Christian Stöcker

Nation und Identität Die Top-Erfolge der deutschen Geschichte

Die kalkulierte "Vogelschiss"-Provokation war widerwärtig. Was dabei ein bisschen unterging: Auch der Rest, das mit den "1000 erfolgreichen Jahren deutscher Geschichte", ist gefährlicher Unsinn.
Hexenverbrennung im Mittelalter

Hexenverbrennung im Mittelalter

Foto: imago

"Genau wie die Evolution schert sich die Geschichte wenig um das Glück einzelner Organismen. Und die Menschen sind in der Regel viel zu unwissend und zu schwach, um den Lauf der Geschichte zu ihrem Vorteil zu lenken."

Yuval Noah Harari, "Eine kurze Geschichte der Menschheit"

In Russland kann man Matrjoschka-Puppen kaufen, deren äußerste Lage mit dem Bild Wladimir Putins verziert ist. Die nächstkleinere Matrjoschka ist Michail Gorbatschow, darin steckt Boris Jelzin, dann - historischer Sprung - Stalin und ganz innen findet man Lenin. Das kann man satirisch finden, oder einfach folgerichtig: Genau dieses Geschichtsbild ist nämlich Putins innenpolitische Strategie. Ihm würde es vermutlich noch besser gefallen, wenn ganz in der Mitte Peter der Große steckte.

Irgendwie, das ist Putins argumentative Masche, war das alles immer Russland, und irgendwie können wir auch auf all das stolz sein, selbst auf den Massenmörder Stalin. Putin hat das nicht erfunden, es ist das Narrativ, mit dem Nationalisten weltweit operieren: Es wird irgendein historisches "Wir" herbeifantasiert, das alle Wendungen der Geschichte durchlebt hat. Die Nation, das Volk als ewiger, unveränderlicher Bezugspunkt. Der eine oder andere Gulag oder Genozid fällt da gar nicht groß ins Gewicht. Wir machen doch alle mal Fehler. Vogelschiss.

War Kafka Deutscher? Und wie ist es mit Kant?

Mit der gleichen Logik operiert auch Alexander Gauland. Völlig zu Recht war man deutschlandweit wütend darüber, dass er die Nazizeit, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust als "Vogelschiss der Geschichte" bezeichnet hat. Fast untergegangen ist dabei, dass auch der Rest des Satzes, in dem Gauland von "1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" schwafelte, absoluter Unsinn ist.

Zunächst, weil es keine kontinuierliche "deutsche Geschichte" gibt, jedenfalls keine tausendjährige. Es gibt historische Ereignisse, die sich auf dem gleichen Boden abgespielt haben, auf dem die heutige Bundesrepublik Deutschland liegt, und es gibt historische Figuren, die die deutsche Sprache oder ihre Vorläufer benutzten.

Aber nicht einmal diese zwei sehr unscharfen Kategorien sind deckungsgleich. War Kafka Deutscher? Immerhin lebte und schrieb er in Prag. Eher Tscheche also. Mozart? Sprach Deutsch, war aber Österreicher. Kant? Lebte, arbeitete und starb in Königsberg, wäre also demnach von heute aus betrachtet eigentlich eher Russe. Oder?

Wer ist überhaupt gemeint, wenn von der Geschichte der "Deutschen" die Rede ist? Auch die Hugenotten, die aus Frankreich kamen? Die Polen? Die Tschechen? All die Bauguittes, Dworschaks, Lewandowskis, dürfen die mitmachen beim großen Nationalstolzspiel? Wie viele Generationen muss es ein Schnipsel DNA auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik ausgehalten haben, bis sein Besitzer stolz auf die "erfolgreiche deutsche Geschichte" sein darf?

Sechs Top-Erfolge der deutschen Geschichte

Die Antwort ist einfach: Es gibt sowieso nicht allzu viele Gründe, auf die deutsche Geschichte stolz zu sein. Bewohner des 21. Jahrhunderts haben generell wenig Anlass, die Welt ihrer Vorfahren als identitätsstiftenden Quell der Selbstwertsteigerung zu behandeln.

Hier ein paar meiner "deutschen" Lieblingserfolge:

  • 1095: Vom Papst in Rom mit fadenscheinigen Argumenten angestachelt, ziehen gutgläubige aber erfolgreiche "deutsche" Ritter gemeinsam mit Kollegen aus der Nachbarschaft sowie vielen bis dahin nicht ganz so erfolgreichen Leibeigenen ins "heilige Land". Sie metzeln dort sehr erfolgreich Männer, Frauen und Kinder nieder, gründen eigene "Staaten", die sie leider nicht halten können. 200 verlust- und gewaltreiche Jahre später kriechen die letzten Kreuzfahrer gedemütigt zurück nach Mitteleuropa.
  • 1349: Die Pest erreicht das heutige Deutschland und tötet, je nach Landstrich, ein Achtel bis vier Fünftel der Bevölkerung. Die an sich doch sehr erfolgreichen, leider aber mit wissenschaftlichem Denken noch nicht vertrauten Deutschen haben der Krankheit, genauso wie ihre europäischen Nachbarn, nichts entgegenzusetzen außer Aderlass und kruden Theorien. Europaweit sterben geschätzte 25 Millionen Menschen, etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung.
  • Ca. 1400 bis 1800: Auch beim Trendsport Hexenverfolgung sind die Deutschen Weltklasse. In der Hochphase ab Mitte des 16. Jahrhunderts werden besonders viele Frauen und Mädchen verbrannt oder auf andere Weise ermordet, über die Jahrhunderte sind es europaweit geschätzt 70.000. Auf Deutschland entfallen davon etwa 40.000 . Wenn das kein Erfolg ist.
  • 1618 bis 1648: Auch im Dreißigjährigen Krieg sind die erfolgsverwöhnten Deutschen ganz vorn mit dabei. Die Bevölkerung schrumpft durch Gewalt, Hunger und Seuchen von geschätzt 17 auf geschätzt 11 Millionen, manche Landstriche und Städte werden komplett entvölkert. Und weil all die Armeen das ganze Vieh aufgegessen haben, genießt die überlebende Bevölkerung auch noch Jahre nach Kriegsende die Reste der großen Erfolge ihrer Fürsten und Heerführer.
  • Ab 1792: Das sogenannte Heilige Römische Reich deutscher Nation, in Wahrheit eine Ansammlung vieler Fürstentümer höchst unterschiedlicher Größe, mit unterschiedlichen Kulturen, Dialekten und Gebräuchen, wird im ersten Koalitionskrieg und den daran anschließenden Napoleonischen Kriegen nach und nach weggeknabbert. 1806 löst es sich endgültig auf. Ein wichtiger Effekt: Zum ersten Mal in der Geschichte beginnen sich die Bewohner all der nun von Napoleons Armeen besetzten Kleinstaaten tatsächlich als "Deutsche" zu fühlen, denn immerhin sind sie dann keine Franzosen.
  • 1914 bis 1918: Der Erste Weltkrieg gehört zu den Evergreens der deutschen Erfolge. Schützengräben, Giftgas, Stellungskrieg, Stacheldraht, insgesamt etwa drei Millionen deutsche Todesopfer. Bonus: Die bekanntlich enorm erfolgreiche Weimarer Republik wurde durch diesen deutschen Top-Erfolg überhaupt erst möglich.

Was danach kam, sollte heute ja noch allgemein bekannt sein, auch wenn es Gauland, Björn Höcke und den anderen Geschichtsfachleuten in der AfD bekanntlich lieber wäre, wenn wir mit der ganzen Gedenkerei an Krieg und Genozid endlich mal aufhören würden.

Früher war alles Mist

Um es kürzer zu formulieren: Wir alle können enorm froh sein, nicht ein bisschen früher in den 1000 vermeintlich erfolgreichen Jahren geboren zu sein, von denen Gauland schwadroniert. Das gilt übrigens nicht nur für uns Deutsche: Früher war alles Mist, fast überall. Die Geschichte ist als Hebel zur Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls völlig ungeeignet.

Die Verklärung einer vermeintlich großen Vergangenheit ist ein billiger Taschenspielertrick, den Nationalisten anwenden, um ihren Anhängern eine Ausrede zu geben, sich über andere zu erheben. Der Nationalismus ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Er gehört dahin, wo man heute auch die anderen großen Erfindungen dieser Zeit findet: ins Museum.