Durchbruch Blutgefäße aus Zellen älterer Menschen gezüchtet

Aus den Zellen älterer, herzkranker Menschen haben amerikanische Forscher erstmals neue Blutgefäße gewonnen. Die Technik könnte eine Hoffnung für Patienten mit verstopften Herzartierien sein, deren eigene Adern nicht für einen Bypass geeignet sind.


Herz-OP: In Zukunft könnten aus eigenen Zellen gezüchtete Blutgefäße helfen
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Herz-OP: In Zukunft könnten aus eigenen Zellen gezüchtete Blutgefäße helfen

Wenn ein Patient einen Bypass braucht, entnimmt man normalerweise ein Adernstück aus dem Bein. Damit bilden Mediziner eine Art Umleitung für das Blut, das nicht mehr durch die verstopfte Herzarterie fließen kann. Bei älteren Patienten oder Menschen, die bereits eine Herzoperation hinter sich haben, sind aber oft keine geeigneten Adern im Bein mehr vorhanden.

Dieses Dilemma könnte man durch eine neue Technik umgehen, die ein amerikanisches Forscherteam um Laura Niklason von der Duke University in North Carolina entwickelt hat. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "The Lancet" schreibt Niklason, dass es erstmals gelungen sei, aus den Zellen älterer Herzpatienten neue Blutgefäße zu bilden.

Bisher konnte man im Labor nur aus Zellen sehr junger Patienten Blutgefäße züchten. Dagegen war die Lebensspanne von Zellen älterer Menschen zu kurz, um mehrere Generationen der Zellen entstehen zu lassen. Menschliche Zellen haben eine Art eingebaute Stoppuhr: die Telomere. Jedes Mal, wenn eine Zelle sich teilt, werden die Enden der Telomere gekürzt - bis die Zelle ein Signal bekommt, sich nicht mehr zu teilen. Bei älteren Patienten ist dieser Zeitpunkt nicht mehr allzu weit entfernt.

Lebenszeit der Zellen verlängert

Mit Hilfe einer Chemikalie konnten die Mediziner um Niklason jedoch die Lebenszeit der Zellen verlängern. Sie entnahmen Zellen aus Beinvenen von vier herzkranken Männern im Alter von 47 bis 74 Jahren, isolierten sie und infizierten sie mit einem Virus. Dieses Virus schleuste ein Enzym in die Zellen, das ein Wachstum der Telomere anregt. Die Zellen aller Patienten konnten sich dadurch sehr viel länger teilen.

Um neue Arterien herzustellen, kleideten sie anschließend Röhrchen mit glatten Muskelzellen aus, die mit dem Virus behandelt worden waren. Danach ließen sie eine Vitamin- und Nährstofflösung durchlaufen, bis die Wände vollständig mit Zellen bedeckt waren. Einen weiteren Zelltyp trugen die Forscher in das Innere des Röhrchens auf, um die Arterie zu vervollständigen.

Nach sieben Wochen sah das künstlich erzeugte Ersatzteil bereits wie ein ganz normales Blutgefäß aus, berichtete Niklason. Allerdings war es noch nicht stark genug, um transplantiert zu werden. Es fehlte den Blutgefäßen noch an Kollagen und Elastin, das sich zwischen und um die Zellen ablagert und sie verstärkt.

Dieses Problem sei nicht einfach zu lösen, räumte Niklason ein. Sie glaubt jedoch, die Methode in den nächsten zehn Jahren perfektionieren zu können. Zunächst sei der Beweis erbracht, dass es grundsätzlich möglich ist, aus alten Zellen neue Blutgefäße zu gewinnen.



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