Künftiger Chef des Umweltbundesamts "Weniger Fleisch, weniger Fernreisen, weniger tonnenschwere Pkw"

Dirk Messner wird Anfang 2020 Präsident des Umweltbundesamts. Damit Deutschland in der Klima- und Umweltpolitik wieder Vorreiter wird, nimmt er jeden Einzelnen in die Pflicht - und will unangenehme Debatten anstoßen.
Schwere Last für den Planeten: "Als Bürger können wir entscheidend zur Nachhaltigkeit beitragen: weniger Fleisch, weniger Fernreisen, weniger tonnenschwere PKW - Verhaltensänderungen sind ein schwieriges Thema"

Schwere Last für den Planeten: "Als Bürger können wir entscheidend zur Nachhaltigkeit beitragen: weniger Fleisch, weniger Fernreisen, weniger tonnenschwere PKW - Verhaltensänderungen sind ein schwieriges Thema"

Foto: Luis Diaz Devesa/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Herr Messner, ab Januar sind Sie Deutschlands oberster Umweltbeamter. Was wollen Sie erreichen?

Messner: Wir stehen vor riesigen Umbrüchen. Wie wir Energie erzeugen, welche Landwirtschaft wir betreiben, wie wir uns fortbewegen und Städte entwickeln - das alles wird und muss sich grundsätzlich verändern. Ich möchte vor allem dafür sorgen, dass Politik und Gesellschaft Zugang zu dem nötigen wissenschaftlichen Fachwissen haben, um die richtigen Antworten auf die Herausforderungen zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland hält sich ja oft für grüner, als es ist. Müssen wir unser Selbstbild korrigieren?

Messner: In der Umwelt- und Klimapolitik war Deutschland mal Vorreiter. Aber inzwischen sind Länder wie Großbritannien, die skandinavischen Staaten oder sogar China in Teilbereichen deutlich progressiver als wir. In Deutschland wird diese Entwicklung gern verdrängt. Deshalb müssen wir jetzt schneller werden, bei Investitionen in kohlenstoffarme Industrien oder bei der Verbindung von künstlicher Intelligenz mit Nachhaltigkeits-Innovationen. Wenn wir das hinkriegen, dürfen wir uns auch wieder Nachhaltigkeitschampion nennen.

Zur Person
Foto: Stefan Boness/Ipon /imago image

Dirk Messner sitzt dem "Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen" (WBGU)der Bundesregierung vor. Der Politikwissenschaftler lehrt an der Universität Duisburg/Essen und ist Direktor des "Institute for Environment and Human Security" an der Uno-Universität in Bonn. Im Januar wird Messner Präsident des Umweltbundesamts (UBA)

SPIEGEL ONLINE: Derzeit reden alle von Klima, Diesel und Glyphosat. Welche Aspekte werden in der Umweltdebatte vernachlässigt?

Messner: Wir brauchen neben technologischen Großprojekten wie der Energiewende, die für die meisten Menschen eher abstrakt und in ihrem Alltag nicht direkt spürbar ist, auch ganz einfach einen anderen Lebensstil. Wir werden über die Veränderungen von Gewohnheiten sprechen müssen, und da wird es schwierig. Als Bürger können wir entscheidend zur Nachhaltigkeit beitragen: weniger Fleisch, weniger Fernreisen, weniger tonnenschwere Pkw - Verhaltensänderungen sind ein schwieriges Thema.

SPIEGEL ONLINE: Kann und soll eine wissenschaftliche Beratungsinstitution Lebensstile verändern?

Messner: Das machen die Menschen besser selbst. Aber wir müssen Debatten anstoßen, die dann zu Veränderungen führen können: indem wir aufklären, was unsere Ernährung oder unsere Mobilität für das Erdsystem bedeuten. Das hat in manchen Bereichen ganz gut funktioniert. Die Klimadebatte in Deutschland basiert auf der Arbeit, die die Wissenschaft seit 40 Jahren leistet. Das können sich alle Forscherinnen und Forscher wirklich auf die Fahnen schreiben. Sie haben dazu beigetragen, dass ein großer Teil der Bevölkerung und manche Unternehmen begriffen haben, dass es so nicht weiter geht. Ähnliche Prozesse des Nachdenkens können wir auch bei Lebensstilen anstoßen - und sie mit attraktiven Zukunftsperspektiven verbinden.

SPIEGEL ONLINE: Bisher hat das UBA eher beschrieben, was passiert. Soll sich das ändern?

Messner: Ja. Wir müssen auch die Auseinandersetzung über Normen und Werte in die Gesellschaft tragen und helfen, nationale wie internationale Koalitionen von Akteuren zu schmieden, die für den Klima- und Umweltschutz etwas bewegen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Art von aktiver Steuerung der Transformation bei Ihrem neuen Arbeitgeber, der Bundesregierung, schon angekommen?

Messner: Ich glaube schon. Die große Klimadiskussion und "Fridays for Future" erzeugen Druck - das beschleunigt und verändert alles. Jede Partei, mit Ausnahme der AfD, redet über Klimaschutz, in anderen Bereichen kommt diese Diskussion auch bald. Jetzt steht endlich im Mittelpunkt, wie wir die Ziele praktisch erreichen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir das in vielen Punkten noch gar nicht wissen: Wie genau soll eine Landwirtschaft aussehen, die 10 Milliarden Menschen ernähren kann und einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck hinterlässt? Das ist noch unklar.

SPIEGEL ONLINE: Umweltfragen sind auch Machtfragen. Müsste das UBA in Ihrer Logik nicht gegenüber anderen Behörden wie dem Kraftfahrtbundesamt weisungsbefugt sein?

Messner: Das ist nicht notwendig. Umweltpolitik ist eine Querschnittsaufgabe, die alle angeht. Deswegen sind die großen Probleme auch nur durch Zusammenarbeit der Ressorts zu lösen. Das UBA kann dazu beitragen, die Diskussionen zwischen den Ministerien zu fördern. Als ich das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik geleitet habe, habe ich damit gute Erfahrung gemacht. Auch Entwicklungspolitik entscheidet sich im Zusammenwirken etwa mit dem Wirtschafts- und dem Außenministerium. Zudem haben wir eine Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung, die gerade weiterentwickelt wird. Daran müssen sich alle Behörden orientieren - und da gibt es noch einige Luft nach oben.

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