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Stress im Netz Was wir gegen digitale Überforderung tun können

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielleicht zwingt die Coronapandemie auch Sie, im Homeoffice zu arbeiten. Das kann Folgen für Ihre Psyche haben. Wir sind digital schneller überfordert, als wir uns eingestehen möchten.

Allein am Computer, so sieht für viele Schülerinnen, Studierende und Berufstätige – und auch für einen großen Teil der Beschäftigten beim SPIEGEL – seit mehr als einem Jahr der Arbeitsalltag aus. Das ist anstrengend, auch mental. Und häufig sorgt das Verhalten im digitalen Raum für zusätzlichen Stress.

Forscherinnen und Forscher empfehlen digitale Hygiene, die viele von uns nicht erlernt haben. US-Wissenschaftler der Carnegie Mellon University  haben in diesem Zusammenhang unseren Umgang mit Browser-Tabs untersucht. Mithilfe dieser Reiter oberhalb der Browsersuchleiste kann man verschiedene Websites wie in einem Karteikartensystem gleichzeitig geöffnet halten: Mailprogramme (in meinem Fall: 3 verschiedene), soziale Netzwerke (ebenfalls 3), Musik (1), Nachrichtenseiten (4) und Artikel, die man immer schon einmal lesen wollte (11). Die amerikanische Studie hat ergeben: Viele Menschen fühlen sich angesichts der Vielzahl geöffneter Tabs überlastet.

Wer soll da den Durchblick behalten?

Wer soll da den Durchblick behalten?

Hinter alldem, zeigt sie Auswertung, steckt der Wunsch, nichts zu verpassen und zu vergessen – aber auch die Sorge, (vermeintlich) wichtige Informationen nicht wiederzufinden. Die Furcht, dass Inhalte für immer verloren wären, wenn sie aus dem Sichtfeld rückten, verglich Aniket Kittur, der Leiter des Forschungsteams, mit der Wirkung eines schwarzen Lochs: »Die Angst vor diesem Effekt war so stark, dass sie Leute dazu zwang, Tabs offenzuhalten, obwohl die Anzahl unüberschaubar wurde«, sagte er. Selbst wenn sich Menschen wegen der schieren Masse geöffneter Websites regelrecht schämten, brachten es viele nicht über sich, Tabs einfach zu schließen.

2483 Prozent mehr Suchanfragen nach Apps zum Thema Achtsamkeit

Wie kann man der digitalen Überforderung begegnen? Eine Möglichkeit sind Onlinekurse und Apps, die bei psychischer Belastung helfen sollen. Das Interesse an solchen Angeboten wächst. Das legt auch eine Befragung durch die britische Organisation Orcha  nahe, die Apps zur digitalen Gesundheit bewertet. Demnach hat sich die Zahl der Suchanfragen nach Apps, die die mentale Gesundheit stärken sollen, während des Lockdowns vervielfacht: Um 113 Prozent stieg die Zahl der Anfragen zum Thema Stress, um 437 Prozent zu Entspannung. Beeindruckende 2483 Prozent betrug der Zuwachs der Suchen nach Apps für mehr Achtsamkeit.

Wer nun dem Impuls folgen will, schnell alle App-Angebote zu googeln und in mehreren Tabs Empfehlungen zu vergleichen, der sollte vielleicht kurz innehalten: Sicher gibt es digitale Anwendungen, die dabei helfen können, digitalen Stress abzubauen. Möglich ist aber auch, dass solche Anti-Stress-Apps die Belastung am Ende nur weiter verstärken.

Gibt es bessere Lösungen? Staatlich geprüfte Hilfsangebote für einen Ausweg aus dem digitalen Sog? Bisher kaum. Doch die Dringlichkeit, digitales Arbeiten so zu gestalten, dass es die mentale Gesundheit nicht beeinträchtigt, wird mit dem Ende der Pandemie nicht verschwinden.

Geben Sie also auf sich acht. Und: Schließen Sie doch einfach mal ein paar Tabs! Ich mache das auch gleich. Nur nicht die allerwichtigsten.

Herzlich

Ihre Viola Kiel

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen der Woche:

  • Die USA erwarten Schwärme von Zikaden, es könnten Milliarden Insekten kommen, vielleicht sogar Billionen. Was macht man mit so vielen Zikaden? Eine Idee: Man könnte sie essen. 

  • Elon Musk ist ein schräger Typ. Und könnte tatsächlich den Anstoß einer neuen Ära der Menschheitsgeschichte  liefern.

  • Mein Kollege Benjamin Schulz hat sich während des Shutdowns handwerklich verdingt und verrät, wie man für 150 Euro eine Hobelbank bauen kann. Wenn man das will.

  • Freiheiten für Geimpfte – mit dem richtigen kriminellen Geschäftsmodell lässt sich auch daran Geld verdienen, zum Beispiel mit gefälschten Impfausweisen. Aber wie schnell kommt man an so einen Impfpass?  Eine Recherche von ZEIT ONLINE zeigt: erschreckend schnell.

  • »Der Wald war wie unsere Kirche«, sagt die berühmte Forstwissenschaftlerin Suzanne Simard und erzählt in einem langen Interview , warum sie an Mutterbäume glaubt. Wer nicht so viel lesen will, kann sich das Gespräch auch anhören.

Quiz*

1. Wie groß ist der Gazastreifen?

2. Wie hoch ist derzeit der Anteil von CO₂ an den Treibhausgasemissionen?

3. Die Widerstandskämpferin Sophie Scholl wäre vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden. Wo wurde sie hingerichtet?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Miguel Candela / SOPA Images / ddp images

Seit ungefähr 500 Jahren versucht der Mensch, menschenähnliche Maschinen zu erschaffen, die ihm das Leben leichter oder schöner machen sollen. Welche bizarren Auswüchse diese Versuche annehmen können, zeigt die Ausstellung »Robots«, die derzeit im Science Museum in Hongkong  zu sehen ist. Eines der Ausstellungsstücke ist das »Animatronic Baby«: ein Roboter mit dem Äußeren eines Babys, dessen Pose an die des Jesuskindes erinnert. Ein Schelm, wer dabei an die unerfüllten Heilsversprechen der Robotik denkt.

Fußnote

50 Zentimeter sinkt das Gebiet von Mexiko-Stadt an manchen Stellen in die Tiefe – jedes Jahr. Diese Geschwindigkeit ist seit mehreren Jahrzehnten annähernd konstant, wie Wissenschaftler nun herausgefunden haben. Als Ursache gilt die Entnahme von Grundwasser unter der Metropole. Zwar darf in bestimmten Gebieten mittlerweile kein Wasser mehr abgepumpt werden, doch die Experten vermuten, dass sich das Absacken des Gebiets kaum mehr stoppen lassen wird.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten
1) 360 Quadratkilometer, etwas mehr als ein Drittel der Fläche Berlins
2) ungefähr 88 Prozent
3) in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München

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