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02. Juli 2014, 16:58 Uhr

Epidemie

WHO warnt vor internationaler Ausbreitung von Ebola

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Die Symptome gleichen anfangs denen einer Grippe, doch in den meisten Fällen verläuft die Krankheit tödlich: In Westafrika steigt die Zahl der Ebola-Infizierten, bislang starben 467 Menschen. Die WHO warnt vor einer Ausbreitung.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat wegen der außer Kontrolle geratenen Ebola-Epidemie in Westafrika ein Krisentreffen einberufen. Am Mittwoch und Donnerstag beraten die Gesundheitsminister aus elf afrikanischen Staaten mit internationalen Gesundheitsexperten und Hilfsorganisationen darüber, wie der weltweit schwerste Ausbruch, den es je gab, bekämpft werden kann.

"Es handelt sich nicht mehr um einen landesspezifischen Ausbruch", erklärte der für Afrika zuständige WHO-Direktor Luis Sambo. Seine Behörde sei tief besorgt wegen der Verbreitung über Ländergrenzen hinweg und der "Möglichkeit einer weiteren internationalen Ausbreitung". Bereits in der vergangenen Woche hatte die Organisation Ärzte ohne Grenzen Alarm geschlagen, der Ebola-Ausbruch in Westafrika sei "völlig außer Kontrolle".

Die aktuelle Ebola-Epidemie fordert mehr Opfer als jede andere zuvor in der Geschichte. In Guinea, Sierra Leone und Liberia starben den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zufolge 467 Menschen an Ebola, seit Jahresbeginn wurden 759 Infektionen verzeichnet, darunter 544 bestätigte Fälle. Als bisher schwerster Ausbruch galt die Epidemie 1976 im Kongo. Damals starben 280 Menschen.

Eine der tödlichsten Krankheiten weltweit

Ebola ist eine der tödlichsten Krankheiten weltweit. Woher das Virus bei diesem Ausbruch stammt, ist noch unklar. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin gelten Flughunde als wahrscheinlichste Quelle. Der Erreger wird durch Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen und ist hoch ansteckend. Es gibt weder eine wirksame Schutzimpfung noch Medikamente. Die Infizierten haben zunächst grippeähnliche Symptome, dann kommen hohes Fieber, Durchfall und innere Blutungen hinzu. Bis zu neun von zehn Erkrankten sterben, viele von ihnen durch Herz-Kreislauf-Versagen.

In der Theorie ließe sich die Epidemie durch einfache Maßnahmen eindämmen: Die Kranken müssen isoliert und die Toten so begraben werden, dass niemand mehr mit ihren Körpern in Kontakt kommt.

In der Praxis scheitern diese Vorkehrungen aber an mehreren Punkten. Die Infizierten suchen nicht unbedingt medizinische Hilfe, weil sie die Symptome entweder nicht zuordnen können und von Ebola noch nichts gehört haben. "Manche Menschen bezweifeln, dass es Ebola überhaupt gibt", sagt Halimatou Amadou, Kommunikationsbeauftragte der Organisation Ärzte ohne Grenzen, "andere verdächtigen die Helfer, die Krankheit eingeschleppt zu haben." Im Süden Guineas hat das Rote Kreuz jetzt eine Hilfsaktion abgebrochen, nachdem Mitarbeiter von Einheimischen mit Messern bedroht worden waren.

Die Helfer kommen mit Schutzanzügen und Atemmasken

An mehreren Orten wurden spezielle Behandlungszentren eingerichtet. Es gibt darin Betten für die Infizierten, Bereiche, in denen Verdachtsfälle untersucht werden und einen Behandlungstrakt für die sicher Erkrankten. Wenn die Helfer eine der Ebola-Kliniken betreten, müssen sie sich in Schutzanzüge kleiden und einen Atemschutz anlegen, sie tragen Gummistiefel und Handschuhe.

Viele Hilfsteams versuchen, in den Dörfern Überzeugungsarbeit zu leisten, aufzuklären und gleichzeitig Menschen zu untersuchen, die sich möglicherweise mit dem Ebola-Virus infiziert haben. Verdachtsfälle nehmen sie, wenn möglich, gleich mit in die Behandlungszentren, um sie zu testen und zu behandeln. Das gelingt allerdings nicht immer, denn mitunter verstecken sich Erkrankte aus Furcht, aus den Isolierzelten nicht mehr lebend herauszukommen.

"Die Menschen haben große Angst vor der Krankheit, die in der Region noch völlig unbekannt ist", sagt Amadou. "Es gibt großes Misstrauen gegenüber Gesundheitseinrichtungen." Außerdem fehle in der Bevölkerung das Wissen, wie sich die Krankheit ausbreitet. Weil sich die Menschen viel auch über ihre Landesgrenzen hinaus bewegten, gelange auch das Virus in neue Regionen.

Die liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf warnte ihre Landsleute davor, die Epidemie zu unterschätzen. "Ich möchte alle Mitbürger öffentlich darüber informieren, dass die Epidemie real ist und in unserem Land Menschen tötet", sagte Johnson Sirleaf. Sie forderte die Bevölkerung auf, mögliche infizierte Familienmitglieder nicht in Häusern zu verstecken.

"Wir sind am Limit"

Auch der Umgang mit den Toten ist nicht so einfach, wie es die vorgeschriebenen Maßnahmen vorsehen. Die Verstorbenen müssen in Leichensäcke verpackt und vergraben werden. Allerdings gehört an vielen Orten zum Beerdigungsritual, den Leichnam zu waschen und zu umarmen - ein hohes Infektionsrisiko. Außerdem reisen Menschen von verschiedenen Orten zur Beerdigung an und kehren - möglicherweise mit Ebola infiziert - in ihre Heimat zurück.

"Wir erhoffen uns von dem Krisentreffen in Ghana, dass die Regierungen der drei betroffenen Länder die Epidemie anerkennen und reagieren", so Amadou von Ärzte ohne Grenzen. "Wir sind am Limit und können nicht mehr auf alle Verdachtsfälle reagieren."

Deutschland hat aufgrund der Epidemie bislang keine weiteren Maßnahmen ergriffen. Es sei äußerst unwahrscheinlich, dass Touristen sich anstecken, sagt Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI). In den rund 40 Jahren, in denen der Ebola-Erreger in Afrika bekannt ist, wurde er kein einziges Mal nach Europa eingeschleppt. Nur ein Importfall des verwandten Marburg-Virus ist bekannt. "Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand die Erkrankung einschleppt, ist Deutschland bereits bestens ausgerüstet", so Schaade.

Bundesweit gibt es neun spezielle Behandlungszentren. "Die sind jederzeit einsatzbereit", sagt Schaade. Die Sonderisolierstationen sind auf den Umgang mit gefährlichen Infektionskrankheiten spezialisiert. Dort geht es darum, die Weiterverbreitung zu stoppen und die Patienten zu stabilisieren. Auch am Frankfurter Flughafen gibt es nach Aussage des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin Vorsichtsmaßnahmen. Mittels Wärmekameras können beispielsweise fiebernde Reisende ausfindig gemacht werden.

Mit Material von dpa/AFP/Reuters

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