SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. Juni 2019, 16:51 Uhr

USA

Trump erschwert HIV- und Krebsforschung

Um HIV, Alzheimer und Krebs zu erforschen, verwenden Wissenschaftler mitunter das Gewebe abgetriebener Föten. Die US-Regierung will nun mehreren Institutionen die Gelder dafür streichen.

Die US-Regierung will die Forschung der National Institutes of Health am Gewebe von Föten beenden. Ein langjähriger Vertrag mit der University of California in San Francisco, der die Arbeit an solchem Gewebe bislang mit zwei Millionen US-Dollar jährlich (etwa 1,8 Millionen Euro) gefördert hat, wurde den Angaben zufolge bereits gekündigt.

Fetale Zellen stammen von Ungeborenen ab der 9. Schwangerschaftswoche und werden etwa nach Schwangerschaftsabbrüchen gewonnen. Abtreibungsgegner fordern seit Längerem ein Ende der Forschung mit solchem Gewebe. Wissenschaftler betonen dagegen, dass es essenziell sei für die HIV-, Alzheimer- und Krebsforschung sowie für die Entwicklung neuer Impfstoffe. Auch wie das Zikavirus von der Mutter aufs Kind übergeht, könne nur mithilfe des Materials erforscht werden.

Bei den National Institutes of Health seien drei Forschungsprojekte von dem Vorhaben der US-Regierung betroffen, sagte eine Sprecherin des amerikanischen Gesundheitsministeriums. Die Wissenschaftler dürften aber weiterarbeiten, bis vorrätiges Gewebe verbraucht sei. Laut der Nachrichtenagentur AP hat Donald Trump sich persönlich für die verschärften Regeln eingesetzt.

Nicht davon betroffen seien 200 von der Regierung geförderte, externe Projekte mit Fötengewebe - etwa an anderen Universitäten. Auch private Institute könnten uneingeschränkt weiterforschen, hieß es. Künftig solle aber stärker überprüft werden, in welchen Fällen staatliche Fördergelder in die Projekte fließen. Es müsse nach Alternativen zu fetalem Gewebe gesucht werden. Die Regierung nannte ethische Gründe für ihre Entscheidung, führte das aber nicht weiter aus.

Privat darf weiter geforscht werden

Laut "New York Times" haben die National Institutes of Health im vergangenen Jahr 100 Millionen US-Dollar (etwa 88 Millionen Euro) in Forschung mit Fötengewebe investiert.

Während Abtreibungsgegner Trumps Vorstoß begrüßen, kritisieren Wissenschaftler die Entscheidung: "Es ergibt keinen Sinn, wertvolle Forschung zu verbieten, wenn das Gewebe der Föten ohnehin entsorgt wird", sagte Lawrence Goldstein von der University of California. Sam Hawgood, Kanzler der Universität, sagte, er halte die Entscheidung für politisch motiviert, kurzsichtig und unwissenschaftlich.

Die Universität hat die Fördergelder bislang genutzt, um mithilfe fetaler Zellen das menschliche Immunsystem in Mäusen nachzubilden und so HIV zu erforschen.

Hintergrund der schärferen Regeln für die Wissenschaft ist ein erbitterter Streit über Abtreibungen in den USA. Beispielsweise der Staat Alabama will Schwangerschaftsabbrüche fast komplett verbieten, auch nach Vergewaltigungen. Das widerspricht jedoch einer Entscheidung des obersten Gerichts der USA, das Abtreibungen im ganzen Land erlaubt (mehr dazu lesen Sie hier).

jme/Reuters/AP

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung