Düstere Visionen Weltuntergangsexperten bitten zum Tee

Millionen von Toten, unbezifferbarer Sachschaden: Über globale Katastrophen wie Atomkrieg, Klimawandel und kosmische Strahlung sprechen Weltuntergangsforscher auf einer Tagung in Oxford. Die gute Laune kommt dabei nicht zu kurz.

Von Sebastian Borger


Kinder aus dem Reagenzglas wird es nicht geben, Computer sowieso nicht. Auch Industrie im heutigen Sinn wird wohl einige Jahrtausende lang nicht existieren. Das macht aber nichts, sagt Robin Hanson, ein Mann im eierschalenfarbenen Jackett und lachsrosa Hemd: "In der kosmischen Zeitrechnung ist es unwichtig, ob die Menschheit 1000 oder 100.000 Jahre braucht, um zum heutigen Entwicklungsstand zurückzukehren."

Hanson ist Wirtschaftprofessor und spricht zum Thema "sozialer Zusammenbruch und die Auslöschung der Menschheit". Im schicken Hörsaal der Said Business School in Oxford hat er eine elitäre Zuhörerschaft um sich gescharrt: Risikoforscher, Juristen, Biologen, Physiker, Philosophen. Sie nehmen an einer Tagung über globale Katastrophen teil.

Keiner der Anwesenden würde sich qualifizieren für die Gruppe von Jägern und Sammlern, die Hanson in geheimen Kommunen tief unter der Erde versammeln will - in Endzeitbunkern. Aber vielleicht finden die Tagungsteilnehmer noch einen Weg, den Weltuntergang zu verhindern. Zum Beispiel durch Gründung eines Überlebensmarktes, auf dem die Tickets für Hansons Bunker gehandelt werden wie an der Börse - "vielleicht eine kuriose Idee", wie der Ökonom vorsichtig einräumt.

Aber das macht nichts. Kuriose Ideen gehören zum Alltag am Institut "Zukunft der Menschheit" (FHI) in Oxford, der weltweit einzigen interdisziplinären Forschungsstätte, wo Bedrohungsszenarien analysiert werden: Atomkrieg, Klimawandel, Kometeneinschlag, Labor-Unfall - wie hoch stehen die Risiken für ein derartiges Ereignis, wie lässt sich ihm vorbeugen, was wären die Folgen? "Global Catastrophic Risks" ist die dreitägige FHI-Konferenz überschrieben, Oxford University Press hat gerade ein Buch mit dem gleichen Titel herausgebracht. Die altehrwürdige Universitätsstadt hat sich zum Mekka der Katastrophenforscher herausgeputzt.

Dabei stammt die neue Disziplin, wie so viele Trends, eigentlich von der US-Westküste, und Eliezer Yudkowsky ist ein typischer Vertreter. Das Label "Komischer Kauz" akzeptiert der 28-Jährige aus Palo Alto beinahe wie eine Ehrenbezeichnung: "Seit ich mich erinnern kann, werde ich so genannt." Yudkowsky hat weder Gymnasium noch Universität absolviert, beschäftigt sich hauptberuflich mit Künstlicher Intelligenz und unterweist die Zuhörer in der Kunst, "rational über das Ende der Welt nachzudenken". Das macht er auf sehr fröhliche, mitreißende Art: "Ich habe nämlich eine positive Einstellung zur Menschheit", sagt der Amerikaner.

Weltuntergang als zukunftsträchtiges Forschungsfeld

Beruhigend ist auch der Vortrag von Michelangelo Mangano aus Genf. Der Elementarteilchen-Physiker verteidigt den neuen Teilchenbeschleuniger LHC am Kernforschungszentrum Cern in Genf gegen den Verdacht, dort könnten schwarze Löcher entstehen und die Erde verschlucken. Man habe es mit einer Mischung aus "Ignoranz und Vorurteilen" zu tun, das sei wie die "Hexenjagd des 21. Jahrhunderts".

Mangano hat allerlei Formeln und astronomische Zahlen parat, um seine Thesen zu untermauern. Am schönsten ist aber die unwissenschaftliche Herleitung: In einer hübschen Grafik lässt Mangano zwei Trucks aufeinanderprallen, die sich unversehens in einen Ferrari verwandeln. Genauso absurd, lautet die Botschaft, sei die These, aus den Genfer Hochgeschwindigkeitsexperimenten könne ein Schwarzes Loch entstehen.

Seuchen, Brände, Kometeneinschläge: Forscher beraten in Oxford, woran die Welt zugrunde gehen wird
DPA; NASA / Don Davis; AFP

Seuchen, Brände, Kometeneinschläge: Forscher beraten in Oxford, woran die Welt zugrunde gehen wird

Also doch kein Weltuntergang - jedenfalls vorerst nicht. Was stellt eigentlich eine Katastrophe globalen Ausmaßes dar? Ein deutscher Landrat ruft Katastrophenalarm schon aus, wenn ein paar Straßen durch Bäume blockiert sind. Beim Versicherungssyndikat Lloyds in London gelten 50 Tote, 2000 Verletzte und 50.000 Obdachlose als katastrophales Ereignis - schließlich werden dann hohe Millionensummen zur Auszahlung fällig.

Für Nick Bostrom, den FHI-Direktor und Organisator der Oxforder Tagung, hat noch nicht einmal ein schweres Erdbeben mit 10.000 Toten oder einem wirtschaftlichen Schaden von zehn Milliarden Dollar wirklich globales Gewicht. Die aus seiner Sicht interessanten Ereignisse verursachen Schäden von zehn Billionen Dollar und raffen zehn Millionen Menschen dahin wie die Grippe-Epidemie nach dem Ersten Weltkrieg. Wo die Grenze verläuft? Das sei vage, räumt der Wissenschaftler ein. Für Katastrophenpedanten hat Bostrom eine tröstliche Gewissheit: "Genauer muss man das derzeit nicht definieren."

Vieles ist undefiniert in dieser brandneuen Disziplin, die vielleicht "Weltuntergang - Ursachen und Wirkung" heißen könnte, wenn das nicht ein bisschen merkwürdig klänge. Ein zukunftsträchtiges Forschungsfeld? Rafaela Hillerbrand ist dieser Überzeugung. Die in Physik und Philosophie doppelt promovierte Erlangerin beschäftigt sich am FHI mit der Frage, wie man globale Risiken definieren, Wahrscheinlichkeiten benennen und den möglichen Schaden abschätzen kann. "Das ist wichtig, schließlich geht es um Risiken, die zum Ende der Menschheit führen können", sagt Hillerbrand. Und lächelt.

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