Trotz Corona-Lockdown CO₂-Emissionen steigen wieder leicht an

Im vergangenen Jahr führte die Coronapandemie zu einem historischen CO₂-Rückgang. Erste Zahlen für 2021 deuten wieder höhere Emissionen an – obwohl das öffentliche Leben weiterhin eingeschränkt blieb.
Braunkohle-Kraftwerk Neurath bei Grevenbroich

Braunkohle-Kraftwerk Neurath bei Grevenbroich

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Jochen Tack / imago images

In gewisser Hinsicht zählt die Umwelt zu den Corona-Gewinnern: Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus haben 2020 zu einem geradezu historischen Rückgang der Kohlendioxidemissionen geführt. Die Menschen blieben zu Hause, statt im Auto zur Arbeit zu fahren. Flugzeuge standen am Boden. Teils wurden sogar Industrieproduktionen runtergefahren. Laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr sank der globale Ausstoß des Treibhausgases zeitweise um 17 Prozent gegenüber dem üblichen Tageswert von rund hundert Millionen Tonnen. In Deutschland waren es Anfang April sogar 26 Prozent weniger CO₂ als üblich.

Der Primärenergieverbrauch und CO₂-Emissionen

Der Primärenergieverbrauch und CO₂-Emissionen

Foto: Agora Energiewende / AG Energiebilanzen

In der Folge erreichte Deutschland seine Klimaschutzziele für 2020 nicht nur, sondern übertraf sie auch noch, wie die Denkfabrik Agora Energiewende Anfang des Jahres mitteilte. Doch das Aufatmen währte nur kurz, denn zumindest die erste Bilanz, die Agora nun für das laufende Jahr zieht, zeigt eine Trendwende.

Demnach sind die Kohlendioxidemissionen im ersten Quartal 2021 gegenüber dem Vorjahr wieder um zwei Prozent leicht angestiegen. Und das, obwohl die Maßnahmen zu Beginn des Jahres beispielsweise wochenlange Schließungen von Geschäften und Schulen sowie Universitäten oder möglichst Homeoffice-Regelungen in vielen Betrieben vorsahen.

Schuld an dem Anstieg ist auch der kältere Winter mit einem höheren Bedarf an Heizöl, heißt es in einem Bericht, für den die Experten Berechnungen aufgrund des Quartalsberichts der AG Energiebilanzen vorgenommen haben. Zudem ist der Anteil von mit Windkraftanlagen erzeugtem Strom zurückgegangen – in der Folge wurde mehr Strom aus Kohle- und Erdgaskraftwerken gewonnen, der emissionsintensiver ist. So kommt es zu einem Anstieg der CO₂-Emissionen um drei Millionen Tonnen im Vergleich zum selben Zeitraum in 2020 auf insgesamt 169 Millionen Tonnen.

Beim Primärenergieverbrauch, der auch vorgelagerte Prozesse wie die Förderung, den Transport oder die Aufbereitung von Rohstoffen mit einschließt, ist der Anteil der einzelnen Energieträger bei Braunkohle um 26 Prozent, bei Steinkohle um neun Prozent und bei Erdgas um elf Prozent gestiegen.

Die Berechnungen von Agora lassen bisher allerdings Emissionen aus Industrieprozessen und der Landwirtschaft oder Landnutzungsänderungen außer Acht, dafür liegen noch keine Daten vor. Die energiebedingten CO2-Emissionen sind für die Betrachtung ohnehin am wichtigsten. Sie haben im Jahr 2019 beispielsweise rund 85 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen ausgemacht.

»Dass andere Sektoren den Anstieg der Energieemissionen abschwächen, ist unwahrscheinlich«, sagt Philipp Litz von Agora dem SPIEGEL. »Die emissionsintensiven Industrien haben im ersten Quartal trotz der Corona-Einschränkungen wieder auf Vorkrisenniveau produziert«, so der Energieexperte. Auch in der Landwirtschaft seien keine signifikanten Rückgänge bei den Emissionen zu erwarten.

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Der Rückgang des Stroms aus Windenergie sei auch durch wetterbedingte Schwankungen zu erklären. Anfang des vergangenen Jahres hatten Stürme teils für viel Windstrom gesorgt, damals lag der Ertrag über dem Durchschnitt – nun ist er wieder gesunken. Insgesamt lag die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien von Januar bis März 2021 um 23 Prozent niedriger als im Vorjahr. Dadurch wurde trotz des aktuell hohen CO2-Preises wieder mehr Strom aus fossilen Energieträgern verbraucht.

»Dass im Frühjahr die CO2-Emissionen trotz der Coronamaßnahmen wieder gestiegen sind, ist ein alarmierendes Signal. Der unterlassene Klimaschutz der letzten Jahre schlägt jetzt in der Bilanz voll durch, vor allem beim Thema Windausbau und im Gebäudesektor«, sagt Agora-Direktor Patrick Graichen.

Verbrauch von Minrealölprodukten

Verbrauch von Minrealölprodukten

Foto: Agora Energiewende / AG Energiebilanzen

Dennoch haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie messbare Spuren hinterlassen. Die Menschen waren auch 2021 weniger mit dem Auto oder Flugzeug unterwegs, auch in anderen Mobilitätsbereichen wurde eingespart. Dadurch wurden weniger Kraftstoffe wie Benzin, Diesel und Kerosin verbraucht, die für CO2-Emissionen verantwortlich sind.

Spürbar seien auch Hamsterkäufe bei Heizöl aus dem vergangenen Jahr gewesen, die sich mit dem niedrigen Ölpreis erklären lassen. So lag der Mineralölverbrauch im 1. Quartal 2021 um 19 Prozent niedriger als im 1. Quartal 2020. Ohne Berücksichtigung dieser Sondereffekte wären die CO2-Emissionen sogar um zehn Prozent auf dann 183 Millionen Tonnen gestiegen.

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