Druiden-Archäologie Mysteriöses Miraculix-Grab verzaubert Forscher

Druiden gehörten bislang ins Reich der Mythologie - noch nie haben Archäologen nachweisen können, dass es sie wirklich gab. Jetzt haben Ausgräber im antiken Colchester das Grab eines mächtigen Heilers gefunden. War er einer der rätselhaften Druiden?

Es gibt einen Witz unter Archäologen: Finden zwei Archäologen der Zukunft ein öffentliches Toilettenhäuschen von heute. "Wir haben ein Heiligtum gefunden!" jubelt der eine. "Sieh mal, es hat zwei getrennte Eingänge", sagt der andere. "Dieser hier" - er zeigt auf die Tür mit dem Piktogramm der Frau - "war für die Priester. Das sieht man an der Figur im langen Gewand." Der Witz weist auf einen wunden Punkt der Archäologie: Es gibt Dinge, die sich archäologisch nicht nachweisen lassen. Dazu gehören Liebe und Hass, Belohnungen und Drohungen und - Glaube. Zwar gibt es für viele Kulturen Berichte, wer wen auf welche Art und Weise geliebt, gehasst, belohnt, bedroht oder verehrt hat. Doch die sind selten von den Betroffenen selbst niedergeschrieben. Es sind in der Regel Außenbetrachtungen, voll von Missverständnissen, Missinterpretationen, Missgunst, Propaganda und falschen Fährten.

Philip Crummy ist ein Archäologe, dem so leicht keiner ein Heiligtum für ein Klohäuschen vormacht. Dabei hat der Direktor des Colchester Archaeological Trust bei seiner Ausgrabung nahe der antiken Stadt Camulodunum jede Menge Artefakte aus dem Boden geholt, die wohl fast jeden Archäologen in Versuchung geführt hätten, wenigstens ein bisschen zu spekulieren. Crummy stieß etwa 4,5 Kilometer südwestlich des heutigen Colchester auf einen kleinen, aber feinen Friedhof. Alle dort Bestatteten starben zwischen den Jahren 40 und 60 nach Christus. Für einen Friedhof ist das eine sehr kurze Lebenszeit. In Britannien jedoch eine bedeutende - denn im Jahr 43 nach Christus wurde die Insel offiziell römische Provinz.

Ungewöhnlich reiche Grabbeigaben

Wer auf dem Friedhof begraben wurde, gehörte ganz offensichtlich zur Elite jener Tage. Die Toten waren nicht einfach in Särgen bestattet, sondern in großen Grabkammern. An den Ostseiten der Kammern lagen Scherbenhaufen - die Überreste von vorsätzlich dort zertrümmertem Geschirr. Man möchte sich einen Totenschmaus ausmalen, zu dessen Finale die Trauergemeinde ihre Teller gegen die Wand der Grabkammer schmetterte. Doch "Vorsicht", mahnt Crummy. "Was genau geschah, wissen wir nicht."

Die Grabbeigaben waren ungewöhnlich reich und exklusiv. Ein Toter bekam eine Kugel Grünspan mit, entweder zu medizinischen oder kosmetischen Zwecken. Auch ein kleiner römischer Parfümflakon aus augustäischer Zeit ist dabei. Doch die Grabbeigaben waren bei weitem nicht nur für die Oberflächlichkeiten des Lebens nützlich. In einem anderen Grab lag ein Tintenfass. Ein Literat, möchte man meinen, doch wieder ist hier Vorsicht geboten: Archäologisch betrachtet ist ein Tintenfass zunächst nichts weiter als ein Tintenfass. Nichts hindert einen Analphabeten daran, sich Schillers Gesamtwerk ins Regal zu stellen.

Skalpelle, Säge, Haken, Nadeln und Pinzette

Eines der Gräber jedoch verlockt besonders zum Spekulieren - das eines Doktors. Seine Ausstattung ähnelte der des Nachbargrabes, der Ruhestätte eines Kriegers. Zumindest im östlichen Teil des Grabes, dort lagen ein elfteiliges Geschirr, ein Kupfersieb, mit dem zuletzt ein Wermut-Tee aufgegossen wurde, und eine Bronzepfanne zum Erwärmen von Wein.

In der westlichen Hälfte fanden die Archäologen ein Brettspiel. Die Steine waren einst entlang der Breitseiten ausgelegt, 13 weiße und 13 blaue. Das hölzerne Spielfeld ist schon lange zerfallen, die Spielsteine aber in den vielen Jahrhunderten kaum verrutscht. Auf das Brett hatten die Bestatter sorgfältig die verbrannten Knochen des Toten gehäuft. Und noch mehr: ein Set chirurgischer Instrumente - komplett mit Skalpellen, Säge, Haken, Nadeln und Pinzette - sowie Wünschelruten aus Eisen und aus Kupfer. Doktor ist ein Begriff, den Philip Crummy mit viel Bedacht für den Toten gewählt hat. Weniger vorsichtige Ausgräber hätten dem Kind einen anderen Namen gegeben: Druide. Das wäre eine Sensation.

Mit Druiden ist das nämlich so eine Sache. Archäologisch ließ sich ihre Existenz noch nie belegen. Geschrieben worden ist viel über sie. Hört man das Wort Druide, denkt man zunächst an Miraculix, den Druiden aus dem kleinen gallischen Dorf, das sich Dank eines Druidentranks so tapfer der Römer erwehrt. Und tatsächlich diente den Asterix-Zeichnern René Goscinny und Albert Uderzo die Beschreibung des römischen Historikers Plinius des Älteren (23 bis 79 n. Chr.) als Vorlage. Weiß gekleidet sei diese Priesterkaste, trüge eine Goldsichel und schneide Mistelzweige von Eichen. Das klingt zwar sehr schön, und Plinius kam zu Lebzeiten auch viel rum in den Provinzen - aber er war eben Römer, und deren Sicht der Welt war schon immer mit Vorsicht zu genießen.

Was ist ein Druide eigentlich genau?

Archäologen haben zwar schon viel gefunden, aber eine goldene Sichel war nie dabei. Das edle Werkzeug erwähnt auch Cäsar (100 bis 44 v. Chr.) nicht in seinem "Gallischen Krieg", der zweiten bedeutenden historischen Quelle zur Druidenforschung. In Buch 6, Kapitel 13, beschreibt er die Aufgaben der Druiden: "Den Druiden obliegen die Angelegenheiten des Kultus, sie richten die öffentlichen und privaten Opfer aus und interpretieren die religiösen Vorschriften. (...) Sie entscheiden in der Regel in allen staatlichen und privaten Streitfällen." Kein Wort von weißen Gewändern, goldenen Sicheln, Misteln oder Eichen. Auch seine Schilderung ist mit Vorsicht zu genießen - schließlich schreibt hier ein Eroberer über die Unterworfenen. 

Was wir aus der Vergangenheit über Druiden wissen, ist also kaum brauchbar. Und viel besser steht es auch nicht mit der ausufernden Literatur zum Thema aus jüngerer Zeit. "Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich ein Neo-Druidentum", erläutert Mike Pitts, Druiden-Experte und Autor eines Artikels über die Funde von Colchester in der angesehenen Zeitschrift "British Archaeology", SPIEGEL ONLINE. "Was dort an Vorstellungen über Druiden erfunden wurde, verzerrt die Sache vollends." Stonehenge und Merlin haben jedenfalls mit dem Druidentum nicht mehr und nicht weniger zu tun als die Comicfigur Goscinnys und Uderzos. "Genau das ist das Problem", erklärt Pitts. "Trotz der vielen fantasievollen Geschichten wissen wir ja nicht einmal, wonach wir eigentlich suchen müssen."

Nicht mehr keltisch, noch nicht römisch

Hier kommt das Grab von Colchester ins Spiel. Der Medicus von Camulodunum war offensichtlich ein reicher und angesehener Mann. Geht man davon aus, dass Chirurgenbesteck und Wünschelruten seinem Grab nicht nur zu dekorativen Zwecken beilagen, muss auch Heilen und Weissagen zu seinen Tätigkeiten gehört haben. Viel näher wird man archäologisch einem Druiden kaum kommen. Ausgräber Crummy ist sich dessen natürlich bewusst. "Wir wissen gar nichts über den Toten", mahnt er. "Alles ist möglich. Wir wissen ja nicht einmal, ob die Knochen einem Mann oder einer Frau gehörten."

Für ihn sind die spannenden Fragen ganz andere: "Wir sehen hier die Gräber einer Elite, die herrschte, als die Römer nach Britannien kamen. Und die Beigaben reflektieren den kulturellen Zwiespalt, in dem sie steckte." Nicht mehr ganz keltisch, aber auch noch nicht ganz römisch. Das Chirurgenbesteck ähnelt in seinen Grundzügen anderen Sets, wie sie auch am Mittelmeer gefunden wurden. Trotzdem haben die Instrumente ganz eigene Formen, die sie deutlich von ihren mediterranen Verwandten unterscheiden. "Wie war das Verhältnis dieser Menschen zu den römischen Besatzern?", fragt sich Crummy.

"Sie sahen zu Lebzeiten mit eigenen Augen, wie Kaiser Claudius an der Spitze seines Heeres in Camulodunum einritt" - am Ende gibt sich Mike Pitts doch den Spekulationen hin. "Und mit einiger Wahrscheinlichkeit haben sie Cunobelinus gekannt." Der war König der Briten, bevor die Römer kamen. Und diente auch als Vorlage für eine mythische Figur. William Shakespeare machte daraus den Cymbeline, Hauptfigur seiner gleichnamigen Tragikkomödie.

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