Christian Stöcker

Digitaler Schulunterricht Häppchen bis zum nächsten Absturz

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Die Pandemie verändert unseren Alltag jetzt seit einem knappen Jahr. Der Schulunterricht erfolgt in weiten Teilen »digital«, so wird das jedenfalls genannt. Die Wahrheit ist viel schlimmer.
Was so munter und modern Homeschooling heißt, ist mitunter zum Verzweifeln

Was so munter und modern Homeschooling heißt, ist mitunter zum Verzweifeln

Foto: no_limit_pictures / iStockphotos / Getty Images

Am Donnerstagabend hatte Kanzleramtschef Helge Braun eine unangenehme Aufgabe: Er wurde in den »Logo«-Kindernachrichten angemessen kritisch zum Zustand des digitalen Unterrichts an deutschen Schulen befragt. Die Zielgruppe der Sendung kennt das Problem ja aus erster Hand. Noten für die Leitung des Schulsystems wollte Braun nicht geben, da könnten ja die Länderchefs sauer werden. Er hoffe aber, dass das »jetzt immer besser funktioniert« mit Computer für Schülerinnen und Schüler. Bis »Ende des Schuljahres, wenn es dann Noten gibt, da sind wir dann hoffentlich richtig gut«. So also die Position des Kanzleramts, zwölf Monate nachdem Covid-19 in Deutschland angekommen ist.

In ganz Deutschland passieren derweil an jedem Werktag Dinge, die für Eltern und Schüler jetzt normal sind, für normale Büroangestellte aber kaum vorstellbar.

Total überraschend, jede Woche wieder

Ein Beispiel: Man loggt sich auf jeden Fall möglichst deutlich vor acht Uhr morgens in die Cloud-Plattform der Schule ein, um sich die aktuellen Aufgaben abzuholen, am besten schon am Vorabend. Warum? Weil die Plattform ab acht Uhr so überlastet ist, dass sie entweder gar nicht mehr oder nur noch im Schneckentempo funktioniert.

Wer an einem Montagvormittag eigentlich an einer über diese Cloud abgewickelten Videokonferenz teilnehmen möchte, hat unter Umständen Pech gehabt – die letzten Schüler trudeln um kurz nach eins ein, weil das der erste Zeitpunkt ist, zu dem eine Verbindung mit dem System überhaupt wieder hergestellt werden kann. Wie jeden Montag war der Ansturm offenbar einmal mehr völlig überraschend.

Der spielt wieder »Fortnite«

Schülerinnen und Schüler fliegen im laufenden Betrieb aus Videokonferenzen, aber keiner bekommt es mit. Manche führen das schlau selbst herbei: Weil die Schul-Videokonferenzsysteme in der Regel browserbasiert sind, kann man als Schüler, wenn man weiß, wie das geht, mit einem Rechtsklick auf der Maus den Seitenquelltext bearbeiten. Und die Seite so bei sich selbst zum Absturz bringen (verraten Sie das nicht ihren Kindern).

Andere sitzen mit für ihre Mitschüler klar zuzuordnendem, allzu konzentriertem Gesichtsausdruck vor der Webcam. Die Augen huschen hektisch hin und her, das Gesicht wird bläulich flackernd erleuchtet. Alle außer der Lehrerin sehen: Der spielt wieder »Fortnite«.

Der pseudodigitale Schulalltag

Es gibt auch im Jahr 2021 noch Lehrkräfte, denen die elementaren Funktionen der Videokonferenzsysteme, die sie benutzen, nicht vertraut sind: »Sagt mal Lia, sie soll ihr Mikro anmachen.« – »Lia kann sie hören, Frau Meier.«

Anderswo werden weiterhin PDFs ausgedruckt, sofern der Drucker geht und der Toner nicht alle ist. Aufgaben gibt es, mehr als sonst, oft viel mehr. Manche werden kontrolliert oder sogar korrigiert, manche nicht. Manchmal gibt es nicht einmal eine Rückmeldung darüber, ob die abgegebene Arbeit überhaupt angekommen ist.

Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die sich enorme Mühe geben, auch gegen den Widerstand der inadäquaten Technik. Aber das sind nicht alle.

Ich bin sicher, es gibt noch eine Vielzahl weiterer Anekdoten aus dem pseudodigitalen Schulalltag der Gegenwart. Wenn Sie eine zu bieten haben, schreiben Sie sie doch in die Kommentare, ich bin gespannt.

Entwicklungsland-hafte Parallelrealität

Immerhin: Viele Schulen verleihen mittlerweile Tablets oder Laptops, sodass auch die, die nicht entsprechend ausgestattet sind, am Unterricht teilnehmen können. Genauer gesagt: könnten. Wenn die Cloud nicht gerade schon wieder zusammengebrochen oder der Rechner des Lehrers nicht gerade abgestürzt wäre. »Mein Internet ist heute ziemlich schlecht« ist das neue »Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen«.

Für Millionen von Menschen ohne schulpflichtige Kinder, die hierzulande anderen Homeoffice-Tätigkeiten nachgehen, ist kaum vorstellbar, in was für einer halbdigitalen, Entwicklungsland-haften Parallelwelt der digitale Unterricht in Deutschland auch noch ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie stattfindet. Die meisten Büroarbeiter benutzen Videokonferenzsysteme professioneller Anbieter. Auch die haken zwar manchmal, funktionieren im Großen und Ganzen aber verlässlich. Davon kann die Nutzerschaft diverser Schul-Cloud-Angebote nur träumen.

Es gibt das tolle digitale Lernen, aber woanders

Gleichzeitig gibt es Kinder und Jugendliche, die auf einmal auf ganz neue Weise das digitale Lernen für sich entdecken: Mit Sprachlern- oder Programmier-Apps kommerzieller Anbieter zum Beispiel. Dort funktioniert das, was doch eigentlich das Versprechen digitalisierten Unterrichts war: individualisierter, an das jeweilige Lerntempo angepasster Unterricht mit spielerischen Elementen, vielen kleinen Belohnungen, Quiz-Elementen und handhabbaren Lektionen. Das machen Kinder dann sogar freiwillig.

Was jetzt täglich noch deutlicher wird, sollte nach den vielen Monaten Corona eigentlich keine Überraschung mehr sein. Wenn man digital unterrichten will, braucht man dafür drei Dinge: qualifiziertes Personal, ein didaktisches Konzept – und Infrastruktur. Wo sind die?

Professionelle Infrastruktur, professionell betrieben und gewartet

Der Mangel wird an jeder Ecke sichtbar. Warum funktionieren die Videokonferenzsysteme von Microsoft, Google oder Zoom? Weil sie auf einer professionellen Infrastruktur laufen, die von Profis betrieben, gewartet und auch abgesichert wird.

Zitat aus einem Artikel über einen der diversen erfolgreichen Hackerangriffe auf eine deutsche Schul-Cloud, hier geht es um Thüringen : »Laut Lehrerverband kommt das System schon ab 12.000 angemeldeten Schülern an seine Grenzen. Im Freistaat gebe es aber rund 200.000 Schüler.«

Noch Fragen?

Wer es richtig machen will, muss auch richtig investieren

In der Peripherie sieht es nicht besser aus, im Gegenteil. In deutschen Schulen ist auch im Jahr 2021 noch im Zweifel der eine Lehrer, der versehentlich mal ein Interesse für das Thema hat erkennen lassen, für den Administratorenjob zuständig. Der Bund hat den Ländern im Rahmen des Digitalpakts Geld zur Verfügung gestellt, um Hardware anzuschaffen – die zum Teil bis heute nicht angeschafft wurde, weil das offenbar sehr mühsam ist. Ein bisschen davon findet jetzt offenbar trotzdem endlich auch den Weg in die Zimmer der Kinder aus weniger begüterten Familien. Vor allem aber gibt es niemanden, dessen Hauptberuf es ist, die Hard- und Software am Laufen zu halten.

Es existieren in Deutschland zu Recht große Vorbehalte dagegen, kommerziellen Anbietern allzu bereitwillig den Zugang zu den Klassen- und Kinderzimmern deutscher Schülerinnen und Schüler zu gestatten. Man möchte gerne quelloffene, datenschutzkonforme, nicht-kommerzielle Systeme einsetzen. Das ist löblich. Dann muss man es aber auch machen, und zwar richtig.

Warum gibt es keine Bundes-Bildungscloud?

Das heißt: Man muss die nötige Cloud-Infrastruktur dafür bereitstellen und Leute, die diese Infrastruktur auch warten können. Man muss Apps entwickeln oder entwickeln lassen, die den eigenen Ansprüchen und Normen genügen. Das alles hätte man auch schon vor 2020 wissen können (es ist nicht so, dass es niemand gesagt hätte). Eine stabile Bundes-Bildungscloud wäre eine fantastische Investition gewesen.

Dass in zwölf Monaten Corona so wenig passiert ist, ist ein Skandal. Die Digitalisierung des deutschen Unterrichts läuft im Moment genau so, wie die immer noch zahlreich vorhandenen Feinde dieser Digitalisierung schon immer gesagt haben: chaotisch, wackelig, unstrukturiert, mit überfordertem, teils offen unwilligem Lehrpersonal.

Im Jahr 2016 – ja, so lang ist das schon her! – versprach die damalige Bildungsministerin Johanna Wanka mit dem sogenannten Digitalpakt fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung deutscher Schulen. Auf diesen Digitalpakt, mittlerweile auf sechs Milliarden aufgestockt, verwies auch Helge Braun im »Logo«-Gespräch noch einmal. Wie gesagt: Der »Pakt« ist Jahre älter als die Pandemie. Und noch nicht einmal vollständig umgesetzt.

Der damalige Vorsitzende des Lehrerverbands, Josef Kraus, war schon damals strikt gegen Rechner für die Schulen. Das werde »Kollateralschäden« geben, mahnte Kraus, Schüler würden durch die böse Technik verführt, sich »nur noch Häppcheninformationen und Häppchenwissen anzueignen«.

So eine ähnliche Situation haben wir jetzt, aber nicht wegen zu viel Digitalisierung.

Häppchen, mehr nicht. Immer bis zum nächsten Absturz.

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