Druiden Mistelzweig und Menschenopfer

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Von Bernhard Maier

3. Teil: Rinderopfer und Schädelkult


Noch vor einem halben Jahrhundert erschöpfte sich unser Wissen über keltische Opferhandlungen in der Kenntnis solcher Schilderungen. Dann aber entdeckten Forscher die Kultstätte von Gournay-sur-Aronde, einem kleinen Dorf rund 75 Kilometer nördlich von Paris. Seit diesem Fund aus dem Jahr 1977, der in den darauf folgenden Jahren vollständig freigelegt wurde, rückt der Kult der Kelten zusehends in den Blickpunkt archäologischer Forschung.

Auf einem Hügel kam eine kleine quadratische Grube mit Tongefäßen zum Vorschein, die vermuten lässt, dass der Ort bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert als Kultplatz diente. Rund zwei Jahrhunderte später wurde er ausgebaut: Ein hölzerner Tempel mit quadratischem Grundriss entstand, dessen Eingang einen monumentalen, mit menschlichen Schädeln geschmückten und auf sechs Pfeilern ruhenden Portalvorbau erhielt. Den Mittelpunkt des Heiligtums bildete schon seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. eine ovale Opfergrube von drei Meter Länge und zwei Meter Tiefe. Hier deponierten die Kelten geschlachtete Opfertiere - hauptsächlich Rinder -, bis sich das Fleisch zersetzt hatte, und stellten anschließend die Schädel im Eingangsbereich zur Schau. Daneben opferten sie auch Schweine und Schafe, deren Fleisch sie bei gemeinsamen Opfermahlzeiten verzehrten.

Weitere 50 Kilometer nordöstlich lag an einem Abhang unweit des kleinen Flusses Ancre das Heiligtum von Ribemont-sur-Ancre, das ebenfalls aus dem 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr. stammt. Auch hier zogen die Erbauer ein monumentales Eingangsportal für ihre 40 auf 40 Meter große Anlage hoch, die sie obendrein mit einer drei Meter hohen Palisade und einem ebenso tiefen Graben umgaben. Genau wie beim Portal in Gournay-sur-Aronde zierten auch hier die Kelten den Eingangsbereich mit Menschenschädeln.

Überhaupt scheint der Umgang mit menschlichen Opfern zu den besonderen Obliegenheiten der Druiden von Ribemontsur-Ancre gehört zu haben: Auf einer angrenzenden Fläche kamen über 10.000 menschliche Knochen - ohne Schädel - zum Vorschein und mehrere hundert Waffen. Forscher vermuten, dass die Gebeine von gefallenen feindlichen Kriegern stammen, die die Kelten hier nach ihrer Enthauptung an der Luft mumifizieren ließen. Anschließend stellten sie sie auf einem Holzgerüst zur Schau.

"Kein Opfer ohne Eichenlaub"

Ein ähnliches Bild offenbarte sich den Entdeckern des gallischen Heiligtums nahe dem heutigen Acy-Romance in den französischen Ardennen. Neben den Überbleibseln rituell geschlachteter und gemeinschaftlich verzehrter Rinder und Pferde fanden sie auf einem freien Platz die Skelette von 19 jungen Männern, die man in stark gekrümmter Haltung mit dem Kopf zwischen den Beinen in kreisförmigen, flachen Gruben beigesetzt hatte. Obschon der schlechte Erhaltungszustand der Knochen es unmöglich machte, die Todesursache festzustellen, lässt die fehlende oder jedenfalls nur spärliche Bekleidung der Leichen sowie das Fehlen von Grabbeigaben oder anderen Habseligkeiten darauf schließen, dass in dem weitläufigen, von einer Palisade begrenzten Kultplatz keine gewöhnlichen Bestattungen stattgefunden haben. Vielmehr dürfte es sich auch hier um Menschenopfer handeln.

Die bei Weitem bekannteste, einflussreichste und zugleich ausführlichste Schilderung eines religiösen Rituals der Druiden verdanken wir indessen nicht den Archäologen, sondern dem römischen Naturforscher Plinius dem Älteren: "Nichts ist den Druiden - so nennen sie ihre Magier - heiliger als die Mistel und der Baum, auf dem sie wächst, wofern es nur eine Eiche ist. Schon deswegen wählen sie Eichenhaine und vollziehen kein Opfer ohne Eichenlaub, so dass sie vielleicht deswegen in griechischer Deutung 'Druiden' zu heißen scheinen (altgriechisch drus, 'Eiche', die Red.). Sie meinen wahrhaftig, dass alles, was auf jenen Bäumen wächst, vom Himmel gesandt und ein Kennzeichen des von der Gottheit selbst erwählten Baums sei. Eine solche Mistel wird jedoch einigermaßen selten entdeckt und wird, wenn man sie findet, mit großer Ehrfurcht aufgesucht, und zwar vor allem am sechsten Tag nach Neumond, also zu einem Zeitpunkt, an dem bei ihnen die Monate und Jahre beginnen, sowie nach Ablauf von 30 Jahren eine Generation. Zu diesem Zeitpunkt habe der Mond schon reichlich Kraft gesammelt, seine Höhe aber noch nicht überschritten. Sie bezeichnen die Mistel mit einem Wort ihrer Sprache als 'Allheiler'.

Nachdem man das Opfer und das Festmahl unter dem Baum feierlich vorbereitet hat, führen sie zwei Stiere von weißer Farbe herbei, deren Hörner dann zum ersten Mal bekränzt werden dürfen. Ein Priester in weißem Gewand steigt auf den Baum und schneidet die Mistel mit einer goldenen Sichel ab. In einem weißen Leinentuch wird sie aufgefangen. Dann schlachten sie alsbald die Opfertiere und beten, der Gott möge seine Gabe denen zum Segen gereichen lassen, denen er sie verliehen habe."

Plinius schrieb das 16. Buch seiner "Naturgeschichte" im Jahr 77 n. Chr., also zwei Jahre vor seinem Tod beim Ausbruch des Vesuvs. Dass er hier nicht als Augenzeuge spricht, sondern nur eine ältere Quelle referiert, ist kaum zu bezweifeln. Denn zu seinen Lebzeiten war den gallischen Druiden ihre Macht längst zum Verhängnis geworden: Nach anfänglichen Gängelungen durch die Kaiser Augustus und Tiberius, die den einheimischen Kult in den Hintergrund zu drängen versuchten, war es schließlich Claudius (41-54), der sie von der Bildfläche verschwinden ließ, indem er ihnen die Ausübung ihrer Tätigkeit in vollem Umfang untersagte.



insgesamt 9 Beiträge
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wakaba 29.11.2010
1. Historizismus und Historiographie.
Interessanter Trend der Geschichtler. Die Leute versuchen seit einiger Zeit eine Gleichstellung der Keltensippen mit dem S.P.Q.R. um einen Gegenentwurf zu schaffen. Die Kelten zu verstehen ist daher eigentlich nur der Interpretationsversuch der reichlich vorhandenen römischen Propaganda. Die Kelten hatten nicht viel zu bieten - das Reich war nur mässig interessiert. Die Kelten haben Cargokult betrieben. Die keltische Existenz war armselig, unterentwickelt im Vergleich zum Leben im römischen Reich. Man wollte ins Reich. Die römischen Kriege waren der Versuch der keltischen Elite die Macht zu erhalten auf Kosten aller Kelten. Mit dem Verschwinden der Druiden entledigte man sich einer menschenverachtenden Parallelelite mit Menschenopfer und rituellem Kannibalismus - selbst noch in der Neuantike. Lokale Kongregation wurde ins römische Pantheon assimiliert. Wirtschaft, Technik, Kunst, Physik und Altersvorsorge des Reichs ersetzten die dumpfe Keltenexistenz die die Druiden massgeblich durchsetzten.
kalumeth 29.11.2010
2. Heidentum spiegelt sich sogar noch im Urchristentum wieder
Zitat von sysopWer waren die Druiden? Ihre Rituale werden von den Chronisten der Antike in allen Facetten beschrieben, doch der Wahrheitsgehalt der Berichte ist dürftig. Allmählich gelingt es Historikern und Archäologen,*die einst mächtige Elite der*Kelten begreifbar zu machen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,728847,00.html
Naja, die babylonische Sternenkunde war über Handelswege sicherlich auch im keltisch-germanischen Europa bekannt. So wie die Griechen sie von den späteren Ägyptern in Alexandria lernten, taten es die übrigen europäischen Völker auch. Planetenbeobachtungen der Babylonier führte europaweit zu astrologisch basierter Planetenmystik, am besten bei den Griechen erhalten. Stonehenge sowie auch die Himmelsscheibe von Nebra zeugen von dieser Himmelsphilosophie. So waren es die Babylonierer, die zunächst die 5-Tage-Woche mit Namen der 5 sichtbaren Planten"Götter"Prinzipien einführten. Im jüngeren babylonischen Reich kamen Ehrentag für Sonne und Mond hinzu. Im Französischen spiegeln die Planeten die Wochentage heute noch wieder. mar-di = Marstag, mercre-di = Merkurtag, jeu-di = Jupitertag, engl. thursday = Thorstag, german. Gott: Donar dem Donnergott, wie griech. Zeus=Jupiter der Götterherrsche vendre-di = Venustag, engl./friday = Freia'stag der germanischen Liebesgöttin, die damit Venus/Aphrodite entspricht. Insofern ist es für mich sehr wahrscheinlich, dass die Römer unter den -möglicherweise sehr vielfältigen- Keltischen Götternamen doch immer wieder die auch bei den Römern bekannten archetypischen Charakterprinzipien wiederfanden. so wie sie nach Claus Riemann auch in europäische Märchenkultur Einzug gefunden hatten. ...so wie später auch noch Leonardo da Vinci auf seinem Abendmahlsgemälde die Jünger in Gestik und Mimik überdeutlich entsprechend der archetypisch-psychologischenen 12 Tierkreis-Charakterprinzipien ausgestaltet hat! Und zwar der Reihe nach von rechts beginnend mit Widder. Die "Sterne/Planeten von Bethlehem"! Beispielsweise entspricht damit jener jung-weiblich wirkende Johannes auf dem Bild neben Jesus auch dem 7. schöngeistig-liebreizenden 'Waage'-Prinzip; symbolisiert durch die mythologischen Eigenschaften des Planeten Venus = Freia, griech. Aphrodite. Literatur 1. ´Der tiefe Brunnen - Astrologie und Märchen´ von dem Dipl. Psychologen Claus Riemann ...gibt einen Überblick über astrologische Archetypen in europäisch/weltweiten Märchen und in griechischen Göttersagen www.vantastik.de 2.´Die Handschrift Gottes lesen - Astrologie´ Neuerscheinung von Chr. Lindemann ...befasst sich u.a. mit Kulturgeschichte der Astrologie, Fotos astrologischer Uhren im Dom zu Münster, Marienkirche zu Stendal, Straßburger Münster, u.v.a.m. 3. 'Zeichen am Himmel' (Taschenbuch, Ersterscheinung 1949) von Alfons Rosenberg - eine empfehlenswerte ausführliche Kulturgeschichte der Astrologie vom Altertum, Antike, Bibel (Stern von Bethlehem) übers Mittelalter (Hildegard v. Bingen, Luther, Melanchton, 'Das Abendmahl' von Leonardo da Vinci) bis hinein in unsere Neuzeit
thomas bode 29.11.2010
3. Spiritueller Jackpot
"Wer die Druiden waren", ist eine völlig uninteressante Frage. Ausser für Archäologen natürlich. Sie waren halt, genau wie die Priester der Skythen, Slawen, afrikanischen Stämme oder Mongolen "irgendwie". Jedenfalls nicht so, dass sie als Vorbild für uns dienen könnten, wie hier ja richtig bemerkt wurde. Es ist prinzipiell falsch, auf der Suche nach dem "richtigen Leben", in solchen räumlichen und zeitlichen Fernen zu wühlen. Das diskreditiert die, möglicherweise sinnvollen, Elemente einer Weltanschauung. Schade um die Neu-Druiden, wie in GB, die sich nur lächerlich machen mit ihrem Mummpitz. Wenn die sich politisch in einer zeitgemäßen, sozialen und ökologischen Bewegung engagieren würden, wäre es viel besser für Alle. Wenn man liest. dass die Druiden gerne über das Wesen der Dinge und den Lauf der Sterne palaverten, kommen Mitleid auf, und ein bisschen Verzweiflung,. Da tatsächlich schon damals der Hang der Menschen zur Konstruktion abwegiger Konzepte, so ausgeprägt war. Ein Stückchen authentische, schamanistische Erfahrung, etwas rational-astronomische Beobachtung (mit konkretem Nutzwert), und jede Menge wild-kreative Spekulation, aus diesem Mix bestehen fast alle Natur-Religionen. Die Lust in diesem Nebel zu stochern, in der anmaßenden Hoffnung auf den spirituellen Jackpot, haben aber auch heute noch viele..
kalumeth 29.11.2010
4. jetzt glorifizieren Sie aber das Lateinische über Gebühr
Zitat von wakabaInteressanter Trend der Geschichtler. Die Leute versuchen seit einiger Zeit eine Gleichstellung der Keltensippen mit dem S.P.Q.R. um einen Gegenentwurf zu schaffen. Die Kelten zu verstehen ist daher eigentlich nur der Interpretationsversuch der reichlich vorhandenen römischen Propaganda. Die Kelten hatten nicht viel zu bieten - das Reich war nur mässig interessiert. Die Kelten haben Cargokult betrieben. Die keltische Existenz war armselig, unterentwickelt im Vergleich zum Leben im römischen Reich. Man wollte ins Reich. Die römischen Kriege waren der Versuch der keltischen Elite die Macht zu erhalten auf Kosten aller Kelten. Mit dem Verschwinden der Druiden entledigte man sich einer menschenverachtenden Parallelelite mit Menschenopfer und rituellem Kannibalismus - selbst noch in der Neuantike. Lokale Kongregation wurde ins römische Pantheon assimiliert. Wirtschaft, Technik, Kunst, Physik und Altersvorsorge des Reichs ersetzten die dumpfe Keltenexistenz die die Druiden massgeblich durchsetzten.
Sie verwechseln wohl die neuen Eliten des Römischen Reichs mit den oftmals leibeigenen Bauern, denen der Zins für die Altersvorsorge der Legionäre, später für die Ritter abgepresst wurde. Waren die hundert- ja tausenfachen-fachen Kreuzigungen des Römischen Reichs, die Tötungsspektakel im Kolosseum, bzw. die späteren "Hexen"/Heidenverbrennungen bis ins 17. Jahrhundert hinein keine Menschen, die der Glorie und Allmacht von Kaiser (und Päpsten) GEOPFERT wurden? Technik, Kunst, Wissen und Physik hatten die Römer lediglich von den anderen Kulturnationen der Antike abgeschaut und kriegerisch einverleibt, bzw zum Teil auch unterdrückt: z.B. von den Griechen und den Ägyptern, die bereits wussten dass die Erde eine Kugel war. Die effektivsten Armeen und Tötungsmaschinerien, das muß man ihnen lassen, hatten in der Tat die Römer! Wen -nachempfunden- die ältere Kultur interessiert, hier noch ein Literaturnachtrag: 'Der Hexenkult Als Ur-Religion Der Grossen Göttin' Autorin "Starhawk", Dipl. Psych. und Dozentin am Institute for Culture and Creation Spirituality, Oakland, Kalifornien. Magie, Rituale, Entsprechungen.
Themostikles 29.11.2010
5. "Stellt man die entscheidenden Fragen,
- verweigern die Quellen die Auskunft und lassen den Leser ratlos zurück". - So ist es, lieber Spiegel-Journalist. Warum habt Ihr Eure magere Kenntnis über 5 Seiten ausgewalzt? Phytagoras ist den Gymnasiasten allein wegen des "Satzes" geläufig, den Römern war er für vieles andere bekannt, er war Universalgelehrter. Der rechte Winkel und seine Konstruktion war jedem Volk bekannt, das ihn anwandte. Phytagoras war nicht der Erfinder, der hat einige tausend Jahre vorher gelebt. - Banalitäten. Was habt Ihr über den Wissenstand des Lesers von "Asterix und Obelix" hinaus ausgesagt? - Gebt Euch doch mehr Mühe!
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