Christian Stöcker

Zerstörung in Rekordtempo Willkommen in Ihrer neuen Realität

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Viele Menschen wähnen sich in einer Welt, die längst nicht mehr existiert. Einer stabilen Welt, mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Berechenbar, planbar. Darunter sind leider weite Teile der politischen Elite.
Schmelzende Gletscher, trockene Böden, brennende Wälder: Nicht mehr ungewöhnlich

Schmelzende Gletscher, trockene Böden, brennende Wälder: Nicht mehr ungewöhnlich

Foto: Sid10 / Panthermedia / IMAGO; Robert Kalb / IMAGO; Europa Press News / Getty Images

»Wir machen weiter bis zum letzten Mann, jedes Molekül Kohlenwasserstoff wird herausgeholt.«
Abdulaziz bin Salman, der saudische Energieminister im Jahr 2021 

»Wir werden es ausbeuten, wir werden es fördern, wir werden es verkaufen, wir werden es zu Geld machen.«
Didier Budimbu, der Kohlenwasserstoffminister der Demokratischen Republik Kongo im Jahr 2022 

Die katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise sind inzwischen so überdeutlich, dass man schon gewaltige Anstrengungen unternehmen muss, um sie weiterhin zu ignorieren oder ihre Ursache zu leugnen (trotzdem wird man das im Forum zu dieser Kolumne wieder beispielhaft beobachten können). Spanien und Portugal vertrocknen, Rhein und Loire führen so wenig Wasser, dass sie mancherorts wie Wüsten- oder Wattlandschaften  aussehen, in weiten Teilen Europas ächzte man wochenlang unter nie dagewesener Hitze. Die Dürre verursacht Brände, gefährdet Ernten und treibt Land- und Forstwirte zur Verzweiflung. Die deutschen Gletscher schmelzen ihrer Vernichtung entgegen.

Erinnern Sie sich noch an die Leute, die Greta Thunberg »hysterisch« fanden?

Und das ist nur die Lage in Europa. In den USA trocknet etwa das gigantische durch den Hoover-Damm geschaffene Wasserreservoir Lake Mead in Nevada aus und legt die Skelette vor Jahrzehnten Ermordeter  frei. Derzeit liegt der Füllstand noch bei 27 Prozent. Im benachbarten Kalifornien brennt wieder einmal der Wald , und zwar bereits seit Wochen. Mehr als 36 Quadratkilometer Baumland sind schon verbrannt. 

Auf Sand gebaut, buchstäblich

Anderswo gibt es nicht zu wenig Wasser, sondern zu viel. In Florida etwa kann man schon jetzt viele Häuser kaum noch oder gar nicht mehr versichern  – nicht nur, aber auch wegen der Gefahr durch steigende Meeresspiegel und immer extremere Hurrikane. Insgesamt, stellte die »Union of Concerned Scientists« schon 2018  fest, sind mindestens 300.000 Privathäuser und 18.000 Gewerbeimmobilien in den USA bis 2045 von »permanenter Überflutung« bedroht. Der Gesamtwert der buchstäblich dem Untergang geweihten Gebäude an den Küsten wurde damals auf über 130 Milliarden Dollar geschätzt. Zu erwartende Hurrikanschäden sind da noch nicht mit eingerechnet.

Auch auf der anderen Seite des Globus, in Korea zum Beispiel, gibt es gerade zu viel Wasser. Seoul hat eben die heftigsten Regenfälle seit 115 Jahren erlebt.  Mindestens neun Menschen starben. Südkoreas Präsident Yoon Suk-yeol sagte: »Wir können diese extremen Wetterlagen einfach nicht weiterhin ungewöhnlich nennen.«

»The new normal«? Weit gefehlt

Der Mann hat recht. Was gerade passiert, ist nicht mehr ungewöhnlich. Es ist aber auch nicht »der neue Normalzustand«, wie mancherorts gerade öfter zu lesen oder zu hören ist. Wir haben es mit etwas völlig anderem zu tun.

Vielen Menschen scheint nach wie vor nicht bewusst zu sein, in welch einer klimatisch friedlichen, außergewöhnlich menschenfreundlichen Zeit die menschliche Zivilisation entstanden ist. Und dass diese friedliche, stabile Zeit gerade endet. Verursacht durch uns, die Menschheit. Genauer: verursacht vor allem durch die gegenwärtige und historische Bevölkerung des sogenannten Globalen Nordens im erdgeschichtlich betrachtet wirklich winzigen Zeitraum von gut 200 Jahren. Die einzigen Ereignisse, die sich nur halbwegs mit dem Zerstörungstempo menschlichen Handelns vergleichen lassen, sind Asteroideneinschläge.

So wie der, der die Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren ausrottete. Er verursachte das fünfte Massenaussterben der Geschichte. Wir verursachen gerade das sechste. 

Vom Kühlhaus zum Treibhaus in einem Wimpernschlag

Das sogenannte Holozän mit seinem stabilen, berechenbaren, menschen- und zivilisationsfreundlichen Klima begann vor etwas weniger als 12.000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit. Noch immer aber leben wir, auch wenn das die meisten nicht so wahrnehmen, auf einer »Kühlhaus-Erde«, wie der Paläontologe Thomas Halliday das in seinem faszinierenden Buch »Otherlands« nennt, das vom Wandel von Ökosystemen im Lauf der Erdgeschichte handelt.

Ein Kühlhaus, das ist eine Welt mit gefrorenen Polkappen. Das andere Ende des Spektrums ist eine »Treibhaus-Welt«, ohne Eis, wärmer und natürlich viel nasser. Die Erde schwankt, normalerweise sehr langsam, zwischen diesen beiden dann jeweils relativ stabilen Extremen. Die letzte »Treibhaus«-Phase endete vor weit über 30 Millionen Jahren.

Ständige Instabilität garantiert

Diese jüngste Eishausphase aber, zu der auch unser gemütliches Holozän zählt, geht jetzt einem – erdgeschichtlich betrachtet – ziemlich jähen Ende entgegen, wenn wir nicht endlich entschlossen und viel schneller handeln. Ein stets Teile des Jahres eisfreier Nordpol ist längst in Sichtweite: Eine neue Studie aus Finnland hat gerade gezeigt, dass sich die arktischen Regionen viermal, mancherorts sogar siebenmal schneller erwärmen  als der Rest des Planeten. Und auch das antarktische Meereis schmilzt bekanntlich, und zwar ebenfalls schneller als erwartet. All das wirkt sich auf das globale Wetter aus. Schon jetzt.

Das wird übrigens Folgen haben, die gerade rechten Politikern mit Migrationsängsten zu denken geben sollten, die ja Klimapolitik oft lieber verhindern möchten. Um den Paläontologen Halliday zu zitieren: »In einer dramatisch veränderlichen Umwelt ist Mobilität entscheidend für das Überleben. Irgendwo auf dem Kontinent wird es immer eine Zuflucht geben.«

Wir haben die Welt in einen Zustand versetzt, der ständige Instabilität und damit gewaltige Fluchtbewegungen garantiert. Und vorerst wird es in jedem Fall weiter wärmer. Die Erde, auf der wir jetzt leben, ist eine andere als die aller Generationen seit Beginn der menschlichen Zivilisation – aber in den Köpfen vieler Menschen scheint diese Tatsache noch nicht angekommen zu sein. Das gilt unglücklicherweise auch für die Köpfe vieler Politikerinnen und Politiker. Noch vor wenigen Jahren war es schließlich möglich, die Klimakrise – und das ebenfalls katastrophale Artensterben – zu verdrängen, zu ignorieren, konsequentes Handeln auf die lange Bank zu schieben.

Psychologische Herkulesaufgabe

Die meisten Menschen, die aktuell in Regierungsverantwortung sind oder Unternehmen führen, nicht nur hierzulande, gehören zu der Generation, der das Ignorieren, das Verdrängen und vielfach sogar das Leugnen der nahenden Katastrophe über die Jahre zur zweiten Natur geworden ist. Sich selbst und anderen einen so gewaltigen, so ungeheuerlichen Fehler einzugestehen, das ist eine psychologische Herkulesaufgabe. Zumal sich die Verantwortung doch scheinbar auf so viele Schultern verteilt. Wieso ausgerechnet ich, wieso ausgerechnet wir?

Vor diesem Hintergrund ist das in den USA am Freitag verabschiedete Klimagesetz der Regierung Biden, erbittert bekämpft von den Republikanern, tatsächlich ein Hoffnungsschimmer. Ein bald achtzigjähriger Präsident, der seit Jahrzehnten zu der politischen Klasse gehört, die das gegenwärtige Unheil maßgeblich zu verantworten hat, hat es geschafft, etwas zu bewegen. Das Gesetz ist zumindest ein – Hunderte Milliarden Dollar schwerer – Lichtblick. Es enthält aber auch alle möglichen Zugeständnisse an die Fossilbranchen, dank dem mit Kohle reich gewordenen Senator Joe Manchin. Und weiterhin keine Steuer und keinen Preis für CO₂.

Apokalyptischer Todeskult

Dennoch wird es, da sind sich viele Fachleute einig, hoffentlich eine Bewegung in diversen Märkten auslösen, hin zu erneuerbaren Energien, hin zu Elektroautos und besser gedämmten Gebäuden. Das wiederum könnte einen verstärkten Wettbewerb mit China auslösen, das derzeit in Sachen Ausbau erneuerbarer Energien einen einsamen Weltrekord hält. Vor allem aber ist es ein Signal: Dass die USA, zumindest solange der apokalyptische Todeskult namens Republikaner nicht wieder an die Macht gelangt, die Klimakrise als reale, drängende Bedrohung anerkennen.

All das aber ändert nichts daran, dass die ruhigen Zeiten des Holozäns erst einmal vorbei sind. Das Leben auf dem Planeten Erde wird in den kommenden Jahrzehnten immer unberechenbarer, gefährlicher, extremer. Es wäre schön, wenn das auch Politiker wie der Bundeskanzler, der Finanz- und der Verkehrsminister endlich wirklich begreifen würden. Inkrementelles Regieren mit möglichst wenig Abweichung vom Status quo ist in einer Zeit gewaltiger Umbrüche ein miserables Rezept.

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