Drogen und Aufputschmittel Die gedopte Elite

Große Teile der Bevölkerung helfen schon heute ihrer Hirnleistung chemisch auf die Sprünge – mit zugelassenen Medikamenten oder illegalen Drogen. Künftig dürfte die Auswahl noch größer werden - denn Pharmaunternehmen wittern einen gewinnträchtigen Zukunftsmarkt.
Von Veronika Szentpétery

Der IT-Spezialist will sich über die Zeit retten: "Er kommt seit fünf Jahren. Gerade gestern war er wieder da und wollte für weitere zwei Jahre fit gemacht werden. Danach will er in den Ruhestand gehen", erzählt Professor Hinderk Emrich, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Der Betroffene sei einerseits ein sehr leistungsstarker Mensch, andererseits von Depressionen und Angstzuständen geplagt. Eigentlich, sagt Emrich, hätte er schon lange nur eingeschränkt arbeiten dürfen, "aber er wollte die Familie ernähren". Sein Patient griff zu Opiaten und Medikamenten. Fünf Jahre lang hielt er damit den Druck aus, dann brach er zusammen und suchte Hilfe bei Emrich.

Für Emrich bedeuten solche Fälle ein ethisches Dilemma: "Soll ich ihm helfen oder ihn nur wieder fit machen?" Helfen hätte bedeutet, den Patienten für mehrere Wochen aus seiner Stresssituation herauszuholen. Aussetzen kam für den Mann allerdings nicht infrage – er wollte einfach nur wieder funktionieren. Emrich bestellte den Computerprofi schließlich für ein paar Tage in die Klinik, verschrieb ihm Medikamente gegen die Depression, die Angstzustände, die Schlafstörung und auch zur Leistungssteigerung, die ihn arbeitstauglich machen sollten, verknüpfte die Pharmabehandlung aber mit einer psychiatrischen Beratung. "Könnte er angstfrei leben, bräuchte er weniger Behandlung. Trotzdem will er sogar mehr leisten als andere. Es ging tatsächlich nicht nur um Symptomlinderung, sondern auch um Leistungssteigerung", sagt Emrich.

Leistungssteigerung ist das Stichwort: Während der aktuelle Suchtbericht der Bundesregierung Medikamentenmissbrauch noch hauptsächlich als Problem alter Menschen darstellt, berichten Emrich und andere Ärzte von einer zunehmenden Zahl von organisch weitgehend gesunden Spitzenkräften, die nach Mitteln verlangen, mit denen sie noch besser werden oder das hohe Niveau dauerhaft halten können. Das gilt anscheinend vor allem für Leute vom Fach: In einer – nicht repräsentativen – Umfrage der Fachzeitschrift "Nature" gab jeder fünfte Forscher an, schon mit Hirndoping experimentiert zu haben, zwölf Prozent betreiben es regelmäßig.

Das Bedürfnis, dem eigenen Gehirn chemisch auf die Sprünge zu helfen, ist alles andere als neu: Kaffee und Energiegetränke zum Wachbleiben, Traubenzucker für die Konzentration, Alkohol zum Entspannen und pflanzliche Präparate bei leichten Gedächtnisstörungen und Gemütsschwankungen sind so verbreitet wie gesellschaftlich akzeptiert. Dazu kommen in bestimmten Branchen illegale Drogen wie Kokain oder die Aufputschmittel Speed oder Ecstasy. Die beiden letzteren sind Derivate des einst als Anti-Asthma-Mittel entwickelten Amphetamins (siehe Grafik). Für Nachschub in dieser Richtung scheint gesorgt zu sein: Die Pharmaindustrie, immer auf der Suche nach lukrativen neuen Mitteln, bereitet laut einer Erhebung des Pharmaunternehmens Novartis nicht weniger als 600 neue Medikamente für bessere kognitive Fähigkeiten bei Krankheiten wie Alzheimer vor.

Noch ist das sogenannte Neurodoping hierzulande nicht die Regel. Doch Psychiater berichten, dass die Grenze zwischen Medikamenten und Drogen sowie zwischen krank und gesund verschwimmt – ähnlich wie zuvor schon der Unterschied zwischen Wiederherstellungs- und Schönheitschirurgie oder Erektionsstörungen und dem Wunsch, allzeit sexuell bereit zu sein. Müdigkeit und mangelnde Konzentration werden zu Symptomen, die es zu beheben gilt. Die Online-Foren sind voll von experimentierfreudigen Menschen, die sich Tipps geben, mit welchem Medikament es sich am besten lernen, am längsten arbeiten und am zuverlässigsten Prüfungsangst ausschalten lässt, zuweilen in beängstigend sorgloser Kombination.

In Deutschland werden Medikamente, die in die Gehirnchemie eingreifen, zwar restriktiv gehandhabt – sie fallen wegen Suchtgefahr meist unter das Betäubungsmittelgesetz, sodass sich verschreibende Ärzte ohne triftige medizinische Gründe für den Einsatz strafbar machen würden. Doch es ist keine allzu große Herausforderung, die sogenannten smart pills in Online-Apotheken aus Indien oder Panama zu finden und zu bestellen.

Wohl auch deshalb hat sich der weltweite Umsatz mit einem Medikament des US-Unternehmens Cephalon seit dem Jahr 2000 von 70 Millionen Dollar auf 850 Millionen Dollar mehr als verzehnfacht: Provigil (in Europa: Vigil) wurde zur Bekämpfung der Schlafkrankheit Narkolepsie entwickelt, unter der aber etwa in den USA nur 0,05 Prozent der Bevölkerung leiden. Trotzdem liegt der US-Umsatz bei 800 Millionen Dollar – das lässt sich kaum damit erklären, dass das Mittel inzwischen auch gegen die Folgen von Schichtarbeit und nächtliche Atemaussetzer zugelassen ist. Tatsächlich warb Cephalon in einer Ärzte-Broschüre dafür, dass sich Provigil auch für andere Schlafstörungen eignet, bis die Aufsichtsbehörde FDA diese Praxis Anfang 2007 unterband. Dafür erreichte das Unternehmen in diesem März, dass Vigil in Deutschland nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, weil kein Suchtpotenzial nachgewiesen wurde.

Akademiker haben die Vorzüge solcher Medikamente jedenfalls längst entdeckt. Die Neuropsychologin Barbara Sahakian von der University of Cambridge wurde darauf aufmerksam, als sie zu einer Konferenz nach Florida flog und sich über ihren spät liegenden Vortragstermin ärgerte: "Da fragte mich ein befreundeter Wissenschaftler: Möchtest du etwas von meinem Provigil haben?" Er nehme es regelmäßig gegen die Zeitverschiebungsmüdigkeit. Sahakian lehnte ab, erfuhr aber später von immer mehr Kollegen, die das Mittel nehmen, um dem Jetlag zu entgehen oder um länger arbeiten zu können. In der "Nature"-Umfrage lag unter den dopenden Forschern Ritalin – ein Amphetamin-Derivat – mit 62 Prozent vorn, gefolgt von Provigil, das 44 Prozent zu nutzen angaben.

Verlässliche Zahlen darüber, welche Berufs- oder Altersgruppen zu welchem Anteil Neurodoping betreiben, gibt es kaum. Interessanterweise aber scheinen deutsche Leistungsträger bislang weniger auf moderne Brain-Booster zu setzen als auf ältere Medikamente – und schlicht auf Illegales. MHH-Psychiater Emrich etwa beobachtet nach eigenem Bekunden seit rund zehn Jahren, dass die Zahl der Menschen zunimmt, die ihr Leben nur noch mithilfe von Medikamenten oder Drogen wie Kokain bewältigen. Um dem Druck standhalten zu können, schlucken sie tagsüber Antidepressiva und abends Benzodiazepine – Medikamente wie Valium, die angstlösend und muskelentspannend wirken.

Fast schon notorisch ist der Konsum von Kokain und anderen Aufputschmitteln in kreativen Branchen wie der Werbung. Emrich bestätigt den Verdacht, verweist aber darauf, dass auch ganz gewöhnliche Manager nicht selten dem weißen Pulver zugeneigt sind. "Es soll die Leistung und die Kreativität steigern", erklärt Emrich. Zudem könne man es über Jahre hinweg konsumieren, ohne dass es Außenstehenden auffällt.

Hoffen auf die schnelle Lösung

Auch Bernd Sprenger, Chefarzt der auf Suchterkrankungen und Burnout spezialisierten privaten Oberbergklinik in Wendisch Rietz, sieht heute mehr kokainabhängige Manager vor sich als früher – mittlerweile etwa 30 im Jahr, wie er sagt. Seine Klinik, idyllisch gelegen am Glubigsee eine knappe Autostunde südöstlich von Berlin, befindet sich in einem Erholungsgebiet. Links und rechts von ihren Gebäuden stehen Häuser eines Ferienparks. In der Klinik, die früher auch ein Hotel war, herrschen sanfte Pastelltöne vor, alle Patientenzimmer liegen auf der Seeseite.

Sprenger erklärt engagiert. Und was er zu erzählen hat, passt ins Bild: In die Klinik kommen nur wirklich ernste Fälle – und selbst die haben häufig die Vorstellung, dass ein paar Tabletten sie in ein paar Tagen schon wieder fit machen. "Es ist ein Zeitgeist-Phänomen. Wir sind technisch denkende Menschen – ich muss es packen, notfalls mit chemischen Krücken. Problem – Pille – gelöst", sagt Sprenger. Diese Haltung sei nicht nur "bei der Funktionselite" zu erkennen: "Das geht quer durch den Garten. Wir sehen auch viele Lehrer, Polizisten, Ärzte, Mittelständler – und auch mal einen Beamten aus dem Auswärtigen Amt oder einen Vorstand eines Dax-Unternehmens." Was die Leute nehmen? "Längst nicht immer illegale Drogen", sagt auch Sprenger, "Ich nenne es Alltagsdoping: Alkohol, Nikotin und legale Medikamente. Dazu gehören Benzodiazepine, also Beruhigungsmittel wie Valium, die haben ein hohes Suchtpotenzial." Dann erst kommen illegale Drogen wie Kokain und Ecstasy. Auch Smart Pills seien längst nicht so verbreitet wie in den USA, die Deutschen seien da eher "medizinskeptisch".

Die Pharmaindustrie hat massive wirtschaftliche Interessen

Wer erst einmal bei Sprenger gelandet ist, muss von der Hoffnung auf eine schnelle Lösung ohnehin Abschied nehmen. Akut Abhängige werden zunächst in einem der Intensivzimmer zur Entgiftung untergebracht. Das Suchtmittel wird sorgsam herunterdosiert, parallel dazu findet die Entwöhnung statt. Es sei ein Irrglaube, dass das Burnout-Syndrom oder Stress durch ein paar Pillen zu beheben sei, merkt der Chefarzt an. Symptome ließen sich zwar chemisch-technisch lindern, aber der Grundzustand selbst nicht. "Diese Bescheidenheit stünde der Medizin gut an", sagt Sprenger und zielt damit nicht nur auf Kollegen mit locker sitzendem Rezeptblock, sondern auch auf die Pharmaindustrie: "Die hat massive wirtschaftliche Interessen. Wenn die Patente auslaufen, suchen sie für die Medikamente neue Indikationen." Pharmavertreter, die ihm immer wieder Werbung als Wissenschaft verkauft und Nebenwirkungen heruntergespielt hätten, kämen bei ihm seit 15 Jahren nicht mehr ins Büro.

Es geht aber längst nicht mehr nur um überarbeitete Manager und überehrgeizige Forscher. Einen viel größeren Markt machen alte Menschen aus. Für diese Zielgruppe schuf die Pharmaindustrie bereits den Krankheitsbegriff "mild cognitive impairment", die leichte Gedächtnisstörung. Tatsächlich steht aufgrund des immer genaueren Verständnisses der molekularen Grundlagen des Lern- und Erinnerungsvermögens zu erwarten, dass die nächsten Medikamente, die auch beim kognitiven Aufrüsten von Gesunden eine Rolle spielen werden, aus der Neuroforschung stammen werden.

Viele Medikamente, die die kognitiven Fähigkeiten zum Beispiel von Demenzkranken verbessern sollen, verstärken die Wirkung von Botenstoffen (Neurotransmittern) an den Verbindungen (Synapsen) zwischen Nervenzellen. Auf diese Weise sollen die Schaltkreise für Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis positiv beeinflusst werden. Ein Ansatzpunkt ist etwa der Botenstoff Acetylcholin: Damit er länger wirkt, hemmen Medikamente wie das Alzheimer-Mittel Donepezil das Acetylcholin abbauende Enzym Cholinesterase. Erste Tests mit Piloten, die nach Einnahme von Donepezil im Flugsimulator bessere Ergebnisse erzielten, waren vielversprechend, doch das Mittel löste auch Übelkeit aus.

Ohnehin könnten die Effekte auf Dauer zu gering sein, denn die kognitive Leistung lässt sich über die Neurotransmitter-Schiene nicht linear steigern. Vielmehr gilt eine Glockenkurve: Es existiert ein Dosis-abhängiges Optimum, ein Zuviel oder Zuwenig an Botenstoffen hingegen mindert ihre Wirkung. Zudem variieren die Idealwerte für die Botenstoffe je nach kognitiver Aufgabe, sodass die Verbesserung einer Fähigkeit wohl immer auf Kosten einer anderen gehen wird. Auch viele der neuen Hoffnungsträger in den Wirkstoffpipelines der Pharmaindustrie konnten die in sie gesetzten Hoffnungen bislang nicht erfüllen. Die US-Unternehmen Helicon Therapeutics und Memory Pharmaceuticals etwa setzen nicht bei den Synapsen an, sondern bei den mit Lernen in Verbindung gebrachten Molekülen innerhalb der Neuronen. So sollte zum Beispiel die Produktion des Proteins CREB angekurbelt werden; als Transkriptionsfaktor reguliert es Gene, die die Verstärkung von synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen bewirken. Doch die Enzymhemmer, die für den CREB-Anstieg sorgen sollten, taten dies nicht an den richtigen Stellen – und seither hört man von den Substanzen nicht mehr viel. Auch die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten Ampakine von Cortex Pharmaceuticals, die das Gedächtnis über die Glutamatrezeptoren im Gehirn verbessern sollten, haben nicht überzeugt.

Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass scheinbar vielversprechende Kandidaten bei der weiteren Prüfung durchfallen. Angesichts von 600 potenziellen Hirndoping-Pillen ist zu erwarten, dass einige davon besser wirken als die heutigen. Wird es also eines Tages normal sein, Wach- und Schlaumacher so selbstverständlich einzunehmen wie Aspirin? "Das wird so kommen", sagt MHH-Professor Emrich, "jeder muss das moralisch selbst entscheiden. Aber sonst müsste man Alkohol auch verbieten, das ist ja auch ein gutes Schlaf- und Beruhigungsmittel." Vorausgesetzt, dass kein Schaden für den Betroffenen selbst oder andere entsteht und die Nebenwirkungen gering bis vertretbar sind, spricht nichts dagegen, seinem Gehirn mit Medikamenten auf die Sprünge zu helfen, findet auch Burnout-Experte Sprenger. Nur: "Das Dumme ist, es gibt dieses Medikament nicht." Denn zumindest die heute verfügbaren Neurodoping-Pillen haben alle ihre Nebenwirkungen.

Langfristig wird sich der Trend wohl trotzdem nicht aufhalten lassen. Denn wie die Beliebtheit selbst illegaler Hirndopingmittel zeigt, sind nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung bereit, für bessere Leistung Gefahren in Kauf zu nehmen und sogar Gesetze zu brechen. Die ärztlich kontrollierte Verschreibung zugelassener Pharmazeutika auch an nicht Kranke wäre so gesehen das kleinere gesellschaftliche Übel. Letztlich müsste dann tatsächlich jeder selbst entscheiden, wie viel er aus seinem Gehirn herausholt – und ob er es womöglich so weit kommen lassen will, dass er den erholsamen Spaziergang am See nicht aus Vergnügen, sondern als Patient einer Burnout-Klinik macht.


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