Depression Botox-Spritze gegen schlechte Laune

Face-Lifting ist keine Seltenheit mehr. Aber Stimmungs-Lifting per Schönheits-Operation? US-Mediziner erproben die Depressionstherapie per Botox-Spritze. Doch Experten dies- und jenseits des Atlantiks sind skeptisch - nicht nur, weil das Anti-Falten-Präparat hochgiftig ist.

Es klingt, als wollten die Forscher aus Maryland das Problem am falschen Ende anpacken - oder wenigstens am sichtbarsten. Wer nicht mehr finster dreinschauen oder traurig die Stirn runzeln kann, werde wohl auch fröhlicher sein, dachte sich der Arzt Eric Finzi. Und da Finzi ein plastischer Chirurg ist, weiß er auch, womit sich die Gesichtszüge verändern lassen: mit Botulinumtoxin, besser bekannt als Botox.

Das hochwirksame Gift wird in kleinsten Dosen auch in der Medizin eingesetzt. Es kann lokale Lähmungen hervorrufen und so Falten glätten. Die Forscher um Finzi injizierten depressiven Versuchspersonen Botox an fünf Stellen im Gesicht in den Corrugator-Muskel, der zum Stirnrunzeln nötig ist.

Die Psychologin Erika Wassermann befragte die Freiwilligen und ließ sie einen Fragebogen ausfüllen. Vor der Behandlung hätten alle von ihnen hohe Werte bei mehreren Symptomen von Depressionen. Zwei Monate nach der Botox-Spritze seien jedoch bei allen die Anzeichen für eine Depression verschwunden, außer bei einer Frau. Doch auch sie habe von einer Verbesserung berichtet, schreiben Finzi und Wassermann im Fachblatt "Dermatologic Surgery" (B. 32, Nr. 5, S. 645).

Statt psychischer Gründe für eine Depression einfach das traurige Gesicht kurieren? Tatsächlich deuten einige Experimente aus der Psychologie auf einen Zusammenhang zwischen Trauerblick und Trübsal hin: Eine Studie im "Annual Review of Psychology" zeigte 1989, dass Menschen einen Zeichentrickfilm als subjektiv lustiger empfinden, wenn man sie auffordert, beim Betrachten zu lachen. Andererseits wurde die Aktivität des Corrugator-Muskels schon 1981 im "British Journal of Psychiatry" als Indikator für den Erfolg einer Depressionsbehandlung ins Spiel gebracht. Psychologen wissen, dass bloßes Lächeln Menschen fröhlicher werden lässt.

Botox als kosmetisches Antidepressivum?

Wenn die Psyche tatsächlich den Gesichtszügen gehorcht, wird dann bald Botox als kosmetisches Antidepressivum eingesetzt? Experten runzeln ob dieser Aussicht ihrerseits die Stirn.

Marilynn Hammond, die in "Dermatologic Surgery" einen Kommentar zur Studie von Finzi und Wassermann verfasst hat, weist auf die geringe Fallzahl hin: Bei bloß zehn Probandinnen könne man von anekdotischen, nicht aber von empirisch gesicherten Ergebnissen sprechen. Es habe weder eine Kontroll- noch eine Placebogruppe in dem Experiment gegeben, um etwa auszuschließen, dass die Wirkung nur auf Einbildung beruhe. Künftige Studien sollten darüber hinaus die Versuchspersonen über einen längeren Zeitraum begleiten, riet die Psychiaterin.

Bis dahin sei Vorsicht geboten. "Man sollte nicht davon ausgehen, dass es sich hier in irgendeiner Weise um eine nachgewiesenermaßen wirksame Therapie gegen Depressionen handelt", sagte Hammond der "Los Angeles Times".

"Da geht es um viel Geld", sagt Klaus Hoffmann, leitender Oberarzt an der Universitätshautklinik der Ruhr-Uni Bochum. "Die Pharmahersteller haben viel für die Zulassungstests ausgegeben." Erst seit März diesen Jahres ist in Deutschland das erste Botox-Präparat zum Faltenglätten zugelassen. Jede Ausweitung der Indikation käme den Herstellern da gelegen.

Gesichtsausdruck bestimmt die soziale Wahrnehmung

Aber einem Menschen per lokaler Lähmung ein glückliches Gesicht zu spritzen, mit dem er einfach nicht mehr traurig gucken kann, davon will Hoffmann nichts wissen. "Dafür ist das Risiko viel zu hoch", sagt er. "Stirn, Krähenfüße, das geht. Aber im übrigen Gesicht nicht."

An einen Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Mimik glaubt aber auch Hoffmann: "Die wissenschaftliche Frage lautet ja, wie meine Umwelt auf mich reagiert, wenn ich nicht mehr fröhlich gucken kann." Aktuell erforscht Hoffmann zusammen mit Kommunikationswissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen diesen Sachverhalt.

80 Frauen haben die Wissenschaftler vor und nach einer kosmetischen Operation gefilmt. Probanden betrachteten dann die Vorher- und die Nachher-Bilder. Noch läuft die Auswertung, doch schon die Zwischenergebnisse deuteten auf einen Zusammenhang zwischen Gesichtsausdruck und Außenwahrnehmung hin.

Denise Sloan von der Temple University in Philadelphia hat die Reaktion Dritter auf verschiedene Gesichtsausdrücke bei Depressionspatienten untersucht. Ihr schlichtes Fazit lautet: "Hör' auf, anderen Unwohlsein zu vermitteln." Ein finsteres Gesicht verjage andere, hatte sie beobachtet - und führe dazu, dass der Depressive allein und isoliert zurückbleibe.

Jenseits der Fantasie von der Botox-Happy-Spritze bleibt als Erkenntnis für schwermütige und depressive Patienten also nur der - typisch amerikanisch-pragmatische - Spruch, den die anonymen Alkoholiker in den USA gerne als Slogan ausgeben: "Fake it till you make it" - einfach so tun, bis man tatsächlich so weit ist.

stx

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