Durchschaut Röntgenbild zeigt Geheimnis von Giacometti-Skulptur

Von Kopf bis Fuß durchleuchtet: Mit einem mobilen Röntgengerät haben Forscher eine Skulptur des Bildhauers Alberto Giacometti untersucht. In der "Frau auf dem Wagen" fanden sie wundersame Objekte aus der Werkstatt des Künstlers.


Duisburg - 43 Jahre nach dem Tod von Alberto Giacometti hat das Duisburger Lehmbruck Museum ein Werk des Schweizer Bildhauers endlich durchschaut. Die lebensgroße Gipsskulptur "Frau auf dem Wagen" wurde vom Scheitel bis zur Sohle geröntgt. "Radiologisch ist das Ergebnis eine Sensation", sagt Gottlieb Leinz, stellvertretender Direktor des Museums, über den posthumen Befund zu dem Meisterwerk der Duisburger Sammlung.

Versteckte Werkzeuge: "Diese Dinge sind Fundstücke aus dem Atelier des Künstlers."
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Versteckte Werkzeuge: "Diese Dinge sind Fundstücke aus dem Atelier des Künstlers."

Vermutlich meinte Leinz aber eher, dass es sich hier um eine kunsthistorische Sensation handelt. Denn anstelle der Eisenstangen, mit denen Gipsskulpturen üblicherweise stabilisiert werden, zeigt das Röntgenbild eine Feile, einen Handbohrer, viel Draht - und ein Brett. "Diese Dinge sind Fundstücke aus dem Atelier des Künstlers", sagte Leinz. Die Skulptur, die 1986 in die Duisburger Kunst-Kollektion kam, "steckt voller Teile, die Giacometti zufällig aufgelesen hat."

Während die Raspel den schweren Sockel mit den Knien der Figur verbindet, steckt das Brett im Rücken und hält so die Schulter-Gesäß-Partie. Die für den Zusammenhalt der Figur entscheidende Stelle - das Genick - werde durch den Handbohrer befestigt, beschreibt der Kunstexperte: "Der Griff steckt quer im Kopf, der Bohrer im Hals."

"Der Künstler musste sehen, wie er zurecht kam", erklärt Leinz. Die in den Jahren 1943 bis 1945 im väterlichen Atelier in Maloja in der Südschweiz entstandene "Frau auf dem Wagen" war Giacomettis erste große, figürliche Skulptur. Und es war überhaupt das erste Werk des bis dahin als Surrealist geschätzten Künstlers, das er als Resultat seines jahrelangen Ringens um angemessenen figürlichen Ausdruck selbst akzeptiert hat.

Damit markiert sie den Beginn des für den weltberühmten Künstler (1901-1966) typischen Stils: Große, schlanke Figuren, die auf schweren Sockeln wie starr gefroren dastehen und mit ihrer schrundig bewegten Oberfläche von Verletzlichkeit und Vergänglichkeit künden.

Die Erkenntnisse über das unerwartete Innenleben der Figur hätten ihn beruhigt, sagt Leinz. Grund der Untersuchung ist die Vorbereitung einer Giacometti-Schau im kommenden Jahr, bei der die "Frau auf dem Wagen" im Zentrum stehen soll - ergänzt um hochkarätige Leihgaben, die Entstehung und Umfeld der Skulptur verdeutlichen sollen. Maßgeblicher Leihgeber ist unter anderem die in Paris ansässige Giacometti-Stiftung, die den Nachlass des Künstlers verwahrt.

Neben dem wissenschaftlichen Interesse habe ihn vor allem die profane Sorge getrieben, dass die mehrere Millionen Euro teure "Frau auf dem Wagen" irreparabel beschädigt werden könnte, sagt Leinz. Nicht nur, dass sie im Duisburger Museum bewegt werden muss. Bei einem Transport außer Haus hätte sie zerbrechen können, so die Befürchtung des Kurators vor der Röntgenaktion. Bescheidene 1000 Euro hat die Untersuchung der kunsthistorischen Kostbarkeit gekostet, für die der mit einem mobilen Röntgenapparat ausgestattete Kölner Restaurator Hans Portsteffen eine ganze Nacht im Museum verbracht hat.

Antje Lorscheider, dpa



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