Christian Stöcker

Digitale Desinformation Weiße Hundehalter sind Rassisten! Oder?

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Viele Konservative in den USA, darunter ein Ex-Gouverneur, sind wütend. Ein linker Aktivist hat im Netz gefordert, allen Weißen ihre Hunde wegzunehmen. Wirklich? Eine kleine, ernüchternde Propaganda-Recherche.
Hundeleben (Symbolbild)

Hundeleben (Symbolbild)

Foto: Ghetea Florin / EyeEm / Getty Images

Mike Huckabee, ehemaliger Gouverneur von Arkansas, ehemaliger Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, hat auf Twitter 1,6 Millionen Follower. An die verteilte er vergangene Woche wütend einen Link zu einer Website namens unitedwildlifeunion.com.

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Er habe zuerst gedacht, es handele sich um Satire, so Huckabee, "aber dann habe ich verstanden, dass dieser Typ wirklich glaubt, es sei 'RASSISTISCH!', wenn Weiße Hunde halten". "Empörend" fand Huckabee das. Empörung, outrage, ist bekanntlich die Leitwährung der sozialen Medien von heute.

"Ich besitze Waffen. Versucht nur, mir meine Hunde wegzunehmen"

Für den Wutausbruch gab es 459 Retweets und über 1100 Likes. Huckabees Follower ergänzten ihn: "Als Nächstes kommen unsere Häuser und Autos dran … und da wird es nicht enden", schrieb eine "konservative Patriotin, die ihr Land liebt". Ein anderer drohte: "Ich lebe in Texas. Ich habe vier Hunde. Ich besitze Waffen. Versucht nur, mir meine Hunde wegzunehmen."

Auch in diversen Foren wurde der Link erbost herumgereicht. Ein Kommentator in einer zu "Fox News"  gehörenden Lokalradiostation erklärte, er habe das zuerst für Satire gehalten aber: "Nein! Der Typ ist echt."

Nein, ist er nicht

Die Website "United Wildlife Union" enthält noch genau zwei weitere Artikel, einen über den Krieg gegen Tiere, den Donald Trump angeblich führt (fragen Sie nicht), und einen erfreuten über Seepferdchen, die "Geschlechterstereotypen durchbrechen".

Wenn man sich ernsthaft fragt, ob so etwas wirklich echt ist, scrollt man als Erstes zum Seitenfuß und sieht erst einmal nach, was da steht. In diesem Fall: "Powered by Globe Media Holdings."

Klickt man auf den zugehörigen Link, landet man auf einer Website voller Stock-Fotos und generischem Firmen-Blabla ("Maximieren Sie Ihr Wachstum und seien Sie versichert, dass wir Sie bei jedem Schritt begleiten"). Klickt man ein bisschen herum, stößt man schnell auf Seiten mit Blindtext ("lorem ipsum…") und auf einen "Shop", in dem Abendkleider und Herrenanzüge zu sehen sind, einsortiert in Kategorien wie "Maurerwerkzeuge" oder "Wasserwaagen". Seltsam, oder?

Das Ganze ist offenkundig ein nicht vollständig ausgefülltes Dummy-Webseiten-Template, wie man sie beim Weltmarktführer "Wordpress" zu Dutzenden kostenlos bekommt.

Debile Versionen rechter Feindbilder

Auf der Startseite von Globe Media Holdings steht: "Unser Hauptprinzip ist die Freiheit, Ihrer inneren Stimme zu folgen - frei von der Sorge, ein weiteres Opfer der flüchtigen Welt der Cancel Culture zu werden." Da haben wir erste selbstentlarvende Schlagwort: "Cancel Culture." Unsere Freiheit wird bedroht! Und zwar von fiktiven Aktivisten!

Unter "einige unserer gefeatureten Marken" findet man bei Globe Media Holdings Links zu diversen anderen Websites, die ebenfalls auf Wordpress-Standardformaten  basieren. Sie haben noch etwas gemeinsam: Alle sollen wirken, als würden sie von politisch sehr bewegten Feministinnen und anderen "Social Justice Warriors" betrieben, die völlig absurde Positionen vertreten. Von debilen Karikaturen der Feindbilder der amerikanischen Rechten also.

"Die Zukunft des progressiven Nordkorea"

Oft geht es um Gaming ("Doom: Der Beginn der toxischen Männlichkeit in Videospielen"), mal landet man bei einem "Buzzfeed" nachempfundenen Angebot namens BeezFud ("Der Tag der Arbeit ist kapitalistische Propaganda"), mal geht es um "Nachrichten" ("Kim Yo-johg ist die Zukunft des progressiven Nordkorea").

Klickt man ein bisschen herum, stößt man stets auf Löcher im Angebot und noch mehr Blindtext. Aber man muss es eben wissen wollen, nicht nur seine Vorurteile bestätigen.

Wirft man, über die gemeinsame IP-Adresse all dieser Angebote, einen Blick hinter die Kulissen (wenn man weiß, wie das geht, ist es nicht schwierig), findet man auf dem einen Server, auf dem diese Angebote sämtlich liegen, noch weitere, die noch weniger fertig sind. Darunter auch eine Seite für einen Hundesalon und ein fiktives Forschungsinstitut. Und ein einziges echtes Unternehmen (eine texanische Schreinerei), das auf Anfragen leider nicht reagiert.

Der Name-Server, von dem all die Websites ihre Namen bekommen, heißt "Texas Vanguard". So heißt auch der texanische Ableger einer Neonazi-Vereinigung namens "Vanguard America" .

Ein Senator ist auch schon darauf hereingefallen - und die "Washington Post"

Auf diesem Server ist neben all den seltsamen Wordpress-Sites auch das von YouTube  und Facebook mittlerweile gesperrte "Plandemic"-Propagandavideo  herunterzuladen, das Verschwörungstheorien über die Corona-Pandemie verbreitet.

Außerdem liegt dort noch eine Seite namens "Friends of Journalism". Der Protagonist dieser Seite, wie auch einer Facebook-Seite namens "Journalism Excellence Worldwide", nennt sich "Dustin Levitt". In Wahrheit handelt es sich aber um einen offenbar ursprünglich aus Oregon stammenden rechten Troll namens Brandon . Linke aus Boston haben ihn und seine Freundin schon 2017 enttarnt. Damals gaben die beiden sich online als "Boston Antifa" aus. Die Methode war also schon damals die gleiche.

Brandon und seine Freundin hatten damals auch schon einmal einen großen viralen Erfolg: US-Medien von der Rechtspostille "Breitbart"  über "Fox News" und bis hin zur "Washington Post"  berichteten damals ganz ernsthaft über den Verdacht russischer Einflussnahme - weil ein republikanischer Senator auf einen Tweet von Brandon und seiner Freundin hereingefallen war. Die beiden hatten als Standort ihres "Antifa"-Accounts "Wladiwostok" angegeben . Das reichte.

Immer wieder JEW als Akronym

Offenbar hat mindestens Brandon sein arbeitsaufwendiges Hobby noch immer nicht aufgegeben. Brandon, das hat er einmal in einem diesmal augenscheinlich ernst gemeinten YouTube-Video erklärt, hasst "Kommunisten" und andere Linke. Juden mag er auch nicht. Vermutlich erfindet er deshalb immer wieder fiktive, sehr lächerlich wirkende Pseudojournalismus-Plattformen, deren Namen sich stets zu JEW (Jude) abkürzen lassen.

Diverse Versuche der Kontaktaufnahme, über Mailadressen auf den Websites und assoziierte Twitteraccounts blieben übrigens erfolglos. Das überrascht nicht. Mit der Presse reden solche Leute lieber nicht.

Brandon und seine mutmaßlichen Mitstreiter arbeiten nämlich fleißig, wenn auch etwas schlampig, an der Erzeugung eines medialen Paralleluniversums. Einer Welt, in der "woke" Linke sich genauso dämlich aufführen, wie Rechte, Rassisten und Antifeministen ihnen das gern unterstellen. Weißen die Hunde - und die Musik ! - wegnehmen wollen, Gamern die Videospiele und Männern die Freiheit. Vermutlich finden sie das irgendwie lustig, total ironisch! Aber es hat durchaus ernste Konsequenzen.

So hässlich und dumm, wie man den Feind gern sehen will

Wir haben es hier nicht mehr mit Fake News zu tun (ein Begriff, den man ohnehin vermeiden sollte), sondern mit Fake Discourse: Hier wird ein Zerrbild des politischen Gegners entworfen, das Akteure auf der eigenen politischen Seite dann für echt halten und verbreiten. Auch Leute mit 1,6 Millionen Twitter-Followern wie Mike Huckabee.

Der Feind wird so hässlich und dumm dargestellt, wie man ihn selbst findet, und andere glauben das dann. So sorgt man in einer ohnehin schon gespaltenen Gesellschaft für noch mehr Polarisierung. Das ist die neue, hässliche Qualität, die die so Internet-ironische "Alt Right"-Bewegung in die US-Öffentlichkeit getragen hat. Eine Zutat zu Donald Trumps Version von Amerika.

Russlands Hilfe brauchen solche rechten Trolle gar nicht. Eine gewisse Verwandtschaft zu (post-)sowjetischen Propagandastrategien ist aber durchaus erkennbar: Säe Zweifel, wo du nur kannst, verunsichere die Leute so lange, bis sie nichts mehr so richtig glauben können.

Außer dem, was zu ihrem Weltbild passt.

Mike Huckabees Tweet über den irren Linken ist übrigens immer noch online. Obwohl ihn mehrere Twitterer auf den wahren Sachverhalt hingewiesen haben .