"edition unseld"-Essay Wie die Wissensgesellschaft betrogen wird

Das Wissen der Welt wächst explosiv. Doch aus Profitgier und Angst wird der Zugang zu neuen Erkenntnissen immer stärker beschränkt. Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin warnt in einem Essay für SPIEGEL ONLINE vor einem neuen dunklen Zeitalter der Desinformation und Ignoranz.

Wir stehen am Beginn des Informationszeitalters, in dem der Zugang zu Wissen in vielerlei Hinsicht wichtiger ist als der Zugang zu materiellen Ressourcen. Tatsächlich wird aber in dieser sogenannten Wissensgesellschaft der Zugang zu Informationen versperrt, und frei erworbene Erkenntnisse werden aus wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen als illegal erklärt. Die zunehmenden Bemühungen von Staaten, Unternehmen und Individuen, Konkurrenten um jeden Preis davon abzuhalten, bestimmte Dinge in Erfahrung zu bringen, die sie selbst wissen, hat zu einer erstaunlichen Ausweitung des Schutzes geistigen Eigentums im Urheberrecht und zu einer beträchtlichen Ausweitung staatlicher Geheimhaltungsmöglichkeiten geführt.

Nach dem amerikanischen Digital Millenium Copyright Act von 1998 und der Urheberrechtsrichtlinie der Europäischen Union aus dem Jahr 2001 ist es zum Beispiel strafbar, gegen Datenpiraterie gerichtete Maßnahmen zu umgehen (also verschlüsselte Informationen unbefugt zu entschlüsseln) und Vorrichtungen zur Umgehung solcher Schutzmaßnahmen in den Handel zu bringen (also verschlüsselte Informationen anderen Menschen unbefugt zugänglich zu machen). Nach dem Bayh-Dole- und dem Stevenson-Wydler-Act von 1980 soll staatliche Forschungsförderung in den USA der Entstehung privaten geistigen Eigentums dienen.

Das Antitrust-Urteil zu Microsoft institutionalisiert die Monopolisierung der Kommunikation durch private Unternehmen. Die Gerichte stützen heute Patentansprüche auf Personaleinstellungs-Strategien, Immobilienverkaufstechniken, das Auffinden chemischer Korrelationen im Körper und die Entdeckung von Genen. Weite Bereiche der Naturwissenschaften, vor allem der Physik und der Biologie, sind inzwischen für den öffentlichen Diskurs gesperrt, weil daraus angeblich Gefahren für die nationale Sicherheit erwachsen.

Das Prinzip, das hinter dem Patentrecht steht, ist einfach: Um einen Anreiz zum Erfinden zu geben, gesteht man Erfindern das alleinige Recht zu, ihre Erfindung wirtschaftlich zu nutzen. Tatsächlich führen Patente allerdings nicht selten zu einem gegenteiligen Effekt: Konzerne lassen in großem Umfang neue und auch zu erwartende Entwicklungen schützen und blockieren damit andere Erfindungen; ein Geistesblitz kann dann schnell eine Verletzung des Patentrechts bedeuten. Im Bereich der Unternehmen sind existenzbedrohende Prozesse bereits jetzt ein ernstes Problem.

Die University of California und eine Firma namens Eolas erstritten gerade ein Urteil über 521 Millionen Dollar gegen Microsoft wegen der angeblichen Verletzung von Patentrechten im Zusammenhang mit Internetbrowser-Protokollen. Die Firma Research In Motion, Eigentümer der beliebten Blackberry Wireless Services, zahlte gerade im Rahmen eines Vergleichs 450 Millionen Dollar wegen der Verletzung von Patentrechten im Zusammenhang mit Protokollen für die drahtlose Datenübertragung. Das City of Hope Medical Center erstritt ein Urteil über 500 Millionen Dollar gegen die Firma Genentech wegen der Missachtung von Lizenzverpflichtungen aus der Nutzung eines für die DNA-Rekombinierung wesentlichen Patents. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.

Inzwischen werden auch einzelne Personen in gezielter Weise wegen solcher Patentverletzungen verfolgt: Der Genetiker Wayne Grody von der University of California in Los Angeles musste seine Forschung zu erblicher Taubheit im Zusammenhang mit dem Gen Connexin 26 abbrechen, weil der Besitzer des für dieses Gen gewährten Patents, die Firma Athena Diagnostics, dafür Lizenzgebühren verlangte, die der Forscher nicht aufbringen konnte. Der Modelleisenbahner Bob Jacobsen erhielt Drohbriefe und eine Rechnung über 203.000 Dollar von KAM Industries, weil er angeblich deren Patentrechte verletzt hatte, als er ein Computerprogramm schrieb und veröffentlichte, mit dem man Modelleisenbahnen steuern konnte. Avery Lee musste den Vertrieb seines Open-Source-Code VirtualDub einstellen, weil Microsoft behauptete, dessen Kompatibilität zu den eigenen Packaging-Protokollen stelle eine Verletzung von Microsoft-Patenten dar.

Die Abschottung und Privatisierung von Wissen führt hier also dazu, dass weniger Erfindungen und damit neues Wissen entstehen können. Auch auf anderen Gebieten ist es nicht immer sinnvoll, Wissen geheimzuhalten. So soll etwa in den Vereinigten Staaten der Atomic Energy Act dafür sorgen, dass nicht jeder Zugang zu Informationen über Kerntechnologie hat, wegen der Gefahr des Missbrauchs. Aber die Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten mit diesem Gesetz gemacht haben, zeigen deutlich, dass die dort bestimmten Straftatbestände und Strafandrohungen die Ausbreitung kerntechnischen Wissens nicht verhindert haben.

Freiwillige Selbstzensur statt Patentrecht? Wie Angst und Tabus die Forschung blockieren

Als wirklich wirkungsvoll hat sich nur die "freiwillige" Selbstzensur erwiesen, ergänzt durch die Gefahr, den Arbeitsplatz zu verlieren, keine Fördermittel mehr zu erhalten und öffentlich an den Pranger gestellt zu werden, wenn man in die "falsche" Richtung forscht oder öffentlich über Dinge spricht, die allseits als Tabu gelten. Genau das geschieht jetzt in der Biologie. Problematisch an dieser Praxis ist natürlich in erster Linie, dass dadurch zwar ihre Fortschritte und auch die von Möchtegernterroristen behindert werden, nicht aber die von Wettbewerbern mit ausreichenden finanziellen Ressourcen, die sich langsam an ihr Ziel heranarbeiten können.

Dabei geht die unmittelbarste Bedrohung auf dem Gebiet biologischen Wissens gar nicht von den Hightechbereichen aus, sondern vom Missbrauch bekannter (und sehr alter) Krankheiten. Mit vielen dieser Krankheiten sind die meisten Ärzte gar nicht mehr vertraut, weil sie so erfolgreich bekämpft worden sind. Aber es gibt sie immer noch, und sie können für bösartige Zwecke benutzt werden. Einschlägige Beispiele sind Pest, Cholera, Typhus, Nagerpest, Milzbrand, Siebentagefieber, Schützengrabenfieber, Gelbfieber, Denguefieber, Hirnhautentzündung, Marburg-Virus und Pocken.

Die Liste der potentiellen Bedrohungen für Kulturpflanzen und Nutztiere ist ebenso lang. Das einzige technische Problem, das gelöst werden muss, wenn man aus diesen Krankheiten eine Waffe machen will, betrifft die Frage, wie man eine große Zahl von Opfern gleichzeitig infiziert und damit eine Epidemie auslöst, die das Gesundheitssystem hoffnungslos überlastet.

Wie dies möglich sein könnte, lässt sich am besten durch ein konkretes Beispiel verdeutlichen. Wenn Sie in der Economy-Class einen Langstreckenflug unternehmen, werden Sie sich mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Erkältung holen. Sie können sich also leicht vorstellen, was geschähe, wenn ein skrupelloser Mensch mit Ihnen an Bord käme, der sich ganz bewusst vorgenommen hätte, Sie und andere mit etwas viel Schlimmerem als einer Erkältung zu infizieren, zum Beispiel mit Pocken. Er könnte sich in selbstmörderischer Absicht selbst mit dem Erreger infiziert haben, um die anderen Flugpassagiere anzustecken. Er könnte sich aber auch gegen die Krankheit geimpft haben und ein kleines Fläschchen mit infiziertem Material an Bord bringen, das er zum Beispiel in Form eines feinen Pulvers auf der Toilette, in den Gängen und an den Ansaugöffnungen der Klimaanlage verstreut. In beiden Fällen würden Hunderte von Menschen sehr schwer erkranken, die wiederum jeweils viele andere infizierten und so weiter, bevor man überhaupt das Problem erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen einleiten könnte.

Ein Szenario genau dieser Art war Gegenstand des beunruhigenden Planspiels "Dark Winter", das im Sommer 2001 in Washington durchgeführt wurde - gerade einmal drei Monate vor den Anschlägen vom 11. September. Nach den Vorgaben des Planspiels hatten Terroristen waffenfähige Pockenerreger in drei großen Einkaufszentren in Oklahoma City, Philadelphia und Atlanta freigesetzt und damit zunächst 3000 Menschen infiziert. Etwa 30 Gramm des entsprechend aufbereiteten Materials hätten dafür ausgereicht.

Am Ende der Simulation war eine weltweite Katastrophe daraus geworden. Tausend Menschen waren der Seuche erlegen, und die Zahl stieg weiter. Es gab 16.000 Neuinfektionen, davon 14.000 allein innerhalb von 48 Stunden. Die Seuche hatte sich über 25 Bundesstaaten und zehn Länder ausgebreitet. Die Krankenhäuser waren überfordert. Die Lebensmittelversorgung und das ganze Wirtschaftsleben gerieten ins Stocken. Die Autobahnen waren verstopft von Menschen, die vor der Gefahr zu fliehen versuchten. Man schätzte, dass einen Monat später eine Million Menschen gestorben und weitere drei Millionen infiziert seien, ohne dass ein Ende abzusehen wäre.

Angesichts der in diesem Planspiel sichtbar gewordenen Bedrohung kann es kaum überraschen, wenn viele Menschen meinen, das Grundlagenwissen über gefährliche Infektionskrankheiten und insbesondere wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über deren Wirkungsweise dürften keinesfalls öffentlich zugänglich sein.

Besonders laut wurde der Protest, als in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September in rascher Folge umfangreiches und detailliertes Material über die Genome der Erreger der Pest, des Milzbrands, der Pocken und des Siebentagefiebers veröffentlicht wurde. Befürworter einer freien Zugänglichkeit entgegneten, eine Zensur schade der Wissenschaft, und gerade das genannte Wissen sei von großer Bedeutung für die moderne Pharmakologie, vor allem für die Entwicklung antiviraler Medikamente, ohne die es unmöglich gewesen wäre, die Aids-Epidemie unter Kontrolle zu bekommen.

Doch es war bereits zu spät. In Australien hatten Forscher gerade ihre Entdeckung bekanntgegeben, wonach die bei Mäusen anzutreffende Pockenvariante durch eine kleine genetische Veränderung eine hundertprozentige Lethalität erhielt. Selbst akademische Wissenschaftler hielten diese Information für äußerst gefährlich und waren der Ansicht, sie hätte nicht veröffentlicht werden dürfen. Damit kam die Maschinerie der Selbstzensur in Gang. Wir dürfen gespannt sein, wie viel Grundlagenwissen zu diesem und anderen Themenbereich in einem Jahrzehnt noch in der Öffentlichkeit zu finden sein wird.

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