Ebola-Epidemie in Westafrika Traditionen erschweren Kampf gegen tödliches Virus

Hilfsorganisationen versuchen weiterhin, die Ausbreitung des gefährlichen Ebola-Virus in Guinea, Sierra Leone und Liberia einzudämmen. Ihre wichtigste Aufgabe scheint banal.

Mediziner in Kenema (Sierra Leone): "Ein Ende der Epidemie ist noch nicht abzusehen"
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Mediziner in Kenema (Sierra Leone): "Ein Ende der Epidemie ist noch nicht abzusehen"


Es sind vermeintliche Kleinigkeiten, die entscheiden, ob sich ein Mensch mit dem gefährlichen Ebola-Virus infiziert: Angehörige in den Risikogebieten in Westafrika dürfen ihre Verstorbenen nicht waschen, bevor sie diese beerdigen. Sie dürfen sie auch nicht auf die Stirn küssen, auch wenn dies zur Tradition gehört. "Unsere größte Aufgabe bleibt es, Menschen in betroffenen Regionen zu schulen, damit sie sich nicht anstecken", sagt Marino Lugli, verantwortlich für die Ebola-Einsätze von "Ärzte ohne Grenzen".

Es gebe viele kulturelle Praktiken und traditionelle Überzeugungen zu überwinden, die derzeit einen wirksamen Schutz der Menschen verhindern. So werden etwa Verwandte, die erste Symptome aufweisen, immer wieder versteckt, um sie vor dem Zugriff der Ärzte zu schützen.

Der Kampf gegen die Ebola-Epidemie in Westafrika sei noch lange nicht beendet, sagt Lugli. "Wir kennen Verläufe für eine einzelne Stadt, da dauert es nach Ausbruch der Krankheit bis zum Ende etwa vier Monate." Aber hier haben es die Ärzte mit Infizierten in 20 Städten in drei Ländern zu tun. Es dauere sicher noch bis Ende dieses Jahres, bis es gelingt, die Ausbreitung des Virus in Guinea, Sierra Leone und Liberia einzudämmen.

80 Patienten als gesund entlassen

Ärzte ohne Grenzen hat nach eigenen Angaben bisher mehr als 500 Patienten behandelt, die unter Ebola-Verdacht standen oder definitiv mit der Krankheit infiziert waren. Bislang verzeichnet die WHO in den drei betroffenen Ländern Guinea, Sierra Leone und Liberia 779 registrierte Krankheitsfälle und 481 Tote. Insgesamt 300 Mitarbeiter sind in Westafrika im Einsatz. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist inzwischen vor Ort, und das Rote Kreuz unterstützt die Mediziner. In der vergangenen Woche verständigten sich die Beteiligten auf einer Konferenz in Ghanas Hauptstadt Accra auf die weiteren Schritte.

Ebola-Epidemie in Westafrika: Betroffene Regionen, Stand 3.7.14
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Ebola-Epidemie in Westafrika: Betroffene Regionen, Stand 3.7.14

Immer wieder gibt es zumindest kleine Erfolge zu vermelden, zuletzt aus Guinea. Hier konnten mehr als 80 Patienten gesund aus den Isolationsstationen entlassen werden. Aktuell betreibt Ärzte ohne Grenzen drei Ebola-Projekte in Guinea: eines im Donka-Krankenhaus in der Hauptstadt Conakry, eines in Telimélé in der Region Basse-Guinée (Niederguinea) und ein weiteres in Guéckédou in der Region Guinée forestière (Waldguinea), dem Epizentrum des Ausbruchs.

In jedem der Projekte leisten die Ärzte medizinische Versorgung, psychosoziale Behandlung und ambulante Hilfe. Sie desinfizieren Leichen, organisieren sichere Bestattungen und reinigen kontaminierte Areale. Außerdem bieten sie Hilfe bei der Überwachung von Personen, die mit Infizierten in Kontakt waren, und bei epidemiologischen Analysen.

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Ebola-Epidemie: Verharmlosung eines tödlichen Virus
Eine Behandlungsstation wurde geschlossen

Eine differenzierte Betrachtung der Überlebensraten zeigt jedoch, wie schwer es ist, das Ebola-Virus unter Kontrolle zu kriegen:

  • In Conakry hat Ärzte ohne Grenzen 59 Ebola-Patienten behandelt, 33 von ihnen sind wieder gesund.
  • In Guéckédou konnten von 130 Patienten nur 31 gesund entlassen werden.
  • Auch in Telimélé hat die Organisation 21 bestätigte Ebola-Patienten behandelt, 16 von ihnen haben das Virus überlebt.

Ein Team in Macenta in Guinée forestière (Waldguinea) behandelte sieben Patienten - fünf starben, zwei konnten gesund entlassen werden. Inzwischen konnte das Behandlungszentrum aber geschlossen werden, da es dort nach 21 Tagen keine neuen Fälle mehr gab.

Auch in Sierra Leone und Liberia sind die Ärzte ohne Grenzen aktiv. In Sierra Leone versucht die Organisation im Osten, an den Grenzen zu Guinea und Liberia die Verbreitung des Virus einzudämmen. In Liberias Hauptstadt Monrovia unterstützt ein Team das Gesundheitsministerium bei seinen Bemühungen, die Ausbreitung von Ebola einzudämmen.

Das Ebolavirus
Ebolafieber
Die Erkrankung beginnt wie eine Erkältung: Fieber, Kopf-, Hals- und Muskelschmerzen sind meistens die ersten Symptome. Hinzu kommen Übelkeit und, nach fünf bis sieben Tagen, schwere Schleimhautblutungen im Magen-Darm- und Genitaltrakt. Die für die Blutgerinnung wichtigen Blutplättchen (Thrombozyten) sind bei vielen Patienten stark verringert, die Patienten drohen innerlich zu verbluten. Später versagen die Nieren ihren Dienst, schließlich das Herz-Kreislauf-System. Eine Heilung gibt es bislang nicht, 50 bis 80 Prozent aller Betroffenen sterben.
Virus
Die Viren stammen vor allem aus Afrika und Südostasien. Sie gehören zu den sogenannten Filo-Viren, von denen bislang drei Stämme bekannt sind (Ebola-, Marburg- und Reston-Virus). Vor allem Ebola- und Marburg-Virus ähneln sich stark und lassen sich anhand der Symptome beim Menschen nur schwer unterscheiden. Allerdings unterscheiden sie sich in ihren Antigenstrukturen.
Ansteckung
Die Übertragung der Ebolaviren von Mensch zu Mensch findet durch infizierte Körpersekrete statt. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis 21 Tage. Ist von einer Infektion noch nichts bekannt, können sich die Viren innerhalb eines Krankenhauses immer dann ausbreiten, wenn Hygienemaßnahmen nicht streng verfolgt werden. Zur Vermeidung von Ansteckungen muss das Krankenhauspersonal engen Kontakt zum Infizierten meiden und ihn isolieren. Vor allem mit Blut und anderen Sekreten kontaminiertes Material muss fachgerecht entsorgt werden.

In Deutschland gibt es in neun Städten Sonderisolierstationen: in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf, Leipzig, Würzburg, Stuttgart und Saarbrücken.
Nachweis
Um eine Infektion mit Ebolaviren zu diagnostizieren, muss ein Labor entweder die Viren selbst, Bestandteile oder spezifische Antikörper gegen die Erreger nachweisen. Es besteht Meldepflicht.
Epidemien
Häufig gehen Epidemien beim Menschen von infizierten Menschenaffen aus, der Hauptwirt des Virus ist jedoch noch nicht bekannt.

2000 erkrankten in Uganda 425 Menschen bei ein Epidemie, mehr als die Hälfte (53%) starb.

2003 breitete sich das Virus in Kongo-Brazzaville aus, 140 Menschen erkrankten, 123 starben.

2007 war wieder Uganda betroffen: Laut Weltgesundheitsbehörde WHO erkrankten 121 Menschen, 35 fielen der Infektion zum Opfer.

2009 war die Demokratische Republik Kongo betroffen: Von 36 Betroffenen starben nach Angaben der WHO zwölf.

Seit Dezember 2013 grassiert das Ebolavirus in Westafrika. Es ist der bisher größte bekannte Ausbruch. Bis Mitte August 2014 starben mehr als 1000 Menschen an den Folgen einer Infektion.

Zu weiteren Ausbrüchen kam es im Sudan, Gabun und an der Elfenbeinküste.

nik

insgesamt 2 Beiträge
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Krips 03.08.2014
1. Enorm schwierig!
Wenn der Respekt vor dem Leben in Widerspruch zum Respekt vor kulturellen Eigenheiten tritt - wofür soll man sich dann entscheiden? Kann man medizinischem Personal zumuten sich von einem unbelehrbaren Mob totschlagen zu lassen, der aus fundamentalistisch-traditionellen Gründen sinnvolle Hilfsmaßnehmen ablehnt? Darf man diese Menschen ihrer Verblendung überlassen und sich darauf beschränken, die Stammesgebiete unter strengste Quarantäne zu stellen, damit sich die Seuche wenigstens nicht weiter ausbreitet? Ganz falsch wäre sicher gar nichts zu tun. Ich habe mich sowieso schon gewundert, daß nicht zumindest der Flugverkehr strenger überwacht wird. Ich käme mit keiner Nagelschere oder Schampoo-Flasche in irgendein Flugzeug - aber mit Ebola? Kein Problem!
hermannheester 09.08.2014
2. Der Ahnenkult ist nicht nur afrikanisch
Zitat von sysopREUTERSHilfsorganisationen versuchen weiterhin, die Ausbreitung des gefährlichen Ebola-Virus in Guinea, Sierra Leone und Liberia einzudämmen. Die wichtigste Aufgabe scheint banal. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ebola-epidemie-traditionen-erschweren-eindaemmung-des-virus-a-979667.html
Auch bei uns werden Verstorbene oft noch an den unmöglichsten Stellen liebkost und geküsst und auch an Infektionen Verstorbene sind nicht sicher davor. Das hat wahrlich nicht gleich was mit Unterentwicklung zu tun - oder doch?
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