Dreck in Delhi Indiens Flüsse ersticken im Müll

Indiens Wirtschaft wächst rasant - und mit ihr der Dreck: Die Umweltverschmutzung gerät außer Kontrolle. Allein in Neu Delhis Fluss Yamuna werden täglich drei Milliarden Liter Abwasser gepumpt. Dutzende indische Flüsse sterben.

Aus Neu-Delhi berichtet Daniel Pepper


In der Morgendämmerung steht der zwölfjährige Somnath Dantoso auf seinem Floß, das er aus Müll gebaut hat. Neben einer alten schmiedeeisernen Brücke wirft er zum ersten Mal an diesem Tag einen hantelförmigen Magneten in Neu Delhis Fluss Yamuna. Der Magnet sinkt neun Meter unter die tiefschwarze Oberfläche, an einem guten Tag haften sich dann rund 50 Rupien daran - etwa 90 Euro-Cent. Münzen, die Pendler als Glücksbringer hineinschmeißen. Somnath hat Routine, seit vier Jahren sammelt er die Rupien aus dem Yamuna.

"Wenn Menschen aufhören, Münzen hineinzuschmeißen, werde ich ein Lebensmittelgeschäft eröffnen", sagt der kleine, stoische Somnath. "Ansonsten werde ich das hier den Rest meines Lebens tun."

Dabei sind Münzen gar nicht die einzigen Dinge, die Somnath aus dem Yamuna holt: Der Strom ist, wie viele andere Flüsse in Indien, eher eine fließende Müllhalde. 57 Prozent des gesamten Stadtmülls finden ihren Weg in den Yamuna. Müll fließt am Ufer entlang, üblen Gestank wie aus einer Klärgrube ausdünstend - eine Verschandelung jenes Flusses, der sich 1376 Kilometer lang vom majestätischen Himalaya bis zum heiligen Ganges erstreckt. Von 1993 bis 2005 verdoppelte sich der Verschmutzungsgrad, und der Fluss wird noch weiter zugemüllt.

Allein dort, wo Somnath die Münzen sammelt, ist der Yamuna so sehr verseucht, dass Fische und andere Lebewesen nur schwer überleben.

"Der Fluss ist tot"

"Der Fluss ist tot, er wurde nur nicht offiziell eingeäschert", sagt Sunita Narain zu SPIEGEL ONLINE. Narain ist Direktorin des Centre for Science and Environment in Neu Delhi, einer von Indiens bekanntesten Umweltorganisationen. Der Yamuna ist kein Einzelfall: In Indien landen durchschnittlich 80 Prozent des Stadtmülls in den Flüssen. Weil im ganzen Land die Städte ungebremstt wachsen und die Regierung nur mangelhaft kontrolliert, wird das Problem noch schlimmer. Immer mehr indische Gewässer sind zum Baden und Trinken ungeeignet. Und im Ganges, der den Hindus heilig ist, sinkt die Delfin-Population wegen der Verschmutzung so schnell, dass ihre Art dieses Jahr von "gefährdet" auf "vom Aussterben bedroht" hochgestuft wurde.

Auch die Luftverschmutzung ist ein größer werdendes Problem. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Ruß und Smog das Wetter in Nordamerika beeinflussen. Näher an der Quelle aber sind die Auswirkungen besonders gut sichtbar: Die Reisernte in Südindien geht zurück, sobald braune Wolken die Sonne verdunkeln. Und das leuchtende Weiß des Taj-Mahal-Tempels, der gerade erst in die Riege der neuen sieben Weltwunder gewählt wurde, verkommt zu einem blassen Gelb.

Laut Shreekant Gupta, einem auf Umwelt spezialisierten Professor an der Delhi School of Economics, würde Indiens Bruttoinlandsprodukt um vier Prozentpunkte sinken, wenn man die Umweltschäden einrechnen würde. Hauptverantwortlich seien verlorene Produktivität wegen Tod und Krankheiten sowie über das Wasser übertragene Krankheiten, die in Indien der Hauptgrund für Kindersterblichkeit sind. Nach Angaben der Vereinten Nationen sterben jährlich rund 13 Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Umweltverschmutzung - die weitaus meisten an Wasser- und Luftverpestung.

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