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28. Oktober 2018, 18:25 Uhr

Trump und die Rohrbomben

Die Politik der Entmenschlichung

Eine Kolumne von

Trägt US-Präsident Trump eine Mitschuld daran, dass jemand in den USA Paketbomben an seine Kritiker schickt? Die einschlägige Forschung spricht dafür. Der Terror war abzusehen.

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"Es ist genau diese ungeheuerliche Verbindung von Mord und Moral, von Verbrechen und Anständigkeit, die den Kern der Täter-Mentalität trifft."

Der Historiker Konrad Kwiet in der "Enzyklopädie des Nationalsozialismus"

Die wenigsten Menschen, die anderen schlimme Dinge antun, betrachten sich selbst als böse. Im Gegenteil: Die Selbstwahrnehmung vieler Täter, von Psychopathen, Berufskillern und gewalttätigen Satanisten vielleicht abgesehen, ist eine völlig andere: Sie tun, was getan werden muss. Sie bekämpfen einen Feind, der - ihrer Wahrnehmung zufolge - eine schlimme Bedrohung darstellt.

Terroristen etwa sehen sich bekanntlich selbst als Freiheitskämpfer, womöglich als Märtyrer: für das Welt-Kalifat, die klassenlose Gesellschaft, das "Volk", oder was auch immer.

Extrembeispiel Himmler

Das vermutlich extremste historische Beispiel für diese Realitätsverdrehung sind die sogenannten Posener Reden, in denen Heinrich Himmler im Jahr 1943 SS-Offizieren zu erklären versuchte, dass der organisierte Massenmord an Millionen von Juden eine Heldentat sei: Die eigenen Untaten, die Konfrontation mit Leichenbergen "durchgehalten" zu haben, das sei "ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."

Um dieses Ausmaß an Perfidie zu erreichen, um Genozid zum "Ruhmesblatt" umzudeuten, nutzten Hitler und seine Gefolgsleute eine Technik, die auch davor und auch danach immer wieder eingesetzt worden ist, um Menschen zu Untaten zu motivieren: die Entmenschlichung der Opfer. Himmler nannte Juden unter anderem "Bazilllen" im "deutschen Volkskörper".

Kakerlaken, Feinde und Barbaren

Das Prinzip Entmenschlichung wird international angewandt: Die Hutu in Ruanda nannten die Tutsis, die schließlich einem Genozid zum Opfer fielen, "Kakerlaken". Selbst in den USA, die keinesfalls mit dem Naziregime auf eine Stufe gestellt werden können, nutzen Menschen solche Methoden. Sogar schon vor der Wahl des US-Präsidenten Donald Trump haben die Sozialpsychologen Nour Kteily und Emile Bruneau nachgewiesen, dass seine Unterstützer Muslime und Mexikaner "unverhohlen entmenschlichen". Das aber hat Konsequenzen: Unterstützung für "Maßnahmen" wie Folter und andere Gewalt etwa.

Die kleinere Lösung, die oft aber ähnlich effektiv ist, ist die kollektive Abwertung der Gruppe, die man gern ungestraft attackieren können möchte.

"Barbaren" - der Begriff stammt aus einem politikwissenschaftlichen Modell - werden zum Beispiel als stark, aber kulturell unterlegen eingestuft, als gewalttätig, skrupellos, irrational und ungezielt destruktiv. Kommt Ihnen das bekannt vor? Fällt Ihnen womöglich eine deutsche Partei ein, die eine bestimmte Bevölkerungsgruppe so darzustellen versucht?

Ein anderes Beispiel, das aktuell in den USA in schrecklichem Detailreichtum zu beobachten ist: Das Gruppen-Image "Feind", also "feindselig, manipulativ, oportunistisch und nicht vertrauenswürdig". Das Ziel einer solchen Charakterisierung sei es oft, "einen Angriff als Reaktion zu rechtfertigen", glauben Sozialpsychologen. Auch das klingt furchtbar bekannt.

"Volksfeinde", "Crooked Hillary", "Fake News"

US-Präsident Donald Trump operiert permanent mit beiden Feindbildern. Immigranten und Muslime stellt er als Barbaren dar. Mal nennt er Mexikaner "Drogendealer, Kriminelle und Vergewaltiger", mal spricht er von einem "Angriff", dem er militärisch begegnen werde, weil mehr als 5000 Menschen aus Honduras gerade auf dem Weg zur Südgrenze der USA sind.

Eine andere Gruppe bezeichnet Trump bekanntlich sogar explizit als "Feinde des Volkes": Journalisten. Zum "Feind"-Image gehört, dass die Feinde zwar als ähnlich mächtig wie die eigene Gruppe betrachtet werden - anders als die Barbaren -, jedoch gleichzeitig als "böse und amoralisch", immer bereit, die eigenen Ziele auf opportunistische Weise zu verfolgen .

Sehr viel präziser kann man das Bild, das Trump von seinen Kritikern und von Journalisten zeichnet, kaum beschreiben. Die repetitive Rhetorik von der "Betrügerischen Hillary" ("Crooked Hillary") über "Volksfeinde" bis "Fake News" dient nur einem Ziel: Kritiker zu Feinden zu erklären, die bekämpft werden dürfen, ja müssen.

Und dann kommen die Rohrbomben

Es gibt keine Hinweise, dass Donald Trump mit einem Genozid liebäugelt, und möglicherweise soll seine fortgesetzt aggressive Rhetorik eher der Pflege seines Egos und der eigenen Basis dienen. Der Effekt aber ist ein anderer: Irgendwann fühlt sich dann doch jemand, und sei es jemand sehr Verwirrtes, zum Helden berufen.

2016 spazierte ein Mann mit einem Sturmgewehr in eine Pizzeria in Washington und begann zu schießen, weil er Anti-Clinton-Verschwörungstheorien über einen Kinderschänderring geglaubt hatte. Eine elaboriertere, weit größere Version der Kinderschänder-Verschwörungstheorie ist unter dem Namen "QAnon" bis heute im Umlauf - bei Pro-Trump-Veranstaltungen tauchen ihre Anhänger in Scharen auf.

Und jetzt hat jemand, jemand, allem Anschein nach ein glühender Verehrer Trumps und großer Fan von Fox News, Rohrbomben an mindestens zehn Personen verschickt, die vor allem eines gemeinsam haben: ihre kritische Haltung gegenüber Trump.

Wenn man Menschen lang genug als "Feinde" bezeichnet, wird es irgendwann jemand glauben - und Gewalttaten nicht nur für verzeihlich, sondern für notwendig halten. Es dürfte ein historisch weitgehend einmaliges Ereignis sein, dass ein US-Präsident Terrorakte im eigenen Land inspiriert. Trumps zweite Reaktion auf die Bomben war dieser Tweet: "Ein sehr großer Teil des Ärgers, den wir heute in unserer Gesellschaft feststellen, wird verursacht durch die absichtlich falsche und ungenaue Berichterstattung in den Mainstream-Medien, die ich als Fake News bezeichne."

Es sieht nicht aus, als ob er sein Verhalten ändern wird.

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