Aggressiv durch Hunger Nimm das, Schatz!

Knurrt der Magen, reagiert sein Besitzer schnell gereizt - so weit, so überraschungsfrei. Doch die Art und Weise, wie Forscher diese Theorie jetzt geprüft haben, hat Charme: Sie gaben Eheleuten Voodoo-Puppen - und dazu jede Menge Nadeln.
Voodoo-Puppe nach dem Experiment an der Ohio State University: Nadelstiche auf den Liebsten

Voodoo-Puppe nach dem Experiment an der Ohio State University: Nadelstiche auf den Liebsten

Foto: Jo McCulty / Ohio State University

Wissenschaft und landläufiges Wissen sind nicht immer das Gleiche: Was das Volk für selbstverständlich wahr hält, muss es deswegen noch lange nicht sein - was Forscher immer wieder dazu bringt, auch vermeintliche Binsenweisheiten mit wissenschaftlicher Akribie zu untersuchen. In diese Kategorie gehört wohl auch eine Studie von Forschern der Ohio State University in Columbus: Sie wollen bewiesen haben, dass hungrige Menschen gereizter reagieren als solche, die eben erst gegessen haben.

Unterhaltsamer als diese Erkenntnis selbst ist die Art und Weise, wie das Team um Brad Bushman zu ihr gelangt ist. Die Forscher luden 214 Eheleute zum Experiment. Sie gaben ihnen Voodoo-Puppen, die ihre jeweiligen Partner symbolisieren sollten - und dazu 51 Nadeln. Drei Wochen lang durften die Teilnehmer Abend für Abend - unbeobachtet vom jeweiligen Partner - die Puppen malträtieren. Je verärgerter sie von ihrem Partner waren, desto öfter sollten sie ihn oder sie imaginär durchbohren.

Jeder Proband musste morgens vor dem Frühstück und abends vor dem Zubettgehen seinen Blutzuckerspiegel messen. Die Ergebnisse waren eindeutig, wie die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences"  schreiben: Je geringer der abendliche Blutzuckerspiegel der Probanden, desto mehr Nadeln rammten sie in ihren Puppen-Partner.

Pein per Computerspiel

Nach den drei Wochen durften die Teilnehmer dann das Voodoo-Werkzeug beiseitelegen und ihre echten Partner peinigen. Sie sollten im Labor in einem Spiel gegeneinander antreten, das entfernt an das berüchtigte Milgram-Experiment erinnert: Wer als erster eine Taste drückt, wenn ein rotes Quadrat auf einem Bildschirm erscheint, darf nach jeder Runde entscheiden, wie lange und wie laut dem Verlierer ein Gemisch lauter und unangenehmer Geräusche auf einem Kopfhörer vorgespielt wird. Etwa das Kratzen von Fingernägeln auf einer Tafel, das Heulen von Sirenen oder Zahnarzt-Bohrgeräusche.

Das zumindest erzählten die Wissenschaftler den Teilnehmern. In Wirklichkeit spielten die Partner, die in getrennten Räumen saßen, gegen einen Computer, der sie in knapp der Hälfte der Fälle gewinnen ließ. Auch hier zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Zuckerspiegel am Abend und aggressivem Verhalten: Je niedriger der Blutzucker, je länger und lauter die Geräusch-Attacke auf den Partner. Wie glücklich die Teilnehmer in ihren Ehen waren, habe auf das Verhalten keinen nennenswerten Einfluss gehabt: Auch die Zufriedenen neigten nach Angaben der Forscher zu größerer Gereiztheit, wenn ihr Blutzuckerspiegel sank.

Die Forscher erklären den Zusammenhang mit einer verminderten Selbstkontrolle durch einen sinkenden Blutzuckerspiegel. Glukose sei eine Art Treibstoff für das Gehirn und für die Selbstkontrolle erforderlich. Studien hätten zum Beispiel gezeigt, dass bei einem niedrigen Glukosespiegel aggressive Impulse schlecht unterdrückt und Emotionen nur schwer gesteuert werden können. Konflikte und vielleicht sogar häusliche Gewalt seien womöglich zum Teil Folge dieses einfachen, aber oft übersehenen Zustandes.

Entsprechend einfach ist auch der Tipp, den Forschungsleiter Bushman parat hat: "Sorgen Sie dafür, dass sie nicht hungrig sind, bevor sie eine schwierige Unterhaltung mit ihrem Ehepartner beginnen." Kohlenhydrat- und zuckerhaltige Nahrung ließen den Blutzuckerspiegel am schnellsten steigen.

mbe/dpa/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.