Digitalisierung und Umwelt "Utopie und Horror liegen dicht nebeneinander"

Die Digitalisierung könnte zum "Brandbeschleuniger" von Umweltzerstörung, Klimawandel und sozialer Spaltung werden, warnt der Umweltbeirat der Bundesregierung. Es brauche jetzt klare Regeln.
"Den Menschen selbst zum Programm transformieren": WGBU-Vorsitzender Dirk Messner sieht die Digitalisierung kritisch

"Den Menschen selbst zum Programm transformieren": WGBU-Vorsitzender Dirk Messner sieht die Digitalisierung kritisch

Foto: Donald Iain Smith/ Blend Images / Getty Images

Die Gestaltung der Digitalisierung bestimmt über die Arbeitswelt der Zukunft, berührt die Frage, wie frei wir leben werden und prägt den Fortschritt der Medizin. Auch für die Lösung der ökologischen Krise sei die Digitalisierung ein entscheidender Faktor - zu diesem Ergebnis kommt nun der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen  (WBGU) in einem neuen Gutachten, das am Donnerstag in Berlin übergeben wird.

Die Beschäftigung mit dem komplexen Thema nennt das Beratungsgremium der Bundesregierung selbst "die bisher größte Herausforderung, die sich der WBGU seit seiner Gründung 1992 gestellt hat". Dirk Messner, Vorsitzender des WGBU, erklärt im Interview, warum die Digitalisierung soziale Ungleichheit verstärkt und dringend auf Nachhaltigkeit getrimmt werden muss. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine bereitet ihm große Sorgen.

Zur Person
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Dirk Messner (56) ist gemeinsam mit Sabine Schlacke Vorsitzender des "Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen" (WBGU). Der Politikwissenschaftler lehrt an der Universität Duisburg/Essen und ist Direktor des "Institute for Environment and Human Security" an der Uno-Universität in Bonn. Messner gilt als Experte für Entwicklungspolitik.

SPIEGEL ONLINE: Herr Messner, die Digitalisierung wird oft als smart und sauber angepriesen. In Ihrem neuen Gutachten für die Bundesregierung nennen Sie sie einen "Brandbeschleuniger" für viele Probleme der Ökologie und der sozialen Sicherheit. Warum?

Messner: Digitalisierung ist nicht automatisch ein Prozess, der uns zu mehr Nachhaltigkeit oder sozialem Zusammenhalt führt. Wenn wir sie nicht auf Nachhaltigkeit ausrichten, dann werden wir die Probleme, die wir ohnehin haben, nur noch beschleunigen. Weil wir die Vorstellung von kontinuierlichem, ressourcen- und treibhausgasbasiertem Wachstum mithilfe digitaler Technologien noch weiter verlängern, obwohl uns das in große ökologische Schwierigkeiten bringt. Das gilt auch für den sozialen Bereich, denn Digitalisierung verstärkt Machtkonzentrationen und Ungleichheiten.

SPIEGEL ONLINE: Kann Digitalisierung dann überhaupt bei der "großen Transformation zur Nachhaltigkeit" helfen, die der WBGU mit Blick auf Klimakrise, Artenschwund und Verlust von Ökosystemen fordert?

Messner: Grundsätzlich ja. Denn für eine grüne und gerechte Ökonomie brauchen wir den Abschied von fossilen Brennstoffen, eine Kreislaufwirtschaft, mehr Effizienz, weniger Materialverbrauch und einen Schutz der Ökosysteme. Alle diese Ziele sind mit digitaler Technik besser zu erreichen als ohne sie.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Messner: Das zeigt sich etwa bei der Aufgabe, Angebot und Nachfrage aus dem Strommarkt zusammenzuführen: Auslastung, Verteilung und Vertrieb von erneuerbaren Energien sind mit digitaler Technik viel besser zu koordinieren. Und wir hoffen, dass wir mit selbstfahrenden Autos bis zu 90 Prozent der bisherigen Fahrzeuge von der Straße bekommen. Das wäre eine enorme Entlastung. Die Digitalisierung bietet dafür die Technik, aber erst einmal müssen wir entscheiden, sie dafür auch zu nutzen, dafür brauchen wir die richtigen politischen Rahmenbedingungen und -Entscheidungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie es aussieht, werden diese aber derzeit weniger in der Politik als in den Firmenzentralen von Facebook und Google getroffen.

Messner: Das stimmt, ist aber auch eine gute Nachricht. Mit Digitalunternehmen über Klimaschutz und Ressourcenschutz zu reden ist einfacher als mit Stahlunternehmen. Digitalunternehmen inszenieren sich ja als Nachfolger der "alten Wirtschaft", das können also Bündnispartner sein. Auch wenn die großen Player natürlich noch weit entfernt davon sind, "nachhaltig" genannt werden zu können, aber viele - etwa Apple - nehmen sich des Themas vermehrt an.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern aber auch, dass die Politik Regeln setzen soll.

Messner: Die Digitalisierung nachhaltig zu machen, ist ein gewaltiger Umbruch, der Gestaltung braucht, auch wegen des internationalen Wettbewerbs. Es gibt den Ansatz Chinas, der autoritär-digital ist, und den US-Ansatz, der vieles dem Markt überlässt. Es ist eine Chance für Europa für ein Gesellschaftsmodell der Zukunft: Digitalisierung mit sozialem Zusammenhalt, Teilhabe und Nachhaltigkeit zusammenzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Ergreift die Politik diese Chance zur Gestaltung?

Messner: Zumindest nicht auf der globalen Ebene, wenn es um die Verbindung zu den Nachhaltigkeitszielen geht. Die 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung (SDG), also etwa zu Bildung, Armutsbekämpfung und Schutz der Umwelt, wurden von der Uno-Staatengemeinschaft 2015 beschlossen - und die Digitalisierung mit keinem Wort erwähnt! Das muss man sich mal vorstellen: Der Megatrend, der einen umfassenden globalen Wandel auslöst, wird einfach ignoriert. Wir Wissenschaftler sind nicht unschuldig daran, denn die Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsforschung ist kaum vernetzt, was sich schnell ändern muss. Zum Glück gibt es jetzt eine Arbeitsgruppe auf höchster Uno-Ebene für das Thema, und wir fordern auch eine Uno-Rahmenkonvention zur Digitalisierung.

SPIEGEL ONLINE: In der Geschichte hat bisher technischer Fortschritt immer dazu geführt, dass wir noch mehr Ressourcen verbrauchen. Warum sollte die digitale Revolution anders verlaufen?

Messner: Die meisten technologischen, gesellschaftlichen oder politisch-ökonomischen Umbrüche haben erst zu Rückschlägen geführt: Als der Buchdruck eingeführt wurde, war das ein Segen für Bildung und Aufklärung - aber erst einmal hat das am Beginn des Dreißigjährigen Krieges den Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen viel schneller verbreitet als vorher. Solche Dynamiken müssen wir verhindern und die Potenziale der Digitalisierung heben, ohne die Rückschläge zu groß werden zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: An anderer Stelle mahnen Sie aber auch zur Zurückhaltung. Etwa bei der Verschmelzung von Mensch und Maschine, die am Horizont drohe.

Messner: Die droht nicht am Horizont, daran wird schon gearbeitet. Mit der Verknüpfung von DNA-Analyse, kognitiver Wissenschaft und künstlicher Intelligenz transformieren wir den Menschen selbst zum Programm. In den vergangenen Dekaden haben wir den Planeten unwiderruflich verändert, deshalb leben wir im "Anthropozän", dem Zeitalter, in dem erstmals der Mensch die stärkste Kraft im Erdsystem geworden ist. Jetzt sprechen wir vom digitalen Anthropozän. Utopie und Horrorvorstellung liegen dicht nebeneinander. Deshalb stellen wir die Würde des Menschen in den Mittelpunkt.

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SPIEGEL ONLINE: Übernimmt sich da der WBGU nicht? Bisher waren Sie für Umweltprobleme zuständig, jetzt entwerfen Sie gleich eine Vision für die Zukunft der Menschheit.

Messner: Darüber hatten wir eine sehr intensive Debatte im Beirat. Aber die Digitalisierung berührt alle Elemente, die wir für eine Transformation der Industriegesellschaft zur Nachhaltigkeit brauchen: Technik, Teilhabe, Soziales, nachhaltige Entwicklung. Wenn wir dazu nichts sagen können, können wir unsere Aufgabe nicht erfüllen. Ingenieure oder Ökonomen alleine kommen aber in der Regel nicht mit einem Gesamtblick - wir brauchen sie aber alle: die Ingenieure für die technischen Lösungen, die Ökonomen für die Anreizsysteme, die Philosophen für die Ethik, die Sozialwissenschaftler für die Gestaltung der Institutionen unserer Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen auch, für die Transformation sei nicht nur Technik, sondern auch mehr soziale Kompetenz, Empathie und Solidarität nötig. Müssen wir menschlicher werden, um die Digitalisierung zu meistern?

Messner: Die Herausforderungen der Digitalisierung sind jedenfalls nicht mit den Werkzeugen der Digitalisierung zu lösen. Wir müssen unsere Gesellschaften widerstandsfähig machen, mehr kommunizieren und uns daran orientieren, die Leitplanken des Erdsystems einzuhalten.