Sprachforschung "In Deutschland sterben die Dialekte aus"

Deutsch ist die meistgesprochene Muttersprache Westeuropas, mit diversen regionalen Dialekten. Doch diese Vielfalt hat in Deutschland keine Zukunft - sagt Sprachforscher Stephan Elspaß im Interview.
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Zur Person
Foto: Foto: Andreas Kolarik

Stephan Elspaß wurde am 24. Dezember 1963 in Geniel bei Düsseldorf geboren. Er ist Professor an der Universität Salzburg (Fachbereich Germanistik) und hat gemeinsam mit Robert Möller den "Atlas zur deutschen Alltagssprache"  herausgegeben und gehört zum Team hinter der Smartphone-App "Grüezi, Moin, Servus". 

Welche großen Veränderungen des Sprachgebrauchs in den vergangenen 30 Jahren stellen Sie in Ihrer Forschung fest?

Elspaß: Wo ein Vergleich unserer Karten mit Karten im "Wortatlas der regionalen Umgangssprachen" aus den Siebzigerjahren möglich ist, zeichnen sich zwei Haupttrends ab. Erstens bemerken wir, dass politische Grenzen immer stärker sprachtrennend wirken. Ein Beispiel dafür: Früher war die Bezeichnung Erdapfel (Herdöpfel) außer in der Schweiz und in Österreich auch in vielen Gebieten Süddeutschlands in der Alltagssprache sehr üblich. Inzwischen zeigt sich, dass der Begriff immer mehr an die Ränder des deutschen Staatsgebiets gedrängt wird. Die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz beziehungsweise Österreich entwickelt sich immer mehr zu einer Sprachgrenze, auf deren nördlicher Seite man Kartoffel, und auf deren südlicher Seite man weiterhin Erdapfel sagt.

Und der zweite Trend?

Elspaß : Formen, die schon in den Siebzigerjahren eher kleinräumig verbreitet waren, werden weiter zurückgedrängt. Dagegen können wir einen oft behaupteten Trend, dass sich nämlich das "norddeutsche Deutsch" immer weiter nach Süden ausbreite, in dieser Verallgemeinerung nicht bestätigen. Es zeigt sich vielmehr, dass von der Zurückdrängung nicht-dominanter Formen auch norddeutsche Wörter betroffen sind.

So sagen die Jüngeren in Schleswig-Holstein und Hamburg offenbar kaum noch Rundstück, sondern eher Brötchen. Und der Sonnabend, der bis zum Ende des 20. Jahrhunderts als typisch norddeutsches Pendant zu Samstag galt, ist heute eher eine ostdeutsche Variante. Selbst in der altehrwürdigen "Tagesschau" aus Hamburg ist seit Anfang der Nullerjahre nur noch von Samstag die Rede. Für uns erstaunlich zu sehen war auch, dass Abtönungswörter wie halt und eh, die früher klar als Merkmale des "Südens" galten, auch im Norden Deutschlands immer weiter Verbreitung finden und dort inzwischen neben den dort früher üblichen eben und sowieso verwendet werden.

Traditionelle Dialekte werden oft nur noch von älteren Sprechern verwendet. Dann sterben sie aus. Wird die deutsche Sprache immer einheitlicher?

Elspaß : Das kommt sehr auf die Region an. Und es ist natürlich immer die Frage, was man unter "traditionellen Dialekten" versteht. Für die Schweiz wird man aber sagen können, dass die Dialekte oder Mundarten auf absehbare Zeit nicht aussterben werden. In Deutschland ist das hingegen ziemlich sicher der Fall. Selbst in bisher "dialektresistenten" Gebieten Bayerns oder Baden-Württembergs übernimmt die jüngste Generation heute nicht mehr die Dialekte ihrer Eltern. Für Österreich ist das Bild noch nicht ganz klar - das will ich mit österreichischen Kollegen demnächst noch erforschen.

Bilden sich in gewissen Regionen auch neue Dialekte?

Elspaß : Ja, und zwar in urbanen Ballungsräumen. Diese Entwicklung gab es in den letzten beiden Jahrhunderten in Großstädten wie Wien und Berlin oder in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet. Doch selbst bei diesen "neuen Dialekten" - auch "Stadtdialekte", "Regiolekte" genannt - zeigen sich Abbautendenzen. Diskutiert wird, ob sich in Großstädten unter dem Einfluss von Migrantensprachen neue Varietäten entwickeln, zum Beispiel "Kiezdeutsch". Hier ist es jedoch besonders umstritten, ob man sie als Dialekte bezeichnen kann.

Wie sehen Sie den Einfluss der Mobilität auf den heutigen Sprachgebrauch?

Elspaß : Die zunehmende Mobilität hat sich sicher auf den Sprachgebrauch ausgewirkt. Denken Sie nur daran, dass zum Beispiel im deutschen Reich Ende des 19. Jahrhunderts noch der überwiegende Teil der Bevölkerung auf dem Land lebte. Fast alle konnten lesen und schreiben, aber für die alltägliche mündliche Kommunikation genügte der örtliche Dialekt. Das hat sich im 20. Jahrhundert natürlich grundlegend verändert. Selbst auf dem Land kam man irgendwann nur mit dem Dialekt nicht mehr weit, allein weil es dort nicht mehr genügend Arbeitsplätze gab.

Deutsch ist die meistgesprochene Sprache in Westeuropa. War das schon immer so?

Elspaß : Na ja: Wenn man die Gesamtheit der getätigten Äußerungen - also "Verkehrssprachen" - hernähme, würde eher Englisch die am meisten gesprochene Sprache sein. Aber das ist schwierig zu messen. Als Muttersprache liegt Deutsch sicher schon seit Jahrhunderten zahlenmäßig an der Spitze. Je weiter man zurückgeht, muss man aber vorsichtiger sein: "Deutsch" als Sammelbezeichnung für zum Teil doch linguistisch sehr weit auseinanderliegende Dialekte gibt es noch nicht so lange.

Wie kamen Sie auf die Idee, den "Atlas zur deutschen Alltagssprache" zu erheben?

Elspaß : Mein Kollege Robert Möller und ich haben vor etwa 14 Jahren positive Erfahrungen mit Online-Umfragen unter "Laien" zu ihrem alltäglichen Sprachgebrauch gemacht. Der Rücklauf war jeweils so gut, dass wir uns entschlossen, das gemeinsam in einem größeren Rahmen weiterzuführen - das war praktisch die Geburtsstunde des Atlas. Uns interessierten die Veränderungen der Verbreitung bestimmter Wörter wie Brötchen, Semmel und Weckli. Mit unserer Online-Umfrage bekamen wir innerhalb weniger Wochen über 1800 ausgefüllte Fragebögen zusammen.

Woher stammen die Daten?

Elspaß : Die Daten stammen von unseren Gewährsleuten an über 500 Orten im deutschsprachigen Raum. Wir fragen sie nicht nach ihrem individuellen Sprachgebrauch, sondern betrachten sie als "Experten" für die ortsübliche Alltagssprache. Wenn sie den Sprachgebrauch gut überblicken, genügt uns im Grunde ein Experte pro Ort. Je mehr Experten wir allerdings pro Ort haben, desto besser. Wir bitten die Angeschriebenen, den Fragebogen-Link an potenziell Interessierte weiterzuleiten. Über diese Mischung aus Anreiz- und Schneeballsystem ist über die Jahre ein Stamm von mehreren Tausend Informanten entstanden. Zuletzt haben etwa 10.000 Menschen Fragebögen ausgefüllt.

Die verschiedenen regionalen Varianten werden über Internetumfragen erhoben. Wie funktioniert das genau?

Elspaß : Unser Verfahren verläuft im Grunde in drei Schritten: Am Anfang steht die Erhebung per Onlinefragebogen, dann erfolgt die Auswertung und schließlich werden die Ergebnisse auf Karten präsentiert, die ebenfalls im Internet veröffentlicht werden. Unsere Fragebögen stellen wir seit 2003 in jährlich neuen Erhebungsrunden ins Netz. Natürlich können wir per Fragebogen nur ausgewählte Daten der Alltagssprache erheben. Wir konzentrieren uns auf den Wortschatz, haben aber auch schon nach lautlichen und grammatischen Varianten sowie vereinzelt nach Redewendungen und Wortbedeutungen gefragt.

Immer geht es um die ortsüblichen Ausdrucksweisen. Diese kann - je nach Land und Region in den deutschsprachigen Ländern - mal mehr der Mundart entsprechen (wie in der Schweiz), mal mehr an der hochdeutschen Schriftsprache orientiert sein. Die einfachste Art der Frage besteht darin, dass wir die Abbildung eines Gegenstands präsentieren und die Gewährsleute nach der Bezeichnung fragen, die am Ort üblich ist.

Welche Leute machen bei den Umfragen mit?

Elspaß : Uns geht es dabei, anders als bei traditionellen Dialektatlanten, nicht um den ältesten ortsüblichen Sprachgebrauch, sondern um den alltagssprachlichen Gebrauch der städtisch geprägten, jüngeren bis mittleren Generation. Es hat sich gezeigt, dass wir über das Medium Internet tatsächlich die gewünschte Zielgruppe erreichen. So sind circa 70 Prozent derjenigen, die unsere Onlinefragebögen ausfüllen, zwischen 20 und 39 Jahre alt.

Das Interview führte Marc Brupbacher (Tagesanzeiger.ch)

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