Denken und Fühlen Rätselhafte Herdentiere

Wie ist das Ich mit dem Wir verbunden? Was hat Fühlen mit Denken zu tun? Wodurch kommen Moral und Amoral in den Menschen? Fachübergreifend entdecken Forscher eine Art Kompass der Evolution.
Von Rainer Traub

Am Anfang war das Wir. Das Ungeborene hängt an der mütterlichen Nabelschnur und wächst in schützender Ur-Gemeinschaft heran. Das Ego kommt erst später.

Bevor ein Menschlein zwischen dem 12. und 18. Monat beginnt, sich als eigene, von der Umwelt getrennte Instanz zu erfahren, erlebt es eine Symbiose und fühlt sich intuitiv als soziales Wesen. Was die Mutter isst und trinkt, was sie tut und lässt, was ihr Leben bereichert und was es beschädigt: All das hat unmittelbare Auswirkungen auf den Organismus der werdenden Person, auf ihr Verhältnis zur Welt und zu den Artgenossen.

Das Kind kann ein Urvertrauen als Startkapital mitbringen - oder schon im Mutterleib und im Säuglingsalter mit Stresshormonen überflutet werden und womöglich ein Leben lang unter der vorbewussten Erfahrung hilfloser Ausgesetztheit leiden. Alles hängt davon ab, ob die Geborgenheit seines intrauterinen und frühkindlichen Wachstums intakt war oder durch Erschütterungen der mütterlichen Welt gestört.

So hat die Traumaforschung gezeigt, dass manche Deutschen noch im Rentenalter an Traumatisierungen leiden, die sie im Bombenkrieg 1943 bis 1945 davongetragen haben - etliche von ihnen im Bauch ihrer Mütter oder als Säuglinge auf deren Arm. Zufällige Auslöser wie die Fernsehbilder von Terrorattacken können früheste, oft wie Abszesse abgekapselte Wunden aufbrechen lassen und akut krank machen.

Seit die Psychoanalyse vor gut hundert Jahren begann, den seelischen Kontinent des Unbewussten zu erschließen, wurde die Macht der Gefühle immer mehr auch zum Thema empirischer Wissenschaften. Doch erst in jüngster Zeit haben Beobachtungen und Entdeckungen von Biologen, Verhaltensforschern und Anthropologen die Schlüsselbedeutung nichtkognitiver Wahrnehmungen und ihren neuronalen Ort im Gehirn stichhaltig nachgewiesen.

Der Grund-Satz des französischen Philosophen René Descartes "Ich denke, also bin ich" ist einer der meistzitierten Glaubensartikel westlichen Denkens. Im Licht biologischer Erkenntnis bleibt aber vom stolzen Absolutismus der Ratio nichts übrig. "Descartes' Irrtum" ist eines der Bücher des US-Autors Antonio Damasio betitelt, der zu den international führenden Hirnforschern zählt. "Ich fühle, also bin ich", heißt ein anderes.

Fachübergreifende Forschungsergebnisse dechiffrieren die Intuitionen als eine Art Kompass der Evolution. Wir erfahren zusehends mehr über die soziale Natur der Gefühle, ihre Materialisierung in der Gehirnstruktur und ihre Bedeutung für das Bewusstsein.

Der Zufall ermöglichte es einer italienischen Forschergruppe 1996, in eine neue Dimension vorzustoßen, "ähnlich wie Einstein", wie es ihr Leiter, der Physiologie-Professor Giacomo Rizzolatti, formulierte. An der Universität Parma studierte sein Team gerade an Schimpansen, wie zielgerichtete Handlungen geplant und ausgeführt werden. Die Gehirne der Tiere waren unter Narkose so an extrem feine Messfühler angeschlossen worden, dass diese im Wachzustand nicht schmerzten oder störten. Jedes Mal, wenn ein Affe nun nach einer Nuss griff, wurde eine bestimmte Nervenzelle ("Neuron") aktiviert, sandte ein bioelektrisches Signal aus und brachte das Messgerät zum Knattern.

Aus einer Laune heraus streckte einer der Forscher seine eigene Hand nach der Nuss aus. Und siehe da: Das mit dem Affenhirn verbundene Messgerät knatterte wie zuvor. Die Wissenschaftler glaubten zunächst an einen technischen Fehler, fanden aber heraus, dass alles mit rechten Dingen zuging. Der beobachtende Affe verhielt sich genauso, als versetze er sich in den Kopf des Menschen hinein: Indem er die Bewegung des anderen verfolgte, spiegelten seine eigenen Neuronen diese Handlung wider, als hätte er sie selber ausgeführt.

Die Spiegelneuronen, wie sie seitdem heißen, wurden bald auch bei Menschen nachgewiesen. Die entsprechenden Gehirnareale sind bei unserer Spezies freilich ausgedehnter. Es genügt, dass ein Mensch nur hört, wie von einer Handlung gesprochen wird, damit seine Spiegelneuronen in Resonanz treten.

Damit war nicht weniger entdeckt als "Die biologische Basis des Mitgefühls": So lautet der Titel des unlängst in der Edition Unseld publizierten Forschungsberichts von Rizzolatti und Co. Besser als bisher verstehen wir nun, warum für ein Neugeborenes die emotionale Resonanz - durch Augenkontakt, Berührungen, Laute - ähnlich lebenswichtig ist wie das Stillen seines Hungers. Wie körperliches Wachstum stete Nahrung fordert, so verlangt geistiges, emotionales und soziales Wachstum stete Resonanz. Fällt die aus, verkümmern ganze Gehirnbezirke, schwere Entwicklungsstörungen sind programmiert.

Alle Erfahrungen, die ein Mensch vom Mutterleib an macht, hinterlassen Spuren im Gehirn. Dessen Bau und Funktionsweise ist neurobiologisch, wie neuere Studien zeigen, gleichsam auf gute soziale Beziehungen geeicht. Es handelt sich allerdings um Anlagen, die nur durch ihren Gebrauch aktiviert werden und bei Vernachlässigung veröden. Angeboren ist nicht die Empathie (das Fremdwort entstand aus der englischen Übersetzung des deutschen Begriffs Einfühlung), sondern die Fähigkeit dazu im System der Spiegelneuronen.

So gilt für sozial-emotionale Intelligenz der Grundsatz "Use it or lose it" mindestens so sehr wie für körperliche Beweglichkeit. "Unser Gehirn ist demnach weniger ein Denk- als vielmehr ein Sozialorgan", erklärt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther in seiner kristallklaren und feinfühligen Einführung "Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn".

Die Fähigkeit zur Empathie ist Teil unseres evolutionären Erbes

Der Autor erinnert an ein grausames Experiment, das der Stauferkaiser Friedrich II. vor 800 Jahren befohlen haben soll: Um herauszufinden, welche Ursprache das Gehirn aus sich heraus entwickle, ließ er zwei Kinder von Ammen aufziehen, denen er streng verbot, mit den Kindern zu sprechen. Anders als der Kaiser vermutet hatte, begannen die Kleinen nicht spontan aramäisch zu sprechen, sondern blieben in ihrer gesamten Entwicklung zurück, bis sie schließlich starben.

Der Menschenversuch aus dem Hochmittelalter ist nicht so gegenwartsfern, wie mancher glauben mag: Vergleichbare Formen kommunikativer und sozialer Ausgrenzung sind als "Mobbing" bekannt und weit verbreitet. Sie können Opfern jeden Alters zusetzen, im Extremfall bis zum Suizid.

Ärzte und Psychologen sprechen, wenn bei gewissen Patienten gravierende Beeinträchtigungen der emotionalen Resonanz vorliegen, von Autismus. Diese Krankheit ist nichts anderes als eine Störung der Spiegelsysteme: "Bereits im zweiten Lebensjahr zeigen autistische Kinder eine verminderte Fähigkeit, spontane Gesichtsausdrücke oder Gesten zu imitieren ... Ihnen fehlt das Gefühl, sich in der Welt der anderen zu Hause zu fühlen. Ihr Verständnis für Interaktionen bleibt hinter ihrer rationalen Intelligenz weit zurück."

Das schreibt Joachim Bauer in seinem aufschlussreichen Buch "Warum ich fühle, was du fühlst". Der Freiburger Neurobiologe und Psychosomatiker betont zugleich, wie negativ sich Störungen der emotionalen Resonanz bei ganz alltäglichen Situationen in Schule oder Beruf auswirken: Angst, Anspannung und Stress reduzieren die Signalrate der Spiegelneuronen und beeinträchtigen die Lern- und Arbeitsfähigkeit massiv.

Erfreulicherweise gibt es auch Fälle einer glückhaft umfassenden Resonanz. Diesen Zustand nennen wir Liebe.

Der Niederländer Frans de Waal lotet die soziale Natur der Gefühle aus. Die Spezialität des Verhaltensforschers, der in Atlanta lehrt, sind Affen, die als nahe Verwandte der Menschen wie diese zoologisch zu den Primaten gehören. De Waals langjährige Beobachtungen des Soziallebens von Affen bestätigen nicht nur die Entdeckungen der Neurobiologen. Er kam zum weitergehenden Schluss, dass die Fähigkeit, moralisch zu handeln, nicht auf Menschen beschränkt ist, sondern als natürliche Mitgift schon die Affen auszeichne. Seine Erfahrungen und Argumente hat er kürzlich auf Deutsch im Buch "Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte" dargelegt.

Strikt widerspricht de Waal der Auffassung, von Natur aus sei der Mensch eine asoziale Bestie und nur durch sozialen Zwang im Zaum zu halten. Diese Theorie, die der englische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert mit dem alten lateinischen Sprichwort "homo homini lupus" auf den Begriff gebracht hat, ist seitdem fast ein Axiom westlichen Denkens geworden: Der Mensch ist dem Mitmenschen ein Wolf. Demnach wären wir schicksalhaft unserer egoistisch rasenden, destruktiven Instinktnatur ausgesetzt, würden nicht Rationalität und Moralität als eine Art kultureller Notbremse entgegenwirken.

Auch der große Pionier des Unbewussten hat dieses pessimistische Menschenbild ausdrücklich bekräftigt. "Infolge dieser primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander", schrieb Sigmund Freud in "Das Unbehagen in der Kultur", sei "die Kulturgesellschaft ständig vom Zerfall bedroht".

De Waal aber deckt zwei Irrtümer der lateinischen Sentenz auf: Erstens zählten die Wölfe zu den geselligsten, kooperativsten Tieren auf unserem Planeten. Zweitens negiere das Sprichwort die Tatsache, "dass wir bis ins Mark sozial sind". Darwins Lehre habe moralisches Handeln als Produkt der Evolution erkennbar gemacht. Einige Beispiele:

  • Rhesusaffen, die sich durch Ziehen an einer Kette Nahrung verschaffen konnten, hörten damit auf, wenn dadurch einem Artgenossen ein Stromstoß versetzt wurde. Sie hungerten lieber, als ihm Schmerz zuzufügen.

  • Ein Schimpanse ließ sich nicht durch Drohungen und Strenge von einem Dach locken, wohl aber durch einen Appell an sein Mitgefühl. Wenn die mit ihm vertraute Forscherin schluchzte, eilte er sofort herbei.

  • Die Bonobofrau Kuni fing in einem britischen Zoo einen Star und wurde von ihrer Pflegerin gedrängt, den Vogel freizulassen. Das Affenweibchen kletterte in die Spitze des höchsten Baumes und umklammerte mit beiden Beinen den Stamm, um die Arme freizuhaben. Dann entfaltete sie vorsichtig beide Flügel des kleinen Vogels und warf ihn in weitem Bogen Richtung Gehege.

  • Mit Trostgesten wie Umarmungen bezeugen Tiere frustrierten Artgenossen, die etwa einen Machtkampf verloren haben, ihre Sympathie.

  • Auch Dankbarkeit ist im Tierreich verbreitet. So revanchieren sich Schimpansen für besonders intensives Fellkraulen bei ihresgleichen, indem sie freigebig Nahrung teilen.

  • Kapuzineräffchen bewiesen ein ausgeprägtes Empfinden für Gleichheit und Gerechtigkeit. Experimentell sollten sie Spielmarken gegen Nahrungsmittel verschiedener Qualität und Quantität eintauschen. Die Tiere verweigerten die Kooperation, sobald für gleiche "Leistung" unterschiedliche Belohnungen offeriert wurden.

Die menschliche Fähigkeit zur Empathie, zu sozialem und moralischem Verhalten, folgert de Waal, ist Teil unseres evolutionären Erbes. Diese Anlagen entstanden, wie Neurowissenschaftler mit bildgebenden Verfahren gezeigt haben, in Gehirnarealen, die entwicklungsgeschichtlich zum Teil sehr alt sind. Sie haben sich offenbar lang vor den in der linken Gehirn-Hemisphäre situierten sprachlich-kognitiven Potenzen gebildet.

Andere Kulturen kennen weder Trotzalter noch Krisen der Pubertät

Vielbeachtete Studien über den Ursprung der Moral haben in den letzten Jahren auch zwei US-Psychologen veröffentlicht - der in Harvard lehrende Marc Hauser ("Moral Minds") und Jonathan Haidt von der Universität Virginia ("The Happiness Hypothesis"). Beide kommen, mit verschiedenen Methoden und Forschungsansätzen, zu ähnlichen Schlüssen wie Frans de Waal über die Grundlagen des Moralgefühls.

Marc Hauser fand seine Ausgangshypothese in Analogie zum Theorem des Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky von einer mentalen "Universalgrammatik", die weithin als Basis der modernen Linguistik akzeptiert ist. "Wir erlernen die erste Sprache nicht", sagt Hauser, "wir erwerben sie vielmehr, wie uns ein Arm wächst. Bei der Moral ist es offenbar ähnlich. Es gibt auch hier eine Art Tiefengrammatik, die hilft, uns die jeweilige Moral unseres sozialen Umfelds strukturiert anzueignen." Er fand diese Auffassung bestätigt durch die Antworten auf Massentests mit Internet-Fragebögen voll kniffliger moralischer Zwickmühlen - darunter die Frage, ob man einen Menschen opfern darf, um fünf andere zu retten. Die Probanden kamen intuitiv zu übereinstimmenden Entscheidungen, die sie aber rational nicht begründen konnten.

Eine schöne Metapher für die neue Sicht auf die Moral hat Jonathan Haidt gefunden. Die traditionell dominierende Vorstellung von der Vernunft, die den rohen Instinkt bezähmt wie der Cowboy das Wildpferd, ersetzt er durch ein ganz anderes Bild: Wie ein mächtiger Elefant, auf dem ein kleiner Reiter sitzt, trägt darin die Intuition die Ratio.

Es ist ein sympathischer Gedanke, welche Kraft Gefühl und Vernunft in solcher Harmonie entwickeln könnten. Aber das evolutionstheoretische Modell für die Funktionsweise des Gehirns liefert keine Erklärung für die überwältigende Destruktivität unserer Spezies in Geschichte und Gesellschaft. Diese scheint im Gegenteil Pessimisten in der Tradition von Hobbes und Freud zu bestätigen (wenngleich die Hypothese des späten Freud, die Urgewalt der lebenshungrigen Libido werde von einem gleich mächtigen Todestrieb konterkariert, nie zu belegen war).

Dass wir wie unsere tierischen Verwandten von Natur aus gesellig und zum Mitgefühl befähigt sind, besagt demnach nichts über den Gebrauch, den wir von diesen Anlagen machen. Dies gilt umso mehr, weil das Resonanzbedürfnis mit einem anderen Erbe der Evolution rivalisiert: mit der tiefsitzenden Angst vor den Gefahren des Fremden, Unbekannten. Manche Fachleute sind überzeugt, auch das typische "Fremdeln", mit dem Kleinkinder um den achten Lebensmonat herum auf unbekannte Gesichter reagieren, sei ein Produkt der Evolution.

Soziale Moral heißt deshalb meist Loyalität zur Gruppe, der man unmittelbar angehört. Biografische und gesellschaftliche Erfahrungen und Bedingungen beginnen von klein auf, die genetischen Anlagen zur Empathie zu modifizieren. Die angeborenen Instinkte können verkümmern oder sogar ins Zerstörerische umschlagen. So versagt die Deutungskraft naturwissenschaftlicher Modelle angesichts der Untaten, deren der Mensch gegen seinesgleichen fähig ist. Die kollektive Tötung der eigenen Art ist ohne Beispiel im Tierreich.

Die Massenpsychologie sucht seit Ende des 19. Jahrhunderts nach Antworten auf die Rätsel, die der Mensch als Herdentier aufgibt. Doch bis heute haben Sozialwissenschaftler allenfalls Bruchstücke des Puzzles zusammengetragen. Warum ist die Geschichte eine Abfolge von Gewaltausbrüchen? Wie werden Menschen zu Terroristen, Amokläufern, Massenmördern?

Nach Nationalsozialismus und Holocaust haben zahllose Forscher Merkmale gesucht, die den Urhebern der Verbrechen gemeinsam sind. Sie wollten bestimmte Eigenschaften, Verhaltenszüge oder genetische Besonderheiten identifizieren. Wäre das gelungen, hätte man einschlägig Auffällige vielleicht erkennen und, so die Hoffnung, die Wiederholung der Geschichte verhindern können. Bekanntlich fand man statt der erwarteten Monster überwiegend Bürger, die folgsam ihre Arbeit taten. Hannah Arendts Verdikt von der "Banalität des Bösen" war auf Adolf Eichmann, den Organisator der "Endlösung", gemünzt.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer, der an der Universität Witten/Herdecke lehrt, spricht sogar von der "Rationalität des Bösen". Er hat neben dem Holocaust genozidale Akte in Vietnam, Ruanda und Jugoslawien untersucht und das Buch "Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" veröffentlicht. Die beklemmende Studie rückt Menschen ins Bild, die nach den eigenen Maßstäben absolut rational handelten und vom Bedürfnis nach Übereinstimmung mit ihrer sozialen Umwelt getrieben wurden. Auch wenn etwa den Angehörigen der "Einsatzgruppen" an der Ostfront ihr Soll an täglichen Massenerschießungen zur Last fiel, wollten sie doch keinesfalls aus der Reihe tanzen.

So katastrophal kann Anpassungsfähigkeit, diese "evolutionär hervorragendste Eigenschaft der menschlichen Spezies" (Welzer) wirken. Bedingung ist offenbar nur eine gehorsamsgestützte Herrschaft, die bestimmte Gruppen als bedrohliche "Artfremde" vollständig aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließt. Hellhörig macht dabei eine eher beiläufige Bemerkung Welzers über die gescheiterten Versuche, aus den vielen psychologischen Tests mit Nürnberger Kriegsverbrechern typische gemeinsame Merkmale herauszufiltern: "Die einzige Auffälligkeit bei den Angeklagten" habe in einem "eher geringen Empathiepotential" bestanden.

Kaum jemand weiß so viel über den Zusammenhang von Empathieverlust und Inhumanität wie Arno Gruen in Zürich. Der schlanke, grauhaarige Psychotherapeut wirkt wie ein rüstiger 70-Jähriger, wird aber demnächst 86 und arbeitet nach wie vor in seinem Beruf. Der gebürtige Berliner floh 1936 als Kind mit seiner jüdischen Familie in die USA, wo er als Psychologe praktizierte und als Universitätsprofessor lehrte. Vor 30 Jahren kehrte er nach Europa zurück und wurde mit Büchern wie "Der Verlust des Mitgefühls" oder "Der Wahnsinn der Normalität" bekannt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient sein Werk "Der Fremde in uns". Es verbindet Leidensgeschichten von Patienten mit Studien über die Kindheit führender Nazis und wurde mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Die Fälle, die der Autor vorstellt, kreisen alle um die verheerenden Folgen, die aus der Zerstörung von Empathie entstehen. Diese beschreibt er als "Schranke zur Unmenschlichkeit", "Kern unseres Menschseins" und "Fundament von Moralität und Gewissen".

Mit einer Fülle biografischer Details zeigt er, wie die Gabe des Mitgefühls Verantwortlichen des Holocaust von klein auf durch Mutter und/oder Vater genommen wurde: Als Kinder erlebten sie, dass jedes Zeichen von Schmerz und Leid verpönt ist und jede Schwäche ein hassenswerter Feind. So lernten sie, Verletzlichkeit selbst als das Fremde in sich zu hassen. Doch Mensch sein, sagt Arno Gruen, heißt verletzlich sein. Weil ein Kleinkind aber ohne das Wohlwollen der übermächtigen Eltern verloren ist, übernimmt und verinnerlicht es die zerstörerische Haltung gegen die eigenen Grundbedürfnisse. Im Gehirn stirbt die Fähigkeit zur Empathie ab, geboren wird die Fähigkeit, äußeren "Feinden" unbewegt Schmerzen und Tod zuzufügen.

Das Nachdenken über seine Patienten und über die Ursprünge ihrer Erkrankungen hat Arno Gruen zum entschiedenen Kulturkritiker gemacht. Insofern wandte er sich auch von Freud ab, dessen Lehre von der zügelungsbedürftigen Triebnatur für ihn überholt ist. Er bekennt sich zur Tradition eines Jean-Jacques Rousseau, der gute Naturanlagen des Menschen durch schlechte soziale Bedingungen verdorben sah.

Dem Einwand, dass beispielsweise das Erwachsenwerden kein sanftes Gleiten von einem Stadium ins nächste ist, sondern mit Reibung und Aggression verläuft, hält er entgegen: "Aber es könnte dieses sanfte Gleiten sein. Entwicklungsstadien, die uns für unvermeidlich scheinen - das 'Trotzalter' des Kleinkindes, die Krisen der Pubertät - kennen andere Kulturen nicht. Wir kreieren sie."

Als Beweis, dass er nicht als Schwärmer spricht, sondern als Wissenschaftler, zitiert Gruen eine anthropologische Langzeitstudie, die federführend vom US-Forscher Richard Sorensen erstellt wurde. Für den skeptischen Besucher kramt er bereitwillig Sorensens Forschungsbericht heraus. Er basiert auf 30-jährigen Beobachtungen bei einer Reihe isolierter Stämme, die aufgrund geografisch besonders geschützter Lagen, etwa in Himalaja-Hochtälern oder auf Inseln Ozeaniens, nie mit einer feindlichen Außenwelt in Berührung gekommen, nie erobert worden waren.

Weil sie das Fremde nie erfahren hatten, war ihnen auch die Angst davor und die Aggression dagegen unbekannt. Umfassende soziale Sensibilität und Nähe charakterisierten diese Gesellschaften, ohne dass die Freiheit des Einzelnen dadurch eingeschränkt wurde. Eine Reihe von Fotos, die für sich selbst sprechen, illustrieren eine Kultur völlig anderen Typs als die unserer Ellbogengesellschaft, die wir doch als Naturgegebenheit aufzufassen gewohnt sind. Es scheint, als enthielte der alte romantische Mythos vom "guten Wilden" ein Körnchen Wahrheit.

"In unserer Kultur sind am erfolgreichsten die", sagt Gruen, "die am meisten von ihren Gefühlen, von der Fähigkeit zum Mitgefühl abgeschnitten sind. Wir glauben, wenn wir zu jemandem sagen 'Das schmerzt mich', sind wir schon unterlegen. Das stimmt aber nicht. Es zeigt gerade, dass wir stark genug sind, das zu sagen, ohne dem anderen damit ein Unterwerfungssignal zu geben."

Die freundliche Geduld, mit der Arno Gruen argumentiert, hat etwas Anziehendes. Aber wie will er sich gegen die Übermacht unserer zivilisatorischen Realität stemmen? "Ich bin nicht allein", erwidert er. "Denken Sie nur an den Dalai Lama. Der sagt, dass die Fähigkeit, mit anderen Menschen mitzufühlen, fundamental ist für das Überleben der Menschheit."

Da könnte etwas dran sein.