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05. März 2009, 15:53 Uhr

Düstere Klimaprognose

Chinas Treibhausgasausstoß droht sich zu verdoppeln

Von Volker Mrasek

Ist der Klimakollaps noch abzuwenden? Forscher äußern sich in einer neuen Studie pessimistisch: Was auch immer die westlichen Industriestaaten tun - Chinas Treibhausgasausstoß ist selbst unter utopisch guten Voraussetzungen kaum zu bremsen.

Was für eine Wunschvorstellung: Die USA schmieden unter ihrem neuen Präsidenten Barack Obama eine Anti-CO2-Allianz mit China. Die beiden weltgrößten Kohlendioxid-Verursacher verpflichten sich, ihren Treibhausgasausstoß zu drosseln. Die Übereinkunft krönt den Weltklimagipfel in Kopenhagen Ende dieses Jahres, bei dem ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll beschlossen wird - das die USA bekanntlich bekanntlich nie ratifiziert hatten. Entwicklungs- und Schwellenländer mussten das ohnehin nie, doch in Kopenhagen kündigen nun auch aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China verbindlich an, ihren CO2-Ausstoß zu begrenzen.

Wie gesagt, eine Wunschvorstellung - die mit der Realität nicht viel gemein hat.

"Viele westliche Industriestaaten wollen, dass sich China verpflichtet, seinen CO2-Ausstoß zu reduzieren", sagt Dabo Guan aus der Forschungsgruppe für Strompolitik der University of Cambridge in England. "Doch dazu wird das Land gar nicht imstande sein."

Mit Kollegen aus Norwegen und den USA hat der gebürtige Chinese zuletzt mehrere Studien zum Thema veröffentlicht - die jüngste soeben in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" (GRL). Die Forscher greifen im Wesentlichen auf die neuesten Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) und des Nationalen Büros für Statistik (NBS) in China zurück.

Das beunruhigende Ergebnis der Analysen: Selbst bei großer Effizienzsteigerung und einer breiten Einführung klimafreundlicher Energietechnologien würde sich Chinas CO2-Ausstoß in den kommenden beiden Jahrzehnten fast verdoppeln gegenüber 2002.

Denn die inzwischen viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde wird auch in Zukunft kräftig wachsen - obgleich wegen der Finanzkrise vorübergehend nicht mehr ganz so schnell wie zuletzt. Sie wird Städte- und Straßenbau, Infrastruktur- und Verkehrsprojekte vorantreiben und die Industrieproduktion ausweiten. Zwischen 1990 und 2002 eröffnete das Land 47 neue Flughäfen, das Fernstraßennetz wuchs zwischen 1981 und 2002 um 800.000 Kilometer. Bis 2030 könnte Chinas Bevölkerungszahl von heute rund 1,3 auf dann 1,5 Milliarden Menschen gewachsen sein. Immer mehr städtische Haushalte werden bis dahin einen westlichen Lebensstil annehmen - mit Klimaanlage, Kühlschrank, Fernseher, Computer und anderen Stromfressern.

Chinas Energiebedarf steigt rasant

Das alles treibt den Energiebedarf in China steil nach oben. Um ihn zu decken, werden die Kraftwerke des Landes den Prognosen von IEA und NBS zufolge 2030 mehr als 8600 Terawattstunden Strom liefern müssen - rund dreimal so viel wie 2006.

Der Anteil klimaschädlicher Kohle an der Elektrizitätserzeugung, heute 83 Prozent, soll zwar zugunsten von Biomasse, Wasser-, Wind- und Kernkraft zurückgehen. Doch mit geschätzt 70 Prozent wird Kohle der mit Abstand wichtigste Energieträger im bevölkerungsreichsten Land der Erde bleiben.

Auf Basis dieser Zahlen entwickelten Dabo Guan und seine Kollegen eigene Planspiele für die kommenden beiden Jahrzehnte - darunter ein bewusst viel zu optimistisches Technik-Szenario. Die Forscher unterstellten kurzerhand, dass China jedes neue Kohlekraftwerk ab sofort mit der sogenannten CCS-Technologie ("carbon capture and storage") ausstattet, Kohlendioxid folglich aus ihrem Abgas entfernt und unter Tage einlagert. Diese CO2-Sequestrierung ist derzeit erst in einer frühen Erprobungsphase. Mit seiner großtechnischen Serienreife rechnen Experten kaum vor 2025.

Düstere Aussichten selbst im Best-Case-Szenario

Das ernüchternde Resultat dieses utopischen Szenarios: Selbst mit flächendeckender CCS-Ausrüstung für neue Kohlemeiler würde Chinas CO2-Ausstoß bis 2030 um 80 Prozent in die Höhe schießen.

"Das zeigt, wie groß die Herausforderung einer Emissionsreduktion wirklich ist", sagt der australische Mathematiker Glen Peters vom Center for International Climate and Environmental Research im norwegischen Oslo. In dem Best-Case-Szenario der Forscher sind drei von fünf Kohlekraftwerken im Jahr 2030 nach wie vor Altanlagen ohne Kohlendioxid-Abscheidung, die noch dazu immer mehr Strom erzeugen. Zudem fällt auch bei CCS-Kraftwerken eine gewisse Restmenge CO2 an.

"Wir haben uns natürlich auch mit regenerativen Energieträgern befasst", sagt Umweltökonom Guan. Würde sich China zum Beispiel dazu verpflichten, seinen Kohlendioxid-Ausstoß 2030 auf den Stand von 2000 zurückzuschrauben, müsste seine Primärenergieproduktion laut Guan zu 40 Prozent aus erneuerbaren Energien wie Biomasse, Wind- und Wasserkraft kommen. "Einen so hohen Anteil hat heute kein Land der Erde, und auch China wird das bis 2030 sicher nicht schaffen", sagt Guan.

"Das wäre ein gefährlicher Weg"

Peters verweist auf den Anteil, den die Industrieländer an Chinas miserabler Klimabilanz ganz offensichtlich haben. In der GRL-Studie analysieren er und seine Mitautoren, warum Energieverbrauch und Emissionen dort von 2002 bis 2007 besonders stark gestiegen sind. Die Hauptschuld trägt demnach das immense Wachstum der Exportgüter-Industrie von jährlich 26 Prozent.

"Etwa zwei Drittel der chinesischen Ausfuhren gehen in die USA, nach Japan, Europa und Australien", sagt Guan - und empfiehlt Verbrauchern in den westlichen Industriestaaten, ihren "luxuriösen Lebensstil" zu hinterfragen. Man müsse ja nicht unbedingt "dreimal pro Woche importierte Lebensmittel essen". Allerdings führt China hauptsächlich Elektronik, Metalle, Chemikalien und Textilien aus.

Noch ein bemerkenswertes Detail: Industrieproduktion und Stromerzeugung in China "sind schmutziger als in vielen anderen Ländern", schreiben die Experten. Güter, die China exportiert, seien viermal so klimaschädlich sind wie jene, die das Land einführt - gemessen an den CO2-Emissionen bei der Herstellung. Das Nachbarland Japan zum Beispiel nutze Energie neunmal so effizient wie China, steht in den Studien.

Peters fordert deshalb, China müsse beim sparsameren Umgang mit Energie ansetzen. In dem Land sei es "ganz normal, dass Gebäude viel zu stark beheizt werden und die Leute dann die Fenster öffnen, damit es nicht zu heiß wird". Es gebe viele solcher "simplen Dinge", die China ändern könne, um Kosten und CO2-Emissionen zugleich zu senken.

Guan rät seinem Heimatland dringend, bloß nicht auf breiter Front den energieintensiven Lebensstil des Westens zu kopieren: "Das wäre ein gefährlicher Weg."

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