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18. Juli 2003, 09:45 Uhr

Depressionen

Gute Laune liegt in den Genen

Wie Menschen Schicksalsschläge verkraften, hängt offenbar entscheidend von einem bestimmten Gen ab. Die von einem internationalen Forscherteam identifizierte Erbinformation ist für die Signalübertragung im Gehirn mitverantwortlich.

Depressionen: Gene sind mitverantwortlich für die Verarbeitung von Schicksalsschlägen
GMS

Depressionen: Gene sind mitverantwortlich für die Verarbeitung von Schicksalsschlägen

Das Gen für den Serotonin-Transporter (5-HTT), der bei der Signalvermittlung im Gehirn eine wichtige Rolle spielt, kommt der Studie zufolge in zwei verschiedenen Varianten vor. Wie gut Menschen schwierige Lebenssituationen verarbeiten, hängt davon ab, ob sie die Kurz- oder Langversion des Gens besitzen, schreiben die Wissenschaftler des britischen King's College London, der University of Wisconsin und der neuseeländischen University of Otago im Fachblatt "Science".

Depressionen wie wahrscheinlich auch andere mentale Krankheiten resultieren demnach aus einer Kombination von Erbanlagen und Umweltfaktoren. Nach dem Tod eines Familienmitglieds, Scheidung oder Kündigung fielen Menschen mit der Kurzversion des Gens wesentlich eher in Depressionen als Menschen mit der längeren Version.

Probanden, die von beiden Elternteilen die Kurzversion des Gens geerbt hatten, bekamen nach schweren Zeiten zweieinhalb Mal eher Depressionen als Menschen, die ausschließlich die Langversion hatten. Am anfälligsten für Depression sind der Studie zufolge jene Menschen, die nicht nur zwei Kopien des kurzen 5-HTT-Gens in ihrem Erbgut tragen, sondern noch dazu als Kinder misshandelt wurden. Gene kommen im Erbgut jeweils doppelt vor, mit jeweils einer Kopie von mütterlicher und von väterlicher Seite.

Das Forscherteam hatte 847 Neuseeländer von ihrer Geburt an über 20 Jahre lang beobachtet. In dieser Gruppe hatten - in etwa repräsentativ für das Verhältnis in weißen Bevölkerungen - 17 Prozent der Studienteilnehmer zwei Kopien des stressanfälligen kurzen 5-HTT-Gens, 31 Prozent zwei Kopien der langen Genversion und 51 Prozent je eine kurze und eine lange Form von 5-HTT.

Die Studie konzentrierte sich auf fünf Jahre im Leben der Probanden, das Alter von 21 bis 26 Jahren, und zeichnete alle schwierigen Ereignisse in dieser Zeit auf, wie Tod, Scheidung, Krankheiten, berufliche Veränderungen und Umzüge. Insgesamt hatten 133 Probanden Depressionen.

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