Christian Stöcker

DWS-Skandal und Nachhaltigkeitsziele Wie wir den Kollaps herbeiwirtschaften

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Haben Sie mitbekommen, dass diese Woche gleich zwei gewaltige Umweltskandale in den Nachrichten waren? Oder dass die Uno mittlerweile offen vor einem »globalen Kollaps« warnt? Nein? Das hat seine Gründe.
Foto: Paul Campbell / iStockphoto / Getty Images

»Die Erde, die einst so groß schien, muss als so klein erkannt werden, wie sie ist. Wir leben in einem geschlossenen System, wir sind absolut abhängig von der Erde und voneinander, sowohl, was unsere eigenen Leben betrifft als auch für die nachfolgender Generationen.«
Aus der von 2200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterzeichneten Menton-Botschaft von 1972 

Man kann der Menschheit eigentlich nicht vorwerfen, dass sie nicht begriffen hätte, was sie sich selbst und ihrem einzigen Planeten antut. Im Gegenteil. Wir wissen seit mehr als fünfzig Jahren, dass unsere Art, den Planeten zu zerwirtschaften, für die Menschheit nicht langfristig überlebbar ist. Dabei spielte die Klimakrise in der oben zitierten Erklärung von Menton (ein Ort in Frankreich), die im Zusammenhang mit der ersten Uno-Nachhaltigkeitskonferenz der Geschichte vor 50 Jahren veröffentlicht wurde, noch gar keine Rolle.

Darin geht es trotzdem um diverse Probleme, die heute noch drängender, existenzieller sind als damals: Umweltzerstörung, Ressourcenverbrauch, Bevölkerungswachstum und Hunger, Krieg. Die zwei apokalyptischen Reiter der Gegenwart, die permanent zunehmende Erhitzung von Atmosphäre und Ozeanen und das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte, hatten die Unterzeichnenden damals noch nicht so klar vor Augen wie wir heute – aber natürlich sind beide direkte Auswirkungen der gleichen menschlichen Misswirtschaft.

Das Bruttoinlandsprodukt ist ein miserables Maß

Bei der genannten Uno-Nachhaltigkeitskonferenz wurde damals, 1972, einiges erreicht : Zum Beispiel wurde die Uno-Umweltorganisation Unep gegründet, die später wiederum eine Rolle bei der Gründung des Weltklimarats IPCC spielte und maßgeblich am Kampf gegen das Ozonloch beteiligt war – ein schönes, Hoffnung machendes Beispiel für die Effektivität realer globaler Kooperation. Außerdem wurden erstmals konkrete Nachhaltigkeitsziele etwa für Biodiversität und gegen Wüstenbildung ins Werk gesetzt.

Bei einer Jubiläumskonferenz diese Woche in Stockholm  sagte Uno-Generalsekretär António Guterres, wir müssten endlich unseren »sinnlosen und selbstmörderischen Krieg gegen die Natur beenden«.

Unglücklicherweise ist die Lage der Menschheit fünfzig Jahre später nämlich nicht besser, sondern weit schlechter als damals. Die Warnungen des im selben Jahr erschienenen Club-of-Rome-Reports »Die Grenzen des Wachstums« verhallten, zumindest auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene, weitgehend ungehört. Bis heute streben praktisch alle Nationen auf dem Planeten Erde ein mindestens prozentual konstantes und damit exponentielles, ständig beschleunigtes Wirtschaftswachstum an – gemessen an dem für menschliches Wohlergehen reichlich ungeeigneten Maß »Bruttoinlandsprodukt«. Dass dies kein gutes Maß für eine gute Zukunft ist, hat man sogar bei der Industrieländerorganisation OECD längst erkannt , die einst zur Steigerung des Wirtschaftswachstums gegründet wurde.

Zwei schön-schreckliche Beispiele

Noch mehr auf Wachstum bedacht sind die Unternehmen, die dieses blinde, längst als Irrweg erkannte, völlig undifferenzierte Wirtschaftswachstum tragen. Zwei schön-schreckliche Beispiele lieferte die Nachrichtenlage der vergangenen Tage.

Der gigantische Rohstoffkonzern Glencore, der unter anderem mit Öl handelt, einigte sich mit einem US-Gericht auf einen Vergleich: Glencore wird mehr als eine Milliarde Dollar bezahlen, weil seine Manager in Afrika Millionen von Dollar an Schmiergeldzahlungen verteilt haben, um sich Ölförderrechte zu sichern. Außerdem soll der Konzern Ölpreise manipuliert haben. In Großbritannien und Brasilien stehen weitere Strafen an. Insgesamt hat der Konzern dafür vorsorglich 1,5 Milliarden Dollar beiseitegelegt .

So machen die Konzerne, die den Planeten zugrunde richten, das oft: Sie brechen so lange Gesetze, wie sie damit durchkommen, und wenn es nicht mehr geht, dann kaufen sie sich frei. Um die 1,5 Milliarden Dollar ins Verhältnis zu setzen: Glencore hat seinen Anteilseignern gerade vier Milliarden Dollar als Dividende ausgeschüttet . Der Profit des Konzerns lag 2021 bei über 21 Milliarden Dollar.

Uno-Generalsekretär sieht »Sucht nach fossilen Brennstoffen«

Die zweite Nachricht aus der zurückliegenden Woche, die erstaunlich wenig Wellen geschlagen hat, ist eine große Razzia bei der Fondsgesellschaft DWS , die mehrheitlich der Deutschen Bank gehört. Der Vorwurf lautet, dass man dort das doch immer noch recht harmlos klingende »Greenwashing« betrieben habe: Als nachhaltig deklarierte Investitionsvehikel seien in Wahrheit keineswegs nachhaltig. Dafür, dass an den Vorwürfen etwas dran ist, sprechen zwei Tatsachen: Der erste Hinweis, der zu der Razzia führte, kam von der ehemaligen Nachhaltigkeitsbeauftragten der DWS selbst . Und der Chef der Fondsgesellschaft musste unmittelbar nach der Razzia gehen.

Das alles geschieht vor dem Hintergrund, dass wir mit der Erschließung neuer Ölvorkommen und anderen klimaschädlichen Investitionen dringend aufhören müssten, und zwar sofort. Uno-Generalsekretär António Guterres hat vor ein paar Wochen erst gesagt, die Welt müsse ihre »Sucht nach fossilen Brennstoffen« beenden , Investoren müssten aufhören, entsprechende Projekte zu finanzieren.

»Globales Kollapsszenario« und kollektive Blindheit

Jede Tonne CO₂, die ausgegraben oder aus dem Boden gepumpt wird, ist eine zu viel. Wir steuern im Moment auf Bedingungen zu, die einen globalen gesellschaftlichen Kollaps zu einer realen Möglichkeit werden lassen. Das sage nicht ich, das sagt die für globale Risiken zuständige Uno-Behörde UNDRR.

Die Buchstaben DRR stehen für »Desaster Risk Reduction«. Unglücklicherweise erzeugt die Menschheit aber derzeit immer noch mehr Risiken, statt die lange bekannten endlich zu reduzieren, wie schon in der Einleitung des Berichts zu lesen ist. In der medialen Berichterstattung ist der Bericht von Ende Mai  fast vollständig untergegangen, was sicher mit dem Krieg in der Ukraine zu tun hat. Trotzdem ist es ein Symptom für unsere kollektive Blindheit hinsichtlich der größten Bedrohungen überhaupt. Darin heißt es, die Tatsache, dass wir schon diverse sogenannte planetare Grenzen  überschritten haben, weise auf eine »gefährliche Tendenz« hin: Die Welt bewege sich »auf ein globales Kollapsszenario« zu. Damit ist explizit auch der Zusammenbruch von staatlicher, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher Ordnung gemeint.

US-Klimabotschafter John Kerry hat die Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft schon einmal einen »globalen Selbstmordpakt« genannt .

Kurz: Die Zeit drängt unheimlich, und an vielen Fronten gleichzeitig. Aktivistinnen und Aktivisten, die zur Eile antreiben, haben recht. Politik und Wirtschaft aber trödeln, verzögern und zerstören weiterhin. Sie machen sich schuldig, an der jungen Generation und an allen nachfolgenden Generationen. So ist die Faktenlage. Die Leute, die heute abwiegeln, werden überrascht tun, wenn es dann knallt.

»Systemrelevant« = verantwortungslos

Der Uno-Bericht enthält auch einen Abschnitt zu den Ursachen der katastrophalen Blindheit der Welt für die gewaltigen Risiken, auf die sie zusteuert. Die Finanzkrise am Beispiel Island etwa habe konkrete, systemische Ursachen gehabt, nämlich »formale und informelle Systeme, die Finanzinstitutionen umgeben – die Unternehmenskultur in Banken, die Bonus-basierten Gehälter und die Schwäche der Finanzregulierungssysteme«. All das habe zu einer allzu starken Konzentration auf eng definierte, kurzfristige Ziele geführt. Dazu komme, dass sich Verantwortungslosigkeit breitgemacht habe, weil »die Regierung zum ultimativen Bürgen für die Finanzinstitutionen geworden ist«. Brutal formuliert: Wer als »systemrelevant« gilt, der handelt besonders verantwortungslos.

Die zitierte Passage des Uno-Berichts bezieht sich auf die Finanzkrise von 2007 in Island, aber sie passt auch hervorragend zu Exxon, Total, RWE und Co. – und zu den Vorwürfen gegen die DWS. Die Mechanismen sind überall die gleichen: Man schaut auf den kurzfristigen Gewinn, ignoriert Risiken. Man ist unter Umständen bereit, dem eigenen Geschäft nicht nur Moral und Anstand unterzuordnen, sondern auch die Gesetzeslage. Schlimmstenfalls gibt es halt hinterher einen etwas teuren Vergleich vor Gericht.

Dazu kommen diverse psychologische Faktoren, die all das unterfüttern, auch bei intelligenten, erfolgreichen Menschen. Auch Medienkonsumenten wollen vieles von alledem gar nicht so genau wissen. Das aber ist fatal.

CDU und Kanzler vs. Uno-Generalsekretär

In der Politik scheinen mancherorts ähnliche Mechanismen zu wirken, denn auch hier gibt es ja kurzfristige Ziele in Form von Wahlen. Zudem fällt es vielen erfahrenen Politikerinnen und Politikern augenscheinlich schwer, sich einzugestehen, dass sie an der aktuellen Situation mitschuldig sind, und das erzeugt naturgemäß kognitive Dissonanz. Also wiegelt man ab und findet alles nicht so schlimm – oder man wertet gleich diejenigen aggressiv ab, die einen auf allzu unangenehme Weise auf die eigenen Versäumnisse hinweisen.

Der außerordentlich geschmacklose Ausfall von Bundeskanzler Olaf Scholz, der sich beim Kirchentag vergangene Woche von störenden Klimademonstranten an »eine Zeit« erinnert fühlte, die »Gott sei Dank« lange zurückliege, ist ein aktuelles Beispiel. Nicht nur Luisa Neubauer verstand das als Vergleich mit der Nazizeit.

Unterdessen lässt die CDU  in Nordrhein-Westfalen eine Abgeordnete namens Romina Plonsker Koalitionsverhandlungen über »Klimaschutz« führen, die im Aufsichtsrat des Kohlekonzerns RWE sitzt und die Baumhausdemonstranten im Hambacher Forst einmal »Terroristen« genannt hat .

Uno-Generalsekretär Guterres hat einmal einen Satz gesagt, der heute wie ein Kommentar zu alledem klingt: »Klimaaktivisten werden manchmal als gefährliche Radikale dargestellt, aber die eigentlichen gefährlichen Radikalen sind die Länder, die die Produktion fossiler Brennstoffe steigern.«

Die 50 Jahre alte Menton-Botschaft scheint aktueller denn je – aber noch immer wollen viele sie einfach nicht hören. Noch aber ist es nicht zu spät. Wir wissen ja, was zu tun ist.