Dreck in Delhi Indiens Flüsse ersticken im Müll

Aus Neu-Delhi berichtet Daniel Pepper

2. Teil: Bakterien-Seuche und gebremstes Wirtschaftswachstum - die Folgen der Umweltverschmutzung in Indien


"Die Euphorie wird ein wenig gedämpft, wenn man an die Umweltzerstörung denkt", sagt Gupta. Denn beziehe man in die Wachstumsrate auch die Umweltschäden mit ein, blieben von Indiens steilem Wachstum von jährlich neun Prozent unter dem Strich nur noch mittelmäßige 4,5 Prozent.

Das Problem mit den verschmutzten Flüssen wurzelt vor allem in den - ungeklärten - Abwässern. Proben, die jüngst vom Ganges in der Nähe von Varanasi genommen wurden, zeigen, dass der Gehalt an den gefährlichen fäkalen Kolibakterien teilweise 3000 Prozent über dem Wert liegt, der für ein sicheres Bad angegeben wird.

Wie die Bakterien-Anzahl so in die Höhe schnellen konnte, zeigt sich beispielsweise in Indiens Hauptstadt Delhi: Nur 55 Prozent der 15 Millionen Einwohner sind an das Klärsystem der Stadt angeschlossen. Die übrigen kippen ihr Badewasser, ihre Abwässer und alles andere in den Ausguss. Alles ergießt sich in den Yamuna.

Drei Milliarden Liter Schmutz pro Tag in einen Fluss gepumpt

Nicht, dass man die Probleme am Yamuna-Fluss in Neu Delhi völlig ignoriert hätte. Tatsächlich sind 20 Milliarden Rupien (rund 360 Millionen Euro) für verschiedene Säuberungsversuche ausgegeben worden. Zusätzlich hat die Stadt erhebliche Mengen in neue Kläranlagen investiert. Heute ist Neu Delhi das Zuhause von fünf Prozent der städtischen Bevölkerung Indiens, rühmt sich aber 40 Prozent der Kläranlagenkapazität des Landes.

Nur ist davon das Wasser nicht sauberer geworden. 11 der 17 Kläranlagen in der Stadt sind unterfordert, ein Viertel läuft mit weniger als 30 Prozent Auslastung. Wie sich herausstellt, ist die Kanalisation der Stadt einfach nicht in der Lage, das Abwasser anzuliefern. Die Leitungen seien "verschlammt, verstopft und verrostet", sagt Arun Mathur, der Leiter der Behörde für die Wasserversorgung der Stadt.

Ein weiteres Problem stellen die wuchernden Slums Neu Delhis dar, die überhaupt nicht an die Kanalisation angeschlossen sind. Die Abwässer von "1500 ungeplanten Siedlungen finden ihren Weg in die Abflussrinnen und den Fluss", sagt Mathur zu SPIEGEL ONLINE.

Dem Centre for Science and Environment zufolge gehen zwischen 75 und 80 Prozent der gesamten Verschmutzung des Yamuna auf ungeklärte Abwässer zurück. Zusammen mit industriellen Einleitungen - und dem Müll, der in den Fluss geworfen wird - nimmt er über drei Milliarden Liter Schmutz am Tag auf. Diese Menge liegt deutlich über der Aufnahmekapazität des Flusses. Die schäumende Brühe ist so deutlich sichtbar, dass man sie sogar auf Satellitenbildern erkennen kann.

Investition in Kanalisation: "Reine Zeitverschwendung"

Die Bewohner der Stadt können nicht viel gegen die Brühe tun. Ein verwirrendes Netz aus politischen Abgesandten, öffentlich Bediensteten und gewählten Volksvertretern, die wegen ihrer kurzen Amtszeiten eine schwache Position haben, machen es beinahe unmöglich, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Wenigstens acht unterschiedliche Behörden der Stadt, des Bundesstaats und der Regierung in Neu Delhi beaufsichtigen unterschiedliche Bereiche der Yamuna-Reinigung. Sie alle konkurrieren abwechselnd um Budgets oder reichen die Verantwortung weiter, wenn die öffentliche Empörung hochkocht.

Das Problem ist mittlerweile so heikel geworden, dass Indiens höchstes Gericht - notorisch bekannt für Gesetzgebung per Urteil, wenn die Regierungsbürokratie untätig bleibt - in die Bresche gesprungen ist. Nach einem entrüsteten Artikel über den Zustand des Yamuna in der Zeitung "Hindustan Times" im Jahr 1994 hieß das Gericht im Mai diesen Jahres einen neuen Plan der Bundesregierung in Delhi gut. Er sieht den Bau kanalisierter Abscheider vor, die Abwässer aus den nicht angeschlossenen Teilen der Stadt in die Klärwerke leiten soll - was umgerechnet nochmals rund 360 Millionen Euro kosten soll.

Experten wie Sunita Narain glauben hingegen, dass es reine Zeitverschwendung ist, noch mehr Geld in Kanalisation und Abwasserbehandlung zu investieren. Sie ruft dazu auf, den gesamten Umgang mit der Verschmutzung zu überdenken, kleine Kläranlagen für einzelne Stadtviertel zu bauen und das anfallende Brauchwasser lokal wiederzuverwenden.

Indiens Premierminister Manmohan Singh scheint mit einem Herangehen im kleinen Maßstab einverstanden zu sein - und damit in dem Konflikt Innovation gegen (Groß-)Konstruktion Stellung zu beziehen. In einer Rede am Weltwassertag im März rief er Indiens Wissenschaftler und Ingenieure auf, die Wassertoilette umzugestalten.

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