Election Study" (GLES). Sie fanden heraus, dass sich insbesondere junge Menschen einfacher mit populistischen Botschaften ansprechen ließen, wenn die Verbindungsqualität hoch war.

Klar ist: Mit dem Internet hat der politische Raum eine neue Dimension gewonnen. Es liegt an uns allen, die damit verbundenen Möglichkeiten verantwortungsbewusst zu nutzen und uns auch der neuen Risiken bewusst zu sein. Nur dann kann Demokratie gelingen.

Herzlich

Ihr Janne Kieselbach

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen dieser Woche 

  • Das klingt vielversprechend: Forscher haben erstmals Strom aus Luftfeuchtigkeit  erzeugt. Handelt es sich um eine neue Zukunftstechnologie?

  • Ganz schön irre: Sollte sich der Klimwandel nicht stoppen lassen, sollen gewaltige Dämme die Nordsee schützen. Doch Forscher aus Kiel und den Niederlanden meinen es ernst mit ihrem Vorhaben.

  • Wissenschaftler haben im Irak ein mehr als 70.000 Jahre altes Neandertaler-Skelett ausgegraben. Meine Kollegin Julia Merlot berichtet über den Fund und mögliche Bestattungsriten.

  • Wie ticken eigentlich Wissenschaftler, Ingenieure oder Betriebswirte? Forscher der Universität Princeton haben anhand von 130.000 Twitter-Profilen auf die Charakterunterschiede verschiedener Berufsgruppen  geschlossen.

  • Ach, du Schreck! Online nach Krankheitssymptomen zu suchen, wirkt sich negativ auf die Psyche aus  - sagen Forscher der Uni Köln.

  • Wer mehr leistet, verdient mehr? Weit gefehlt! Soziologen erklären, dass das Leistungsprinzip immer weiter ausgehöhlt wird. Sie warnen vor einem kollektiven Selbstbetrug.

  • Suche nach der Quelle: Zwischen Mitte November und Anfang Dezember muss das Coronavirus Sars-CoV-2 den Sprung vom Tier zum Menschen geschafft haben. Nur wo? Und welches Tier war es? Meine Kollegin Julia Köppe hat sich auf Spurensuche begeben.

Quiz* 

  1. Was sind Petaflops? 

  2. Wann flog der erste Weltraumtourist ins All?

  3. Welches Tier überträgt die Infektionskrankheit FSME?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter. 

Bild der Woche

Frisches Grün sprießt aus den verbrannten Stämmen von Eukalyptusbäumen in Australien. Die verheerenden Waldbrände der vergangenen Monate haben eine Fläche verwüstet, die mehr als halb so groß ist wie Deutschland. Doch jedem Sterben folgt neues Leben: Eukalyptusbäume legen Knospen in ihrer Rinde an, die selbst schlimmste Brände überstehen. Ist die Katastrophe vorbei, stehen scheinbar tote Bäume plötzlich in zartem Blätterflaum.

Foto: Doug Gimesy

Fußnote  

4 bis 7

Wochen dauert es, bis ein mensch­licher Körper vollständig kompostiert ist; das berichteten Forscher jetzt auf der alljährlichen Wissenschaftskonferenz der AAAS in Seattle. Die Kompostbestattung ist in den USA als klimafreundliche und ökologisch nachhaltige Leichenbeseitigung bislang nur im ­Bundesstaat Washington legalisiert. Der tote Leib wird bei dem Verfahren in einem Komposter mit Pflanzen­material versetzt, dann gelegentlich gedreht und gut belüftet. Übrig bleibt am Ende eine dunkle, bröselige Substanz. Die ersten sechs Kadaver sind im Rahmen einer Pilotstudie an der Washington State University verrottet. Von Anfang 2021 an soll das Verfahren kommerziell angeboten werden.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten:  

  1. Die Einheit Petaflops (Floating Point Operations Per Second) wird dafür genutzt, die Leistungsfähigkeit von Supercomputern zu beschreiben. Ein Petaflops entspricht einer Billiarde Gleitkomma-Berechnungen pro Sekunde. Gleitkommazahlen wiederum sind eine besondere Darstellungsform reeller Zahlen, die für Computerberechnungen besser geeignet sind. Der schnellste Rechner Deutschlands hat übrigens eine Spitzenleistung von 26,9 Petaflops. Er heißt "SuperMUC-NG" und steht in München.

  2. Der erste Weltraumtourist war der US-Unternehmer Dennis Tito im Jahr 2001. Er zahlte rund 20 Millionen Dollar aus eigener Tasche für einen achtstündigen Aufenthalt in der Internationalen Raumstation ISS. Vermittelt wurde die ungewöhnliche Urlaubsreise vom US-Unternehmen Space Adventure.

  3. Die Infektionskrankheit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) wird durch den Stich einer infizierten Zecke übertragen, hauptsächlich durch den Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus). FSME kann eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute hervorrufen. Es gibt eine Impfung, die vor der Krankheit schützt.

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