Diät-Großstudie Forscher bändigen den Jo-Jo-Effekt

Erst runter mit dem Gewicht - und dann schnell wieder alles anfuttern. Diät-Veteranen kennen dieses Phänomen als Jo-Jo-Effekt. In einer Großstudie haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden, mit welcher Ernährungsweise man den Rückfall vermeidet.
Von Cinthia Briseño
Übergewicht: Wie kommt der Jo-Jo-Effekt zustande?

Übergewicht: Wie kommt der Jo-Jo-Effekt zustande?

Foto: DPA

Das Phänomen ist bekannt: Wochenlang hat man sich tapfer auf sein Wunschgewicht heruntergehungert, hat Wasser statt Wein, Brot ohne Butter und Joghurt statt Pudding genossen. Kaum ist die Diät aber vorbei, zeigt die Anzeige auf der Heimwaage wieder konsequent nach oben.

Der Horror hat einen Namen: Jo-Jo-Effekt.

Ernährungswissenschaftler haben sich jetzt im ganz großen Stil mit diesem Phänomen beschäftigt und untersucht, wie es dazu kommt - und wie man es am besten verhindert.

Das Ergebnis klingt auf den ersten Blick nicht gerade spektakulär und neu: Wer nach einer Abspeck-Kur nicht wieder zunehmen oder aber sein Übergewicht verlieren will, sollte viel eiweißreiche Nahrung essen und Fett sowie stärkehaltige Produkte vermeiden.

So weit, so klar. Dennoch ist die Analyse bemerkenswert. Denn es handelt sich um die bisher weltweit größte Diätstudie, durchgeführt von einem internationalen Forscherteam, und um die erste ihrer Art, die sich eingehender mit dem Jo-Jo-Effekt beschäftigt.

Viel Eiweiß, wenig Zucker

Die Botschaft des Forscherteams um Thomas Meinert Larsen und Arne Astrup von der Universität Kopenhagen lautet also simpel gesprochen: Man esse möglichst viel mageres Fleisch, Fisch oder fettarme Milchprodukte sowie Gemüse und verzichte auf Süßes und Fettiges. Nachzulesen ist die Empfehlung jetzt im "New England Journal of Medicine" , nebst einem ausführlichen Editorial  von Kollegen des Children's Hospital in Boston, darunter David Ludwig, der ein großes Kinderernährungsprogramm in den USA leitet.

Die sogenannte Diogenes-Studie, deren Namen sich von "Diet, Obesity and Genes" ("Nahrung, Fettleibigkeit und Gene") ableitet, begleitete insgesamt 772 Familien, darunter 938 Erwachsene und 827 Kinder aus verschiedenen europäischen Ländern. 14,5 Millionen Euro hat die EU in das Diogenes-Projekt investiert, mehr als hundert Lebensmittelunternehmen unterstützten es ebenfalls finanziell. Das verwundert nicht, haben die Regierungen doch erkannt, dass die weltweite Fettleibigkeitsepidemie sich massiv in den Gesundheitskosten niederschlägt.

Für das erste Resultat, das die Diogenes-Forscher jetzt erbracht haben, zogen sie die Daten einer Untergruppe von 773 übergewichtigen Erwachsenen heran. Diese mussten zu Beginn der Studie eine achtwöchige Diät über sich ergehen lassen, die die Energiezufuhr auf 800 Kilokalorien pro Tag beschränkte. Die zunächst gute Nachricht für die Probanden: Dabei verloren sie im Durchschnitt elf Kilogramm Körpergewicht.

Danach aber begann die eigentliche Untersuchung. Mit welcher Ernährungsweise kann man das Gewicht am besten auch langfristig halten?

Ein Wert spielte für die Wissenschaftler eine besondere Rolle, der sogenannte glykämische Index (GI). Dieses Einheitsprinzip richtet sich nach dem Blutzucker: Speisen mit einem hohen GI, zuckerreiche Naschereien etwa, lassen Blutzuckerwerte schnell ansteigen. Umgehend schüttet der Körper hohe Mengen Insulin aus. Das signalisiert zwar zunächst Sättigung im Hirn, sorgt aber dafür, dass der Zucker rasch in der Leber zwischengespeichert wird. Die Folge: Der Blutzuckerwert fällt sofort wieder - und das Heißhungergefühl kommt. So hat Kartoffelpüree beispielsweise einen hohen GI, Vollkornbrot dagegen einen niedrigen.

Also teilten die Forscher die Probanden nach dem Zufallsprinzip in insgesamt fünf verschiedene Ernährungsgruppen ein:

  • Eiweißarme Kost (13 Prozent der zugeführten Energie), hoher GI
  • Eiweißarme Kost, niedriger GI
  • Eiweißreiche Nahrung (25 Prozent der zugeführten Energie), niedriger GI
  • Eiweißreiche Nahrung, hoher GI
  • Kontrollgruppe, in der die Probanden die derzeit gängigen Ernährungsempfehlungen befolgten, nicht aber auf den GI achten mussten

Ein Teilnehmer der ersten Gruppe musste sich demnach eher weniger von Milchprodukten oder Fisch und Fleisch ernähren und griff stattdessen häufiger zu Reis oder Weißbrot. Dabei deckte die Eiweißnahrung 13 Prozent der gesamten Energiezufuhr ab, der Rest stammte aus Kohlenhydraten oder Fett. Sechs Monate lang mussten die Teilnehmer der jeweiligen Diät-Variante folgen. Währenddessen wurden sie von Ernährungswissenschaftlern beobachtet, die in regelmäßigen Abständen Blut- und Urinproben nahmen. Insgesamt 548 der 773 Probanden beendeten die halbjährige Ernährungsphase.

Nach den sechs Monaten hatten alle Studienteilnehmer wieder etwas an Gewicht zugelegt. Zwar waren es im Gesamtdurchschnitt nur 0,5 Kilogramm, doch die Einzelauswertung der Gruppen war deutlich: Jene Probanden, die sich in dieser Zeit von reichlich Proteinen ernährten und Lebensmittel mit einem niedrigen GI bevorzugten, nahmen mit Abstand am wenigsten wieder zu - im Vergleich zur Gruppe mit wenig Eiweiß und einem hohen GI lag der der Unterschied bei durchschnittlich knapp zwei Kilogramm: Die Probanden dieser Gruppe nahmen im Schnitt knapp 1,7 Kilogramm wieder zu.

Das vermeintliche Zauberwort "Glyx"

Obendrein kamen die Patienten offenbar auch besser mit der eiweißreichen Ernährung zurecht, denn bei diesen Gruppen gab es nur etwa 25 Prozent Abbrecher, während von den Teilnehmern, die wenig Eiweiß zu sich nahmen, 37 Prozent vor Ablauf der sechs Monate mit der Diät aufhörten.

Was aber bedeuten die Ergebnisse der Wissenschaftler für den Alltag?

Zwar kennen Anhänger des glykämischen Index - aus zahlreichen Diätratgebern auch bekannt als Glyx - die Lebensmitteltabellen, die feinsäuberlich den GI von Äpfeln, Kartoffeln, Fleisch und Co. listen. Für den Otto Normalverbraucher aber dürfte der alltägliche Umgang mit dem GI nicht gerade praktikabel sein. Kritiker bemängeln beispielsweise, dass in GI-Tabellen nicht jede Obst- oder Gemüseart automatisch zu den Nahrungsmitteln mit niedrigem GI gehört. Zudem beziehen sich die gemessenen GI-Werte nur auf einzelne Lebensmittel, lassen sich aber nicht ohne weiteres in einer gemischten Mahlzeit zusammenzählen.

Den Forschern der Diogenes-Studie ist dieses Problem wohl hinlänglich bekannt, weshalb das Konsortium in einer Pressemitteilung auch gleich die passende Empfehlung für den Laien mitliefert. Ein praktisches Beispielmenü für einen Tag sieht demnach folgende Mahlzeiten vor: Morgens Gemüse-Sticks und fettarmer Käse, mittags ein Vollkornbrot belegt mit magerem Fleisch oder Hähnchenbrust-Schinken, Makrele in Tomatensauce sowie Gemüse, nachmittags ein Vollkornbrot mit fettarmer Leberpastete und Gurke und abends Pute mit Gemüse und Vollkorn-Pasta, Avocado-Salat mit Fetakäse und Zuckererbsen. Wasser oder fettarme Milch als Getränke verstehen sich fast von selbst.

Ob die Diogenes-Forscher mit Empfehlungen dieser Art tatsächlich die Fettleibigkeitszunahme der Gesellschaft verändern werden, bleibt abzuwarten. Mit großer Sicherheit aber wird die Branche die Erkenntnisse zu vermarkten wissen - und den Markt mit neuen Ernährungsratgebern anfüttern.

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