Die Macht der Rituale Spielregeln des Lebens

Seit Zehntausenden von Jahren helfen Rituale dem Menschen bei der Bewältigung seiner Existenz. Manche der Zeremonien mögen auf den ersten Blick sinnlos erscheinen. Doch Forscher können einfach erklären, wieso man auch im Jahr 2009 noch nach Ostereiern suchen und seine Feste feiern sollte.

Von Christian Weber


Aghol naht, bald springen sie wieder. Wenn Anfang April die ersten Yamsknollen reifen auf der Insel Pentecost im südpazifischen Vanuatu-Archipel, errichten die Männer vom Volk der Sa bis zu 30 Meter hohe Bambustürme, die Gols - so wie jedes Jahr. Über Tage und Wochen knoten sie die Stöcke mit Lianen und weichgeklopften Rindenbändern zusammen, gestützt von einer Palme, der sie die Wedel abgeschnitten haben.

Osternfest: "Rituale funktionieren auch, wenn man nicht an sie glaubt."
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Osternfest: "Rituale funktionieren auch, wenn man nicht an sie glaubt."

Meist im Mai kommen dann die Tage des großen Rituals. Die Jungen und Männer klettern auf ihre hölzernen Plattformen, die sie zuvor im Turm verankert haben. Die Zuschauer singen, wiegen rhythmisch die Oberkörper, stampfen auf den festen Lehmboden. Dann springen die Männer in die Leere, erst von den unteren, zuletzt von den obersten Plätzen, nackt bis auf den traditionellen Peniswickel. Nur zwei Lianen an ihren Knöcheln halten sie - und stoppen ihren Sturz idealerweise kurz vor dem Aufprall. Beobachter berichten dennoch von Knochenbrüchen und Todesfällen.

Das Lianenspringen ist ein aufwendiges und riskantes Ritual. Das Faszinierende dabei: Es scheint auf den ersten Blick sinnlos. Dennoch begehen Menschen immer wieder Rituale, manchmal sogar noch, wenn niemand diese mehr richtig versteht.

"Nein, das Springen soll nicht die Yamsernte befördern, wie es die Reiseführer behaupten", sagt der Ethnologe Thorolf Lipp von der Universität Bayreuth, der Monate bei den Lianenspringern gelebt und gerade ein dickes Buch über sie veröffentlicht hat. Auch sei der Sprung "kein Initiationsritual mehr, er verhilft nicht zu einem formal neuen Status in der Gemeinschaft, er geschieht freiwillig." Und nein, es sei auch nicht die Imitation des Trainings amerikanischer Fallschirmspringer, die im Zweiten Weltkrieg im Pazifik auftauchten.

Doch auch Lipp tut sich schwer mit einer endgültigen Erklärung. Ja schon, das Springen sei "dazu angetan, die Frauen zu beeindrucken". Er spricht vom Turmsprung als dem "Motiv einer zweiten Geburt" mit der Liane als Nabelschnur. Ursprünglich war es vielleicht ein Lebensübergang, heute ist es viel eher "ein riskantes Spektakel."

Das ist eine Definition, mit der sich auch die verrückten Studenten um David Kirke vom Oxford University Dangerous Sports Club hätten anfreunden können. Die waren so begeistert von den Berichten über die Lianenspringer, dass sie am ersten April 1979 mit Champagnerflaschen in der Hand, mit Smoking und Zylinder bekleidet, die 75 Meter hohe Clifton Suspension Bridge in Bristol betraten. Dann hüpften sie, mit Gummiseilen gesichert, in die Tiefe - und hatten so das moderne Bungeejumping erfunden.

Die Geschichte von den Lianen- und den Gummiseilspringern bestätigt Grundannahmen der modernen Ritualforschung: Rituale sind nicht starr und festgelegt, sondern können ihre Bedeutung verändern oder auch ganz verlieren. Rituale können wandern, von der Südsee bis nach Mitteleuropa. Vor allem aber zeigt die Springergeschichte eins: "Gerade die globale Erlebnisgesellschaft entdeckt Rituale wieder, erfindet sie neu oder importiert sie aus fremden Kulturen", sagt der Indologe Axel Michaels, Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereichs 619 "Ritualdynamik" an der Universität Heidelberg, dem größten geisteswissenschaftlichen Forschungsverbund in Deutschland: 90 Forscher aus 17 Fachbereichen beschäftigen sich hier seit 2003 mit der Kraft der Rituale. Sie sind sich in einer Sache sicher: "Menschen brauchen Rituale." Nicht nur zu Weihnachten und zu Ostern.

"Alle Gesellschaften hatten schon immer Rituale und werden sie auch in Zukunft haben", sagt Michaels apodiktisch. Von der häufig beschworenen Rückkehr der Rituale in Deutschland mag er deshalb gar nicht reden - "vielleicht, dass im akademischen Bereich wieder mehr mit Talar und Doktorhut gefeiert wird." Statistische Erhebungen gebe es nicht. Allerdings habe sich das Image der Rituale gebessert. "Man redet wieder mehr über sie", glaubt Michaels, "und man darf sie gut finden."

In Deutschland hatten die Nazis mit ihren perfekten Inszenierungen Rituale auf Jahrzehnte als gefährlich und irrational diskreditiert. Noch die 68er vermuteten "unter den Talaren" den "Muff von 1.000 Jahren". Erst als die Deutschen die exotischen Destinationen Asiens, Afrikas und Amerikas und die Gebräuche der dortigen, zum Teil indigenen Bevölkerungen kennenlernten, kam es zum Gesinnungswandel: So eine indische Hochzeit war schon etwas anderes als die Eintragung der Lebensgemeinschaft beim städtischen Standesamt.

Manche Soziobiologen und Anthropologen wollen Rituale sogar im Tierreich entdeckt haben. Die berühmte Primatenforscherin Jane Goodall etwa beobachtete im kenianischen Gombe Schimpansen, wie sie beginnenden Regen mit einem Tanz begrüßten. Unmittelbare Vergleiche zwischen Mensch und Tier zieht der amerikanische Religionsanthropologe Richard Sosis von der Universität Connecticut: "So wie man viele Amerikaner am Sonntagmorgen singend in der Kirche findet, so haben auch Buckelwale kollektive Singrituale."

Wann Menschen wirklich erstmals bewusst ein symbolisches Ritual ausführten, bleibt umstritten. Der Altphilologe Walter Burkert bescheinigte in seiner Eröffnungsrede zum Heidelberger SFB 619 bereits dem Neandertaler, er habe seine Gräber auf rührende Weise mit Blumen geschmückt. Burkert bezog sich auf Pollen, die Paläontologen bei einem 50.000 bis 60.000 Jahre alten Skelett in der Shanidar-Höhle im Irak fanden. Mittlerweile vermuten Experten, dass ortansässige Rennmäuse die Blütenreste eingeschleppt haben.



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